Die Bandbreite der Zeichnungen in Tim Pilchers Erotische Comics von 2010 reicht von relativ dezent bis hin zu drastischen Sex-Szenen. Das Titelbild, mit der rothaarigen Schönheit, der man unters Röckchen schaut, während sie selbst durchs Schlüsselloch blickt, gehört dabei zu den deutlich gemäßigteren Abbildungen in diesem sehr hübsch gestalteten, durchgängig farbigen, 192 Seiten starken, gebundenen Werk, in dem sich der sehr flüssig zu lesende Text und die Bilder die Waage halten. Definitiv ein Werk für Erwachsene!
Nach einem Vorwort von Aline Kominsky Crumb (der Ehefrau von Comix-Legende Robert Crumb), einer kurzen Reise in die Vergangenheit, etwa mit erotischen Zeichnungen aus dem Kamasutra, einem Comic-Strip von Pablo Picasso (General Franco mit Riesen-Phallus) und expliziter Nacktheit auf japanischen Shunga-Holzschnitten widmet sich das Buch schnell dem eigentlichen Kern: den erotischen Comics des 20. Jahrhunderts. Neben einer fundierten Abhandlung über erotische Comics vermittelt dieses Buch auch interessantes Hintergrundwissen über die Neunte Kunst im Allgemeinen, also über Comics an sich, die obwohl es ihr Name nahelegt, nicht immer komisch und schon gar nicht für Kinder sein müssen.
Hugh Hefner (Playboy), Larry Flint (Hustler) und Bob Guccione (Penthouse) - diese Namen überraschen wenig in einem Werk über Erotik des 20. Jahrhunderts. Jedes dieser Magazine verwendete auch erotische Comics, vom Penthouse gab es sogar eigenständige Comic-Fassungen.
Überraschender hingegen die Verknüpfung von Comic-Künstlern wie Steve Ditko (Spider-Man) und Harvey Kurtzman (MAD Magazine) zur Softporno-Branche.
Überhaupt trifft man auf erstaunlich viele bekannte Namen und Titel, über die man als popkulturell interessierter Mensch schon des öfteren gestolpert ist. Das also ist Sweet Gwendoline, von der Bella B von den Ärzten so begeistert war! Ja, Vampirella, die gab es ja auch mal! Bondage-Fotos aus den 1930er Jahren und Betty Page! Neben solchen Aha-Momenten gibt es auch zahlreiche Entdeckungen, etwa die sehr blasphemischen Tales from the Leather Nun, die sehr ästhetischen Zeichnungen von Bill Ward, eine Mickey Mouse Sex-Geschichte aus einer Tijuana Bible und vieles, vieles mehr. Wer sich für Comics interessiert und für Erotik begeistern kann (und die Grenze bis zur Pornographie erträgt), wird mit diesem Buch seinen Horizont erheblich erweitern können! Zwischen Schönheit und Schmuddel schwanken die Darstellungen, aber letztlich ist das Vorwort von Tim Pilcher durchaus einleuchtend: ohne künstlerische Begabung der Zeichner wäre keine dieser Phantasien je zu Papier gebracht worden, insofern ist jedes dieser Werk Kunst. Auffällig ist, dass sich sämtliche Zeichnungen an Männer wenden. Die Allermeisten der hier gezeigten Comics stammen von Männern und wurden wohl auch zum Großteil von Männern gelesen. Hierzu wäre ein zusätzliches Kapitel interessant. Was allerdings nicht fehlt sind kritische Worte des Autors, etwa zum lange vorherrschenden frauenfeindlichen Bild in amerikanischen Männermagazinen.
Amüsant, sicher auch für weibliche Leser, wie lächerlich sich Männer geben können, wenn sie eine attraktive Frau begehren. Von solch humorvollen Momenten mit starken Frauen und triebgesteuerten Männern mangelt es in diesem Buch wahrlich nicht.
Bibliographie, Register und Verzeichnis von Künstler-Websites zum Thema runden dieses empfehlenswerte Erotik-Comic Nachschlagewerk sehr schön ab.
Eine hochinteressante Reise durch die Geschichte der erotischen Comics!