Bei witzigen, paradoxen Titeln ("Wer bin ich und wenn ja wie viele") hat man ja immer die Sorge, der Rest des Buches oder Films laufe nur dem Bonmot nach. Bei Kalle hatte ich immerhin eine begeisterte Besprechung in der Lokalzeitung.
Es geht um die Liebe der Generation 30+, die Hochzeiten als Event feiert, die in der Jugend noch rauchte, die entweder als Bionade-Bourgeoisie im Stadtteil Prenzlauer Berg wohnt oder unauffällig in Kleinstädten und die der Kasseler Soziologe Heinz Bude im Buch "müde, klein, langweilig, geschädigt, nervös" nennt. Sie habe eine Revolution in Sachen Liebe angezettelt, sagt Kalle, indem diese Generation der Scheidungskinder als Schutz vor der allgegenwärtigen Unsicherheit für sich eine Art Bürgerlichkeit wiederentdeckt hat.
Den Kontrast liefert die 68er-Generation, über die im Buch der in München und am Ammersee lebende Paartherapeut und selbst Alt-68er Schmidbauer sagt: "Das Neue damals war die freie Liebe, das Neue war das Regellose." Das sei die alte Revolution vor 40 Jahren gewesen und jetzt sei die Revolution der Wille, "sich in der Beziehung gut zu verhalten." Das kann man glauben - oder auch nicht. Ich denke, es ist eine Frage der Milieus, in die man leuchtet.
Die Interviewten aus den NEON-Kolumnen weisen eine recht einseitige Sozialisierung auf. Die Gespräche haben stark autobiographische Züge, Kalle nennt als seine Schwäche den Egoismus. Da gibt es überraschend viele Modetexteschreiberinnen, Kindertheaterstückautorinnen, Redaktionsvolontäre. Alle sind von Wuppertal nach Berlin und München aufgebrochen und hangeln sich von Job zu Job. Niemand wird diese unsicheren beruflichen Verhältnisse heutzutage bestreiten, die Generation Praktikum lässt grüßen. Aber in der Realität gibt es eben auch den Ingenieur, der für VW drei Jahre in China war und jetzt in Braunschweig aufsteigt. Es gibt die Frau, die das Marketing für die Mittelstands-Software von SAP bestimmt und auch Kinder will oder schon hat. Es gibt die Lehrerin und den Richter. Diese Biographien finden sich im Buch nicht, obwohl deren Paarfindung auch interessant wäre, für die aber das Motiv "Unsicherheit" nicht unbedingt zutrifft. Stattdessen ein auf mich sehr fiktiv wirkendes Interview ("Eine kurze unkäufliche Liebe") mit einem jungen Mann, der mit einer Prostituierten ein romantisches Wochenende voller gegenseitiger Liebe verbringt.
Macht man ein vorsichtiges Fragezeichen hinter das angebliche Lebensgefühl dieser Generation, dann mit Sicherheit auch eines hinter den Mythos "68er". Man musste Ende der Sechziger nicht Mitglied einer Putztruppe werden und erst als Außenminister Englisch on-the-job lernen. Man konnte mit etwas Glück als Austauschschüler in der USA gewesen sein. Man konnte auf den Mond fliegen (1969) oder den Mikroprozessor erfinden (1971). Die Welt stand dieser (meiner) Generation weit offen. Das Muffige der Sechziger wurde dabei im Nebengang gleich mit entsorgt. Nach der Heirat fuhren die Paare mit dem R4 nach Paris, um wie Wolfram Siebeck bei Dehillerin Kochgeschirr zu kaufen. Wieder ein paar Jahre später flogen sie mit ihren Kindern, jener oben genannten Generation angeblicher Schisshasen, nach Mallorca und in die Toskana, wo sie lernten, wie sich das wirklich gute Leben anfühlt.
Dann kamen die Scheidungen. Die Scheidungen taten den Kindern der Wiedervereinigungs- und Lady Di-Generation weh, wie jeder Generation. Was steuert Kinder aber mehr: die stumme Verzweiflung der Eltern in einer toten Ehe, bei der keiner der beiden Eltern die Scheidung wagt, wie es in den Sechzigern war, oder die Scheidung mitzubekommen, ggf. den materiellen Abstieg, aber oft auch die Neubelebung der Liebe eines Elternteils mit einem neuen Partner, wie es seit den Neunzigern immer mehr Paare ihren Kindern vorführten? Mit Glück passierte die Trennung wenn die Kinder das Abi schon hatten und das Ereignis reflektieren konnten. Kinder, die von Anfang an mit der alleinerziehenden Mutter unter erdrückenden wirtschaftlichen Bedingungen aufwachsen, sind nochmal ein anderes Thema. Auch dieses Milieu blendet Kalle aus.
Was folgern Scheidungskinder aus dem, was sie sehen? Ja ich heirate, man kann sich auch scheiden lassen, ohne in Eisen an den Pranger gestellt zu werden. Ja ich heirate, weil ich zeigen will, dass mir das nicht passiert. Nein ich heirate nicht und lasse alles unverbindlich, dann passiert mir das nicht, was meine Eltern durchgemacht haben. Vielleicht ist ja der schizophrene Titel wirklich die Erklärung für die Wiederkehr der bürgerlichen Heirat.
Kalle schreibt gut und witzig. Er glaubt an die Liebe, so wird aus Ironie und Sarkasmus bei ihm nicht Zynismus. Die üblichen Verdächtigen (u.a. Jürg Willi und Niklas Luhmann) werden reichlich zitiert, auch viele Klischees der Paarflüsterer auf dem übervollen Markt der Erklärungsbücher werden bedient ("Der Start der Vernunftehe ist das Ende der Liebe").
Fazit: Gute Unterhaltung für die Hin- und Rückfahrt im ICE (living together apart) auch dann, wenn man die These von der bürgerlichen Revolution nicht vorbehaltslos unterschreiben will.