Der vierte und letzte der auf deutsch herausgegebenen Bände (die anderen sind "Wovon wir reden, wenn wir von Liebe reden", "Kathedrale" und "Würdest du bitte endlich still sein, bitte") von Raymond Carver vereint die frühen und die nach seinem Tod herausgegebenen Storys miteinander. Das Vorwort liefert die langjährige Lebensgefährtin Tess Gallagher, der Carver auch Teile seines Werks gewidmet hat.
Carver zu lesen ist gleichsam eine Herausforderung und trotzdem ein sehr einfaches Vergnügen. Der in Amerika gefeierte Meister der Short-Story Carver ist vor allem ein Meister des Minimalismus. Kurze, einprägsame Sätze, ein sperrlich direktes Vokabular und eine fast schon grausame Art die Umgebung, die Physis offen und erklärt, das Innere seiner Charaktere jedoch verschlossen und unausgesprochen zu lassen. Carver ist also eigentlich eine Art "Meister des Gesagten Ungesagten".
Ausgenommen einige wenige Geschichten in diesem Band (zu dessen Inhalt der Text gleich kommt) sind Carvers Geschichten im Kleinstadtleben von Amerika angelegt, zeigen das Wohnzimmerleben und die Tristes, die Hoffnungslosigkeit und Schwere und die einfachen Gegebenheiten und Schicksale des Lebens. Man sollte sich, so wäre meine Empfehlung, Carver eher über einen seiner 3. anderen deutschen Erzählbände nähern und erst danach diesen Band zur Hand nehmen.
Zum Inhalt:
"Frühe Erzählungen", der erste Abschnitt des Buches, enthält 10 Erzählungen Carvers, die weder örtlich und inhaltlich auf seinem üblichen Territorium spielen, noch in ihrem Stil völlig ausgereift scheinen. Die erste Erzählung "Wilde Jahreszeiten" erinnert sehr an William Faulkner, spätere der früheren Texte kopieren (und persiflieren) augenscheinlich ein wenig von Hemingway, auch einige phantastische Texte sind darunter zu finden.
Die beiden Teile "Neue Erzählungen" und "Postum veröffentlichte Erzählungen" enthalten größtenteils die üblichen Carverstorys, wobei hier auch die Geschichte "Botengang" (eine Erzählung über die letzten Stunden und den Tod von dem von Carver verehrten Anton Chechov) heraussticht.
Tolle Geschichten vom Ende einer Ehe, vom durchringen zu einem neuen Leben und von einem Klafter Holz sind ebenfalls zu finden; Carver lesen ist immer ein Erlebnis (im wahrsten Sinne des Wortes). Er erzählt dem Leser etwas und in dem Leser geschieht das, was in der Hauptperson geschieht.