Aus der Amazon.de-Redaktion
Die Figuren des US-amerikanischen Autors Raymond Carver (1938-1988) tun sich weh, ohne es zu wollen. Nachts haben sie wilde Träume, und dann brüllen sie sich die Angst vom Leib und schlagen wild um sich. Und ihre verletzten Partner schlagen zurück, holen im Dunkeln aus, ohne zu wissen, was sie tun: "Worauf wir beide losbrüllten. Wir beide brüllten und brüllten. Wir hatten einander weh getan, aber vor allem hatten wir uns erschrocken. Wir hatten keine Ahnung, was geschehen war."
Mit schlafwandlerischer Sicherheit führt uns Carver durch die Hilf- und Beziehungslosigkeiten seiner Helden, deren Dialoge immer unvermitteltere Wendungen nehmen und gerade darin ihre vollkommene Orientierungslosigkeit zum Ausdruck bringen ("Wir sind da in was reingeraten, aber ich weiß nicht genau, was"). Genauso ist es auch im Band Erste und letzte Storys, der das stark von Hemingway und Cechov geprägte (und noch stark der Selbstfindung dienende) Frühwerk neben jene reifen Texte stellt, die Carver noch selbst zur Veröffentlichung vorsah oder die im Nachlass (noch roh und ungeschliffen, da nicht zur Veröffentlichung vorgesehen) entdeckt wurden: Präzise, bisweilen minutiöse Darstellungen emotional gestörter Befindlichkeiten, wobei die ganze Melancholie verlorener Liebe durch eine wortkarge und doch pointiert gesetzte Sprache schimmert.
"Wer liest?", fragt sich die Frau des Icherzählers in einer der besten Storys des Bandes: "Ich kann keine Bücher mehr lesen. Wer hat noch Zeit dazu? Wer kann sich noch konzentrieren? Ich kenne niemanden, der liest." Und der Erzähler bemerkt, dass man doch vorher gar nicht über Bücher geredet habe: "Wir haben über unser Leben gesprochen. Bücher hatten nichts damit zu tun." Carvers Erzählungen aber handeln sehr wohl vom Leben, in dem ein verunglückter Telefonanruf sich zum Gespräch auf Leben und Tod entspannen kann und die Geschichte von der Unbehaustheit einer ständig umziehenden Mutter ganz unaufdringlich und im Erzählfluss fast unscheinbar auf die Trauer ihrer Existenz verweist. Schade ist da nur, das mit Erste und letzte Storys die vierbändige Werkausgabe dieses großartigen Autors, die zudem die Bände Würdest Du bitte endlich still sein, bitte, Wovon wir reden, wenn wir von Liebe reden sowie Kathedrale umfasst, abgeschlossen ist. --Thomas Köster
Kurzbeschreibung
Dieses Buch versammelt alle nicht in den drei inzwischen zu Klassikern avancierten Bänden Würdest du bitte endlich still sein, bitteö, Wovon wir reden, wenn wir von Liebe redenö und Kathedraleö enthaltenen Erzählungen Raymond Carvers: Von ersten, tastenden Versuchen in der Art Faulkners, einer Hemingway-Parodie, einem Roman-Fragment bis zu Carvers letzter Erzählung Der Botengang, einer bewegenden Hommage an sein großes literarisches Vorbild Anton Tschechow. Kurz nach Veröffentlichung dieser Erzählung über die letzten Wochen in Tschechows Leben wurde bei Carver Lungenkrebs diagnostiziert. Wenige Monate vor seinem Tod publizierte Raymond Carver unter dem Titel Where Iüm Calling Fromö eine von ihm selbst zusammengestellte Auswahl seiner Erzählungen, der er sieben Neue Erzählungenö hinzufügte. Diese bilden das Herzstückö des vorliegenden Bandes, der abgerundet wird durch fünf posthum veröffentlichte Texte, deren Entdeckung vor wenigen Jahren großes Aufsehen bei Kritik und Publikum erregte. Hiermit liegt das gesamte erzählerische Werk Raymond Carvers auf Deutsch vor. Die Übersetzung auch dieses Bandes stammt von Helmut Frielinghaus. Den Erzählungen vorangestellt ist ein Vorwort von Carvers langjähriger Lebensgefährtin, der Schriftstellerin Tess Gallagher.
Über den Autor
Raymond Carver wurde 1938 in Clatskanie/Oregon geboren. Sein erster Erzählungsband Würdest du bitte endlich still sein, bitte (1976/Berlin Verlag, Frühjahr 2000) machte ihn schlagartig berühmt. Neben einer umfangreichen Lyrikproduktion folgten die Erzählungsbände Wovon wir reden, wenn wir von Liebe reden (1981/Berlin Verlag, Herbst 2000), Kathedrale (1983/Berlin Verlag, Frühjahr 2001) und, wenige Monate vor Carvers frühem Tod, der Auswahlband Where Im Calling From (1988).