...ist Johannes Oerding, jedenfalls für mich, in der deutschen Singer/Songwriterszene noch nicht. Aber mit dieser musikalischen Bewerbung verschafft sich der Wahlhamburger, der gebürtig aus dem Rheinland stammt, eine günstige Ausgangsposition. Wünschte man sich bei vielen Alben der Songwriterszene mehr Linie und weniger Zerrissenheit, so empfinde ich beim Hören von Oerdings Album genau das Gegenteil. Ein paar Ecken und Kanten hätten -Erste Wahl- verdammt gut getan. Aber was nicht ist, kann ja noch werden. Johannes Oerding hat in jedem Fall ein Pfund in die Waagschale zu werfen, das nicht zu knapp bemessen ist. Das ist seine wirklich herausragende Stimme und sein Gefühl, für jeden Song den richtigen Ton zu treffen. Wenn dieser Künstler sich weiter entwickelt, sich nicht mehr in einigen Stücken wie eine Symbiose aus Stefan Gwildis und Edo Zanki anhört, dann dürfen wir für die Zukunft noch einiges erwarten. Vor allem textlich wünschte ich mir bei Johannes Oerding ein bisschen mehr Realität und weniger Heile Welt. Aber nicht, das wir uns da falsch verstehen. Das sind, selbst in der Summe, Kleinigkeiten. Der junge Mann kann singen! Das ist es, was zählt. Alles andere kann und wird man sehen. Mit -Erste Wahl- erreicht Oerding im deutschsprachigen Publikum ganz sicher auch Hörer, die mit Tomte, Kettcar oder anderen führenden deutschen Gruppen nichts anfangen können. Doch ich glaube, dass in Oerding eine Menge mehr Potential steckt.
Anspieltipps: -Hotel zur Einsamkeit- ist eines meiner Lieblingsstücke auf -Erste Wahl-. Radiotauglich, mit Wiedererkennungswert und sauberem Beat. -Die Tage werden anders sein- besticht durch einen einfachen, wunderbaren Rhytmus. -Engel-, die Singleauskopplung des Albums zeigt deutlich die Stärken und Schwächen der CD. Oerdings interessante Stimme, unterstützt von einem ganzen Orchester von Instrumenten, singt einen(leider) ziemlich flachen Text. -Lass mich allein- ist eine Klasse-Ballade, die sich in diesem Genre vor den besten Songs eines Roger Cicero nicht verstecken braucht. In -So tun als ob- zeigt Oerding, was er stimmlich drauf hat. Ein wunderschönes Lied. Mein absoluter Lieblingssong ist jedoch -Im Februar-. Ein Meer von Streichern, brüchiger Gesang, ein poetischer Text. Was will man mehr? Genau so stelle ich mir einen Johannes Oerding in Bestform vor.
-Erste Wahl- ist der Fingerzeig eines jungen Künstlers. Sicher noch nicht ausgereift, aber wer sich das anhört, der weiß: Hier steht einer in den Startlöchern, der ein ganz Großer werden könnte. Ob das klappt? Wer weiß das schon. Die Zeit wird es zeigen. Ich drücke Johannes Oerding jedenfalls die Daumen. Es wäre schade, wenn diese wunderbare Stimme in Zukunft nicht gehört werden würde. Dann hoffentlich mit ein paar Ecken und Kanten...bitte!