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Errata: Bilanz eines Lebens
 
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Errata: Bilanz eines Lebens [Gebundene Ausgabe]

George Steiner , Martin Pfeiffer
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Produktinformation

  • Gebundene Ausgabe: 224 Seiten
  • Verlag: Carl Hanser; Auflage: 3 (22. Februar 1999)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3446196641
  • ISBN-13: 978-3446196643
  • Größe und/oder Gewicht: 20,8 x 13,4 x 2,4 cm
  • Durchschnittliche Kundenbewertung: 5.0 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (1 Kundenrezension)
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George Steiner
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Produktbeschreibungen

Aus der Amazon.de-Redaktion

Der Literaturwissenschaftler und Philosoph George Steiner wird in diesem Jahr siebzig Jahre alt und rechtzeitig zu diesem Anlaß erscheint seine Autobiographie Errata - Bilanz eines Lebens auf deutsch. Errata ist sein bislang persönlichstes Buch. In elf Kapiteln geht er auf die Eckpunkte seines umfangreichen Schaffens ein.

Steiner wurde 1929 in Paris geboren und hatte das große Glück, dreisprachig erzogen zu werden. "Sprachen flatterten durch das Haus. Englisch, Französisch und Deutsch im Eßzimmer und im Salon. Das Potsdamer Deutsch meines Kindermädchens im Kinderzimmer; Ungarisch in der Küche..."

Vom Vater erhält Steiner eine sehr strenge, intellektuelle Erziehung. Über jedes Buch, das er ihm schenkt, hat er eine kurze schriftliche Abhandlung zu verfassen, nicht verstandene Stellen liest er dem Vater vor oder schreibt sie ab.

Zusammen mit ihm übersetzt er Passagen aus seinem Lieblingsbuch der Ilias aus dem Griechischen. Noch heute schwört Steiner auf den unschätzbaren Wert, Gedichte oder Zitate auswendig parat zu haben. Eine Fertigkeit, die gegenwärtig kaum noch jemand besitzt.

Sehr aufschlußreich sind seine Anmerkungen zu den Schwierigkeiten der richtigen Übersetzung von einer Sprache in die andere. Hier spricht er wahrlich als Insider. Doch auch die Grenzen der Sprache, die für ihn in der Musik sehr schmerzhaft zu spüren sind, lotet er aus.

Bis heute lehrt Steiner in Oxford und hat dort den Lehrstuhl für Komparatisit inne. Er wird heute zurecht, das zeigt seine ungeheuer facettenreiche Autobiographie, als einer der letzten Universalgelehrten unserer Zeit bezeichnet. -- Manuela Haselberger

Neue Zürcher Zeitung

Babel und Pfingsten – und die Seinsfrage

George Steiner prüft sein Leben

Von Martin Meyer

George Steiner, der Literaturwissenschafter und Schriftsteller, hat ein Buch geschrieben, in dem er über sein Leben nachdenkt – aber mehr noch über die Themen, die dieses Leben bestimmt haben: einerseits das Kunstwerk, anderseits das philosophische Fragen.

Jede intellektuelle Biographie kennt den Verdacht des Ungenügens. Dass vieles unerfüllt oder einfach unerledigt blieb, dass manches nur zum losen Faden statt zum Gewebe fand, schliesslich: dass selbst das Erreichte und irgendwie Vollbrachte zugleich seine Mängel produzierte, ist dem kritischen Geist ein geläufiges Gefühl. Paul Valéry meinte, die Intellektuellen seien eine unglückliche Spezies, und er – der radikale Zweifler – wusste durchaus, wovon er sprach. Wozu der Aufwand nächtlicher Stunden in angestrengter Lektüre? Weshalb das dauernde Prüfen und Messen von Texten und Theorien? Zu welchem Zweck das eigene Entwerfen und Schreiben, wo doch die Welt so selten darauf reagiert?

Der Zwiespalt – pathetisch: der Abgrund – zwischen Denken und Sein verletzt die Zuversicht des Auftrags. Er ist, im Denken selbst angelegt, der diabolus, dessen tückische Fragen alle Antworten wieder negieren. Gibt es einen Sinn für die Wirklichkeit und ihr Geschehen? Gibt es, dem Unverstand zum Trotz, eine Ordnung höheren Ranges? Existiert, jenseits der reinen Existenz, ein Gefüge, das die Wechselfälle des Lebens erträglicher, vielleicht sogar annehmbar macht? – Oder zeugen solche Recherchen nicht vielmehr von den Irrläufen eines «metaphysischen» Bedürfnisses, dem kein Gedanke, kein Werk jemals beizukommen vermag?

Ein Sechsjähriger erhält zum Geschenk für regnerische Sommertage ein Buch. Es ist ein eigenartiges Kompendium: eine Art von Wappenführer für die Stadt Salzburg und ihre Umgebung. Der Knabe beginnt denn mit dem vergleichenden Studium der verzweigten Emblematik, und bald erkennt er Ähnlichkeiten, Verwandtschaften, Variationen. Einerseits ist er fasziniert, weil ihm dieser Katalog wie eine unverhoffte Erleuchtung die Fülle der Zeichen systematisch zu erschliessen scheint. Aber anderseits spürt er Bestürzung, da immer noch «mehr» ist, als es das Buch enthält. Die Enzyklopädie ist unvollständig, jede Enzyklopädie ist unvollständig – was sich nochmals beunruhigend bestätigt, als das Kind den Wildwuchs der Natur bemerkt: kein Grashalm ist identisch mit dem anderen. – Später erfährt der junge Mann, dass seine naive Trauer gleichsam philosophische Würde besass; auch Heraklit und Spinoza hatten das Problem hin und her gewendet.

George Steiner beginnt also seine Autobiographie mit einer etwas verzweifelten, mindestens melancholischen Reminiszenz – mit der Erfahrung von der Undurchdringlichkeit dessen, was wir Welt nennen. Und auf subtile Weise wiederholt der Literaturwissenschafter und vielbewanderte Essayist diese Prägung, wenn er als Siebzigjähriger von seinem Leben erzählt: nicht mit dem Gestus des erschöpfenden Berichts, nicht mit dem Drang des Sammlers, der «alles» zusammenholt, sondern mit dem Wissen um das Fragmentarische, Zufällige und allerdings auch Zufallende des Daseins. Irgend etwas fehlt immer, jedes Ding besitzt seine – vergessene, verlorene – Eigenart, kein Zugriff stellt jemals ganz wieder her, wovon nur «Gott» erfüllt war, bevor er dem Menschen die Schöpfung offenbarte.

Verlockend und gleichzeitig erschreckend ist deren Vielfalt, vor allem erschreckend ist sie im Widersinn der Geschichte. Das eine – das in tausend Abschattungen als wunderbar Empfundene – zeigt die Kunst. Hier gilt zunächst das Staunen vor der Grösse der Meisterwerke; dann folgt, weniger als theoretische Bemächtigung denn als behutsame Annäherung, das Verstehen: Hermeneutik. Das zweite – das in der Gleichförmigkeit als vordringlich furchtbar Wahrgenommene – weist die Historie vor. Da bleibt ewig zu rätseln über den homo sapiens sapiens: Not und Gewalt, Vertreibung und Exil, Verwüstung und Genozid.

Ein Sechsjähriger vergräbt sich nicht nur in die Komparatistik österreichischer Wappen, er hört auch am Radio die Stimme des «Führers». Sein Vater, ein gebildeter Bankier, der im Jahr 1924 aus gesundheitlichen Gründen von Wien nach Paris übergesiedelt ist, klärt ihn auf – dass das Böse überall zu erwarten ist, dass es jedoch jetzt, in den dreissiger Jahren, zur schlimmsten Kenntlichkeit zu gelangen droht. – Der Vater: ein aufgeklärter Jude, begeistert von Musik und Literatur. Drinnen, in der Pariser Wohnung: eine vielsprachige Erziehung, die Lektüre von Homer, Stücke von Schubert. Und draussen Unruhen, Kriegsgefahr.

Aber zum Rhythmus dieser Memoiren gehört eben, dass die «Chronologie» bloss in Umrissen aufscheint, dass die Linien der Erzählung vielfach durchbrochen sind und dass George Steiner, seiner Berufung als Lehrer gemäss, längere Reflexionen zur Kunst und zur Geschichte dazwischenschaltet. Fast beiläufig taucht so in dem zweiten Kapitel – als das Kind einige Stücke der «Ilias» auswendig lernt – die Frage nach dem «Klassischen» auf. – Was zeichnet das klassische Werk aus? Welche Energien enthält es, welche Geheimnisse will es verkünden? Wie wirkt es, durch die Zeiten?

Diese Bestimmung zuerst: das Klassische befragt uns, indem es unser Bewusstsein, unseren Intellekt erprobt – haben wir verstanden, was es uns sagen möchte? Woraus schon die Arbeit der Deutung, der Interpretation abzuleiten ist; allerdings im Sinne unendlicher, niemals abgeschlossener Annäherung an eine Wahrheit, die nicht nur den «Text», sondern auch den Kontext, das geschichtliche Umfeld, schliesslich die je besondere condition humaine in sich birgt. Und gerade letztere ist die Voraussetzung dafür, dass – zweitens – entsteht, was Steiner die «aktive Antwort» nennt. Der Leser Tolstois, der Hörer Wagners, der Betrachter Picassos – sie alle erreichen jenseits der reinen Analytik ein existentielles und persönliches Verhältnis zum Werk: so dass – drittens – die moralische Verantwortung geweckt wird. Ändere, überprüfe dein Leben, so du verstanden hast.

Mit einer solchen Definition der Ästhetik der Klassiker, wie immer altmodisch und wenig sophisticated sie sein mag, wie kaum in Umrissen sie der Moderne und ihrer Irritationen gedenkt, eröffnet George Steiner gleichzeitig den Zugang – seinen Zugang – zum Religiösen. Oder mindestens zum Numinosen und Transzendenten, wo plötzlich die grossen Fragen umtreiben: Sein und Nichts, Abschied und Tod, Dauer in der Vergänglichkeit. – Während des Zweiten Weltkriegs lebt Steiner in New York und besucht das französische Lycée in Manhattan. Eines Tages kommt, noch als Gerücht, die Nachricht von der «Endlösung»; kurz darauf hört der Student ein Zitat von Eluard – le dur désir de durer .

Könnte es aber – und wider das scheinbar Frivole der Koinzidenz – möglich sein, dass auch die Literatur etwas wie «Realpräsenz» geltend zu machen vermag? Und dass die Kunst überhaupt wirkliche, das Dasein erfüllende Gegenwelten von Einsicht und Humanität entwerfen kann? Dauer des Menschlichen? – Der Schüler liest zum ersten Mal Racines «Bérénice» und entdeckt, wie hier die Themen von Liebe, Identität und adieu in vollkommener, der Zeit entrückter Ordnung zusammenlaufen. Im nachhinein vergleicht der Autobiograph als Komparatist den geschlossenen Kosmos von Racines Œuvre mit dem Werk von Shakespeare.

Zwei Klassiker. Während der Autor von «Bérénice» das Gefüge von Moral, Würde und intellektueller Klarheit beschwört, während er die Zustände der Seele zu einigen Urbildern führt, lockt uns der andere ins Offene: wo alles brüchig, vieles unerwartet und kaum etwas als verlässlich erscheint. George Steiner gesteht da, dass ihm Racine näher als Shakespeare sei – und behauptet gleichwohl: «Shakespeare is tragi-comic in every fiber, as is our existence.» Dann: «He knows that someone is being born next to or even on a lower floor in the house of high death.» – Hier der französische Moralist mit dem Sinn für das Sollen, die Pflicht. Dort der Engländer mit dem untrüglichen Gespür für eine Lebensvielfalt – letztlich: ohne Gott.

Und wie steht es denn mit der Gottesfrage? – Nach dem   Krieg absolviert George Steiner eine Art von Studium generale an der University of Chicago. Die Professoren – unter ihnen der Wissenschaftstheoretiker Richard McKeon und der Philosoph Leo Strauss – bürgen für ein Klima der heftigen Debatten und des neugierigen, hartnäckigen Forschens. Nun dieses Erlebnis: einige Studenten besuchen Steiner in seinem Zimmer und bitten ihn, der Gruppe die Erzählung «The Dead» von James Joyce zu erläutern. Nicht ohne Erstaunen stellt der so engagierte Tutor fest, dass es ihm gelingt, Strukturen, Bedeutungen, Anspielungen des Stoffs sowohl herauszupräparieren wie den Kommilitonen einsichtig zu machen.

Interpret und Lehrer: die Berufung ist gefunden. Und beinah darf sich Steiner in der Rolle des Schriftgelehrten sehen, der die Schwierigkeiten eines Kunstwerks im geduldigen Nachvollzug aufhellt, bis der «Lesbarkeit» Genüge getan ist. Beinah – denn was für die Schöpfung im Ganzen gilt, dass sie dennoch und ihren Bewohnern in schmerzender Weise die Grenzen jedes Verstehens und Kategorisierens behauptet, dies gilt auch für das Ästhetische: es zieht seinen Deuter an und stösst ihn – wenn er nur ehrlich ist – schliesslich wieder zurück.

Offenkundig ist die Nähe zur theologischen Erfahrung. Weshalb George Steiner die Gottesfrage in den Zusammenhang von Verstehen schlechthin bringt. Wie seine Welt im gleichen Gegenwart und Abwesenheit, Reichtum und Verlust anzeigen will, so ist der jüdische Gott in Einem die Präsenz und die Ferne, das Da und die ewige Verborgenheit. Er ist der Gott des absoluten Monotheismus; keine anderen Götter duldet er. Er ist der Gott, der belohnt und straft; doch überreden lässt er sich nicht. Er ist der Gott, der unsichtbar bleibt, dabei aber alles sieht; niemand entkommt seinem Blick. Und endlich ist er der Gott des Forderns.

Was verlangt er? Mit der Botschaft des Alten Testaments, dass der Mensch über sich selbst und seine geistige Beengnis hinauswachse. Im «Erbe» der Bergpredigt, dass der Mensch die Fernstenliebe gewinne. Mit der «säkularisierten» Religion des utopischen Sozialismus, dass die Menschen zum Ausgleich aller Bedürfnisse gelangen. – Nicht, dass George Steiner sich diese Ideale und Anmutungen nun seinerseits einfach zu eigen machte; schon seine – sagen wir: ironisch gefärbte Skepsis hinderte ihn daran, ihrer Botschaft ungesäumt zu vertrauen. Doch geht es auch da ums Verstehen einer Welt-Anschauung wie um eine mögliche Erklärung, weshalb dem jüdischen Geist im Lauf der Geschichte so viel Feindschaft erwuchs; nämlich, die rigorose Forderung provoziert die Rache des Ungenügens.

Es mag freilich überraschen, wenn der Erzähler darauf noch nicht von den ideologischen und handgreiflichen Gewalttätigkeiten, von den Kriegen und Genoziden unseres Jahrhunderts handelt – welche die Gottesfrage dem schrecklichen Verdacht des Nihilismus aussetzen –, sondern von der Musik. Gott und die Musik?

Ein Gemeinsames bestünde nach Steiner darin, dass vor Gott wie vor der Musik die Sprache letztlich an Grenzen stösst. Wenn wir, jenseits von technischen Erläuterungen, über die Musik reden, wenn wir versuchen, ihr Geheimnis zu ergründen, wenn wir ihrer narkotischen Wirkung auf die Selbstvergessenheit nachdenken, so tun wir's allenfalls metaphorisch: mit Bildern, mit vergleichenden Annäherungen. Denn in Rücksicht auf die sprachliche Erklärung, auf den analytischen Diskurs erscheint die Musik als eigentümlich bedeutungs-los. Sie teilt sich mit; aber was sie nun eigentlich mitteilt, wie sie unsere Stimmungen affiziert, weshalb sie hier Euphorie, dort Trauer weckt, das bleibt im Grund terra incognita. Aus Schuberts «Winterreise», aus dem Es-Dur-Dreiklang (bitte nicht: E-Minor) von Wagners «Rheingold» steigt eine Aura auf, die George Steiner einer geheimnisvollen «non-humanity» zuordnet. Die Musik, die höhere Mathematik, schliesslich Gott: drei Entitäten, an welchen die Sprache als logos abgleitet.

Zu sehr jedoch ist der Mensch das Sprachwesen – und wer wüsste es besser als der urbane Komparatist –, als dass ihn jenes «Schweigen» nicht beunruhigte. Es ist das Rätsel, das grosse Andere zu allem, eher: gegen alles, wovon das Leben sonst bestimmt wird, woraus es seine Energien schöpft. Die Sprache erzeugt die Welt. Die Sprache sorgt für Verständnis und Missverständnis. In der Sprache denkt sich das Mögliche, das Kontra-Faktische gewinnt Macht zuerst im sprachlichen Horizont.

Die Sprache? Oder nicht vielmehr Sprachen, Idiome, Dialekte? George Steiner ist im Englischen, im Französischen, im Deutschen «zu Hause», und wenn er träumt, so berichtet er, träumt er in der Sprache, die er am Abend gesprochen hat. – Das heisst, jede Sprache trägt das Ihre bei zum Reichtum von Bedeutung, ja von Sinn; mit jeder Sprache öffnet sich nicht nur die ästhetische, sondern auch die ethisch-moralische Erfahrung der Welt. Das Kind mag die Unvollständigkeit des Wappenführers beklagt, das Chaos unerreichbarer Zeichenfülle gefürchtet haben; doch gleichzeitig soll es erregt gewesen sein von dem Gedanken, dass die Vielfalt der Sprachen das triste Kalkül von Aufwand und Ertrag listig unterläuft.

Das scheinbare Chaos erweist sich, im Gegenteil, als Glück – als Bedingung der Möglichkeit abenteuerlicher Erkenntnisse. In der Autobiographie begreift es Steiner als eine Form von «Transzendenz» gegen den Darwinismus. Und wieder ist damit eine theologische Frage verknüpft. Was George Steiner spätestens seit seinem Buch «After Babel» sagen will: nicht den genius malignus der Sprachverwirrung hätte der hochfahrende Turmbau zum Himmelssitz des Allmächtigen der Welt beschert; gerade umgekehrt wäre die polyglotte Ausstreuung die Prämie Gottes für das menschliche Streben nach seiner Nähe gewesen. Und als Pfingstwunder vor Pfingsten brächte sie bis zum heutigen Tag ihre Ernte ein.

Etwa: den Gewinn, dass jede Sprache in der Begegnung mit anderen Sprachen ihr Profil variiert. Oder, dass eine Sprache reicher, sensibler wird, wo ein Dichter – Paul Celan, Nerval, Valéry  – zum Übersetzer wird. Überhaupt, im Übersetzen, im Umdichten, endlich im Umdenken und Wenden klingen Resonanzen an, die das Eigene erweitern, indem sie Figuren der Wiederentdeckung und der Selbst-Vergewisserung offenbaren. Das Spiegelkabinett der Sprachen wird zum Raum der Wahrheit.

Und doch. Diese Wahrheit von Wissen und Belohnung, von Erkenntnis und Kultur hat es nicht vermocht, dem 20. Jahrhundert die Schrecken der Geschichte fernzuhalten. Der Mensch, der zum Mitleid fähig ist, ist mehr noch fähig zur Gewalt, und sowohl die Segnungen der Wissenschaften wie Netze der Informationen konnten dies bisher nicht korrigieren. – Die letzten Kapitel von Steiners «Autobiographie» – wir setzen das Wort jetzt in Anführungsstriche, weil sich erweist, dass das rein Biographische nunmehr wie ein Katalysator für die allgemeineren Themen und Probleme des Säkulums genutzt ist –, die Schlussteile des Buches also münden in der Resignation. Der «platonische Anarchist» (wie er sich selbst bezeichnet), der feine Beobachter, der lesende Wanderer: er ist unglücklich. Unglücklich, wie manche seiner Lehrer und Freunde; melancholisch, wie Gershom Scholem, der bewunderte Forscher der Kabbala, über den George Steiner niemals in Erfahrung bringen konnte, ob er eigentlich an den Gott glaubte, dem er so besessen nachsann.

Im elften Kapitel entwickelt er – mit gebührendem Wenn und Aber – ein Stück eigener Theologie. Er bedauert, dass er zumeist die Klassiker gepflegt und viel zu spät bemerkt habe, dass die moderne Welt – als ästhetische – die Welt des Ephemeren, des Fragments, der Ironie sei. Er sieht anderseits nur allzu gut, dass viele seiner Klassiker – offen oder verdeckt – auch an der gloria Dei mitwirkten, da sie ihre Werke schufen. Ihm ist solche Gottesgewissheit verwehrt; doch seine Skepsis ist ein Notbehelf. Woran sich also noch halten wollen?

Irgend etwas ist schiefgelaufen. Irgendwie – doch nicht einfach im Sinn der biblischen Lehre – hat die Schöpfung den Vertrag mit Gott gebrochen. Und dagegen müsste es – aber wodurch? – gelingen, der Welt die Liebe wieder einzusetzen. Das wäre im Höchsten das Messianische, während vorher jedes Tun in der Tendenz das Stigma des Irrtums trägt – und George Steiner beinah ohne den geringsten Vorwurf der Eitelkeit seiner Biographie den Titel bisheriger Seinsverfassung geben darf: Errata.


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12 von 18 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen Blicke über den Tellerrand... vs. Eingeengte Weltsicht, 12. Februar 2003
Von Ein Kunde
Rezension bezieht sich auf: Errata: Bilanz eines Lebens (Taschenbuch)
Das Buch gab mir wieder ein Stück Lebensqualität. Der Autor vermittelt ganz unverfänglich Episoden seines Lebens und gibt einige Denkanstösse. Zeitweise erweist es sich als ein Hintergrund der Geschichte um im nächsten Augenblick wieder auf aktuelle Probleme der Gegenwart einzuschwenken.

Dieses Buch vermittelt in unserer immer spezialisierter werdenden Welt einen Eindruck vom Begriff des Universalgelehrten. 5 Sterne für die angenehme Lektüre dieser Autobiographie.

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