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Erstickt an euren Lügen: Eine Türkin in Deutschland erzählt
 
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Erstickt an euren Lügen: Eine Türkin in Deutschland erzählt [Taschenbuch]

Inci Y.
3.9 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (40 Kundenrezensionen)
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Produktbeschreibungen

Aus der Amazon.de Redaktion

Geschrieben wie ein Bestseller- Roman, gelesen im Nu von der ersten bis zur letzten Seite: wie ein Schock wirken Handlung und Hergang. Nur: dies ist kein Roman, sondern bittere Wahrheit. Eine junge Türkin erzählt von ihrem jahrelangen Martyrium, zwischen Zwangsehe und Gewalt, Verfolgung, Lieblosigkeit und Unterdrückung.

Inci, so ihr neuer Name, lebt als ungelernte Arbeiterin heute wieder in Deutschland, hier ist sie 1970 auch geboren, wächst dann in Ankara bei der Großmutter auf und kommt Jahre später zurück nach Deutschland. Zwei Zwangsehen, zwei Kinder, Scheidung, keine Schulausbildung, aber einen unbeugsamen, starken Willen und einen unerschütterlichen Glauben an ein besseres Leben lassen sie das meistern, was mit Hölle noch sanft umschrieben ist. Ein sehr persönlicher Bericht, eine intime Offenbarung, aber auch ein Ventil für Verzweiflung und Aussichtslosigkeit.

„Dreimal täglich Prügel gehört in unser Leben wie dreimal täglich essen.“ schreibt sie und die detailreiche, lebendige und anschauliche Art, in der sie die Dramatik ihres Lebens Revue passieren läßt, ruft starke und spontane Betroffenheit hervor. Das, was da auf 300 Seiten steht, kann einen nicht kalt lassen, macht sprach- und fassungslos und noch lange nach der Lektüre kreisen Gedanken um das, was schwer fällt als tatsächlich Geschehenes zu akzeptieren. Starre Regeln bestimmen Incis Leben, sinnlose Traditionen, quälende Pflichten und eine scheinheilige Moral, wie „die Eintrittskarte zur ehelichen Befähigung“- das Jungfernhäutchen. Erniedrigung statt Liebe, devotes Verhalten statt Stolz auf eigene Persönlichkeit, Gefühlskälte und Zorn statt Verständnis. „Ich ersticke an ihren Lügen, an ihrer Scheinheiligkeit, an ihrer Selbstgerechtigkeit, an ihrer Ignoranz.“

Bei aller Subjektivität der Schilderung, dies ist sicher kein Einzelfall in der Türkei, wenngleich die Autorin selbst auch deutlich macht, dass zunehmend europäische Einflüsse die alten Strukturen aufzubrechen beginnen. Dies gilt insbesondere für die Großstädte. Aber: „Was nützt hier in Anatolien die Freiheit, die in den Straßen der modernen türkischen Metropolen pulsiert?“

Ein Buch, das sich lohnt gelesen zu werden, das sicher seltene und offene Einblicke verschafft und das mit einem sehr persönlichen Schicksal konfrontiert. Um Missstände zu wissen, sie zu sehen und zu erkennen, das ist schließlich der erste Schritt auf dem Weg, irgendwann Änderungen herbeizuführen.„Es bleibt ein Trost: Jeder vernichtenden Flut folgt ruhiges Wasser“--Barbara Wegmann -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.

Pressestimmen

»Inci Y. schildert ihre persönliche Geschichte so ergreifend und erschütternd ehrlich, dass der Leser einen intensiven Einblick in die Gesellschaft bekommt, in der die Autorin lebt.« Nürnberger Zeitung »Dieses Buch, das uns den Atem raubt, ist Pflichtlektüre.« Neue Züricher Zeitung »Traurig, erschütternd, persönlich.« Frankfurter Rundschau »Geschichte, bei der man Gänsehaut bekommt. Ohne Happy End, aber auch ohne jede Resignation.« zdf.de

Kurzbeschreibung

Unter dem Pseudonym Inci Y. bricht eine Türkin das Schweigen der Frauen und erzählt stellvertretend für Hunderttausende ihr Leben: als Mädchen eingesperrt, als Frau gedemütigt, geprügelt, vergewaltigt. Von Liebe spricht keiner. Die einen hintergehen ihre Männer, die anderen sind stumme Dulderinnen. In Anatolien genauso wie im Land der Verheißung, in Deutschland.

Über den Autor

Inci Y. hat in Wirklichkeit einen anderen Namen. Sie wurde 1970 als Kind türkischer Gastarbeiter in Deutschland geboren. Ihre Kindheit verbrachte sie bei der Großmutter in Ankara, mit 11 kehrte sie nach Deutschland zurück. Mit 16 wurde sie zwangsverheiratet und zehn Jahre später geschieden. Nach einer weiteren aufgezwungenen Ehe lebt sie heute als ungelernte Arbeiterin mit ihren Kindern in einer deutschen Kleinstadt. -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.

Auszug aus Erstickt an euren Lügen. Eine Türkin erzählt von Inci Y.. Copyright © 2005. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.

Der Plan
Es ist Winter und Mutter kommt wieder einmal von einem ihrer vielen Besuche aus Tokat zurück. Doch dieses Mal spüre ich, daß sie etwas Bestimmtes vorhat. Sie spricht mit Oma und mir und läßt die Katze aus dem Sack:
»Inci, ich will, daß du und Hikmet heiraten.«
Mutter holt ein Foto aus der Tasche, gibt es Oma.
»Inci, das ist ein Mann mit Zukunft. Er geht auf die Schule, wird einen ordentlichen Beruf haben – nimm ihn.« Oma rät mir mit großem Ernst.
»Ich will nicht! Ich heirate Hüseyin!« Tränen laufen über mein Gesicht.
Mutter greift ein, macht ihn schlecht: »Inci, er hat dich belogen. Er taugt nichts. Er wird nie kommen. Und ich werde nie erlauben, daß du ihn heiratest.«
Das ist also ihr Plan. Damit Papa nicht mißtrauisch wird, braucht sie eine Erklärung, warum sie so oft nach Tokat fährt. Wenn sie mich mit dem Sohn ihres Liebhabers verheiratet, wird er mein Schwiegervater und gehört zur Familie. Sie kann ihn besuchen, so oft sie will, schießt es mir durch den Kopf. Wie Schuppen fällt es mir von den Augen.
Wie kann ich mich dagegen noch wehren?
Ich fahre wieder mit nach Tokat.
Wir stapfen durch den knietiefen Schnee. Unter grauem Himmel ducken sich die Häuser hinter schneebedeckten Bäumen. Alles wirkt kalt und feindselig. Trotz der Wärme in Samis Wohnzimmer zittere ich am ganzen Körper wie Espenlaub.
Raki steht auf dem Tisch. Wie immer. Mutter trinkt. Wenn sie genug getrunken hat, will sie zärtlich werden, mir übers Haar streichen. Sonst wehre ich sie ab. Jetzt bin ich nur noch müde. Mürbe geworden. Es geht alles sehr schnell. Ich bin verlobt.
Vielleicht ist es das beste und ich habe endlich meine Ruhe, resigniere ich. Weder Hikmet noch ich hegen Gefühle füreinander. Wir haben bisher noch nicht einmal miteinander geredet. Über unsere Pläne, über unsere gemeinsame Zukunft, wie wir eigentlich zueinander stehen.
Ich vermisse das auch nicht sonderlich. »Dein Mann wird für die Zukunft deiner künftigen Familie sorgen.« So ist es uns jahrelang eingetrichtert worden.
Zum Glück gibt es keine große Verlobungsfeier. Hikmet hütet am nächsten Tag wieder seine zwanzig Kühe. Nebenbei arbeitet er an seinem Fernkurs für seinen künftigen Beruf als Steuerberater. Mit Sema besuche ich ihn.
Im Stall treffen wir auch Hakki, Hikmets Knecht. Er ist leicht geistig behindert. Beim Lachen zeigt er seine Zahnlücken. Er sieht unglaublich häßlich aus. »Schwester« nennt er mich. Hakki ist verheiratet, Vater eines Sohnes und einer Tochter. Hikmet schlägt ihn, wenn er etwas nicht richtig versteht oder falsch macht.
»Sag mal Inci, ißt du gern Küspe?« fragt Hikmet. Er sieht verschlagen aus, Hakki schaut mich mit einem ganz eigenartigen Blick an.
»Ich esse alles, was mein Gastgeber auf den Tisch bringt.« Was hätte ich auch sagen sollen? Küspe kenne ich nicht.
»Was, du würdest Kuhfutter essen? Mein Gott, wie unsagbar blöd du bist.« Hikmets Stimme trieft vor Hohn. Hakki zeigt seine Zahnlücken. Beide lachen sich halb tot.
Hikmets Giftpfeil trifft meinen Stolz ins Mark: Ich kann nicht richtig Türkisch, dabei bin ich Türkin und fühle mich als Türkin. Deutsch verstehe ich zwar recht gut, aber Grammatik ist für mich ein Fremdwort. Überhaupt: Wo gehöre ich eigentlich hin?
Ständig findet Hikmet einen Anlaß, mich lächerlich zu machen. Immer wieder stellt er mich vor allen Leuten bloß. Almanci gelin, deutsche Braut, nennen mich die Einheimischen bald, als wenn ich nicht in die Türkei gehörte. Das macht mich wütend und deprimiert zugleich.
Wie ein Bienenschwarm überfallen uns Besucher aus den umliegenden Dörfern. Sie kommen mit nackten, schmutzigen Füßen, mit dreißig Jahren Dreck in den Gesichtern. Sie riechen nach Schweiß, Schmutz und Tieren. Hikmet auch. Ich muß ihre Hände küssen. Sie küssen mich ins Gesicht. Speichel läuft meine Wangen herunter. Ich ekele mich, bekomme Ausschlag. Mit allen diesen Menschen werde ich nach der Hochzeit verwandt sein.
»Du mußt bei ihnen stehenbleiben, wenn die Besucher essen und trinken. Du mußt sie bedienen. Du darfst nicht laut reden. Du darfst nicht lachen. Du darfst keinen unterbrechen. Du darfst keinem widersprechen.« Jeder fühlt sich für mein Benehmen zuständig.
Und vor allem: »Du darfst keine Hosen tragen.« Die altbackenen Kleider – knöchellange Röcke, hochgeschlossene Blusen – sind genau das richtige. Die flirrende Mode aus Izmir wird weggeschlossen. Ich fühle mich nur noch erniedrigt.
Besonders von Hikmet. Der spricht nur im Befehlston mit mir: »Bring mir Tee. Koch das Essen. Putz meine Schuhe. Zieh was anderes an.«
Für ihn, der so mit mir umspringt, soll ich mich hübsch machen? Wenn nicht, für wen dann sonst? Ich finde keine Antwort auf meine Frage. Deshalb trifft mich die »anatolische Kleiderordnung« nicht sonderlich. Und mit dem Kopftuch, das hier alle Frauen tragen müssen, habe ich sowieso keine Probleme. Wahrscheinlich bin ich eine der wenigen Frauen, die sich aus religiösen Gründen damit identifizieren kann.
»Inci hat hier im Busdepot einen Jungen kennengelernt und mit ihm geschlafen.« Mutter telefoniert mit Papa. Er muß in Deutschland die Einwilligung für meine Hochzeit unterschreiben, weil ich erst sechzehn bin.
»Du kannst beruhigt sein, er kommt aus einer guten Familie, ist Steuerberater. Sie lieben sich sehr«, lügt sie das Blaue vom Himmel herunter.
Ich höre mit. Am liebsten würde ich schreien, daß das alles nicht stimmt. Daß Mutter mich in die Ehe mit einem Wildfremden treibt. Daß ich noch Jungfrau bin. Daß ich Hüseyin will.
Du hast gegen Mutter nicht die Spur einer Chance, Papa wird dir nicht glauben, resigniere ich. Bis heute ist er überzeugt, daß Mutters Lügen Wahrheit sind.

Ausgeliefert
Im April, kurz nach meinem siebzehnten Geburtstag, heiraten Hikmet und ich vor dem Standesamt in Tokat.
Sie kaufen mir ein weißes Satinkleid mit langen Ärmeln und einem perlenbesetzten Dekolleté. Es ist das häßlichste Kleid, das ich je getragen habe. Während der Zeremonie trete ich Hikmet auf den Fuß und sage: »Die Frau führt den Haushalt.« Dies ist ein alter türkischer Brauch – wer schneller mit dem Treten ist, hat das Sagen.
»Was soll der Quatsch?« Hikmet stößt heftig gegen mein Schienbein. Nicht einmal den kleinsten Scherz gönnt er mir. Er läßt alle meine Träume zu Seifenblasen werden. Ich werde rot und schäme mich.
Eine Enttäuschung folgt der anderen. Allmählich durchschaue ich, mit was für einem Typ Mann ich es da zu tun habe. Gut, wir lieben uns nicht. Das akzeptiere ich. Aber Respekt erwarte ich. -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.

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