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Ernste Männer: Roman
 
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Ernste Männer: Roman [Gebundene Ausgabe]

Manu Joseph , Anke Burger
4.4 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (5 Kundenrezensionen)
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Produktbeschreibungen

Pressestimmen

»Vielleicht ist derzeit keine Literatur reicher als die Indiens. Manu Joseph ist einer der Schriftsteller, die einen schon auf solche Gedanken bringen können.« --Literarische Welt, 04.09.2010

Kurzbeschreibung

Prall erzählte indische Gegenwartsliteratur

Die schreiend komische Geschichte eines neuen großen Erzähltalents über die Slums von Mumbai, die indische Gesellschaft und echte Professoren, die sich von einem falschen Wunderkind vorführen lassen.

»Hoffnung ist nur eine kurze Konzentrationsschwäche.«

Klappentext

Ayyan Mani ist mit seiner Familie in einer trostlosen Hochhaussiedlung von Mumbai gestrandet. Immerhin hat er einen Job am Institut für Forschung und Theorie als Sekretär eines zwar brillanten, aber unerträglichen Astronomieprofessors. Damit sein 10-jähriger Sohn es einmal besser hat, nutzt er seine privilegierte Position im Dunstkreis der Brahmanen und präsentiert Adi als Wunderkind. Mit diebischer Freude trichtert er ihm unsinnige Fragen für den Schulunterricht ein und manipuliert dessen Hörgerät, damit der Junge vor Journalisten die ersten tausend Primzahlen »auswendig« aufsagen kann. Die Professoren am Institut sind derweil zu beschäftigt mit internen Streitereien, um zu merken,wie sie von ihrem Untergebenen vorgeführt werden.

Über den Autor

Manu Joseph, geboren 1974 in Kottayam (Indien), lebt in Bombay und leitet dort das Büro des »Open Magazine«. Zuvor war er Redakteur bei der »Times of India«. Für seine journalistische Tätigkeit hat er bereits mehrere Auszeichnungen erhalten. »Ernste Männer« ist sein erster Roman und erscheint gleichzeitig weltweit.

Prolog. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.

Erster Teil - Das Große Lauscherproblem

Ayyan Mani trug sein dickes schwarzes Haar seitlich gescheitelt; rechts und links waren in einer leichtsinnig gezogenen Linie voneinander getrennt wie die Grenzen, welche die Briten früher so gern zwischen verfeindeten Nachbarstaaten zogen. Seine Augen waren wach und wissend, ein strammer Schnurrbart überdachte ein ständiges Lächeln. Ein dunkelhäutiger, ordentlich gekleideter Mann, aber aus der Unterschicht, das sah man sofort.

Er beobachtete die Spaziergänger, von denen es auf der langen Betonpromenade an der Arabischen See bei Sonnenuntergang Hunderte gab. Junge Frauen in bequemen Schuhen liefen so schnell, als versuchten sie dem Schicksal zu entfliehen, bald wie ihre Mütter auszusehen. Ihre stolzen Brüste hüpften, untrainierte Schenkel wabbelten bei jedem Schritt. Ihre müden Oberkastengesichter, so hell und schweißglänzend, waren zu Grimassen sportlicher Anstrengung verzogen. Ayyan stellte sich vor, sie wären von ihm beglückt in Ekstase. Unter den einsamen Walkerinnen waren Mädchen, die sich noch nie sportlich betätigt hatten, das sah er. Die plötzliche Verlobung mit einer guten Partie hatte sie hergetrieben, und sie liefen mit überlangen Schritten, als wollten sie den Küstenverlauf vermessen. Sie mussten noch schnell vor der Hochzeitsnacht den Bauchspeck loswerden, bevor sie sich auf dem blütenstaubbedeckten Brautbett einem Fremden hingeben würden. Alte Männer spazierten mit anderen alten Männern und besprachen gelassen die Lage der Nation, ohne die Läuferinnen zu beachten. Die Männer wussten für alles eine Lösung, weswegen ihre Frauen in eigenen Grüppchen eine halbe Meile hinterherliefen und sich über Rheuma oder andere, abwesende Frauen unterhielten. Heimlich Liebende fanden sich allmählich in der Dämmerung ein. Sie kletterten auf die Promenadenmauer und blickten in Richtung Meer, händchenhaltend oder heulend, je nach dem Stadium der Beziehung. Ihre neuen Jeans saßen so tief, dass das Komma über den mageren indischen Hinterteilen her ausguckte.

Ayyan sah sich mit Augen um, die nicht wussten, wie man ein kultiviertes Desinteresse vorheuchelte. Er sagte oft zu Oja: »Wenn man ernsthafte Leute nur lange genug anstarrt, wirken sie irgendwann alle komisch.« Und deswegen guckte er hin. Eine junge Frau mit hüpfendem Pferdeschwanz und iPod in den Ohren überholte ihn. Unter ihrem feuchten T-Shirt zeichnete sich der glatte, jugendliche Rücken ab. Ayyan beschleunigte seinen Schritt, um sie seinerseits zu überholen und ihr ins Gesicht sehen zu können. Er hoffte, dass sie nicht hübscher war. Schöne Frauen frustrierten ihn. Sie waren wie ein Mercedes, ein Blackberry oder ein Haus mit Meerblick.

Das Mädchen erwiderte seinen Blick ganz kurz und sah dann weg, ohne sich geschmeichelt zu fühlen. Ihr Gesicht war voller Hochmut. Wie gern würde er es zähmen. Mit Liebe, Gedichten oder einem Ledergürtel vielleicht. Je nachdem, was ihr zusagte. Ihr Gesicht verriet nichts, wurde aber noch gleichgültiger. Sie wusste, dass sie beobachtet wurde, nicht nur von einem forschen Fremden, sondern von den endlosen Horden der Armut, die sie von allen Seiten bedrängten, Dengue?eber verbreiteten und ihr das Auto zerkratzten. Immer waren sie an den Außenrändern ihrer Welt und gafften sie an, wie streunende Köter einen Rassehund.

Ayyan ?el zurück und ließ sie weitermarschieren. Wenige Meter entfernt stand ein Mann regungslos da und starrte ihr hinterher. Sein Kopf bewegte sich von rechts nach links, als sie an ihm vorbeiging. Er war klein, so dass es aussah, als müsse er sich beständig recken, weil sein Rücken nicht lang genug war. Die Straffheit seines Oberhemds verriet Ayyan, dass er es in die Unterhose gesteckt hatte, damit es glatter saß. (Das Modegeheimnis vieler Männer, die er kannte). Ein schmaler, brauner Gürtel ging fast zweimal um seine magere Taille. Die Brusttasche war wegen der vielen Gegenstände dar in ausgebeult. Aus der Gesäßtasche seiner Hose lugte ein roter Kamm.

»Hör auf, dem Mädchen hinterherzuglotzen«, sagte Ayyan.

Der kleine Mann zuckte zusammen. Dann verzog er den Mund zu einem kameradschaftlichen, aber lautlosen Lachen. Der Speichel war ihm im Mund zusammengelaufen.

Sie begaben sich zu einer der rosa Betonbänke, diese war dem Andenken eines verblichenen Rotary-Mitglieds gewidmet.

»Viel zu tun heute«, sagte der Mann und schlug sich auf die Oberschenkel. »Ich gehe auf Reisen. Deswegen habe ich dich herbemüht, Mani. Ich wollte die Sache schnell über die Bühne bringen.«

»Schon in Ordnung, mein Freund«, erwiderte Ayyan. »Hauptsache, es hat mit dem Treffen geklappt.« Er holte ein Stück bedrucktes Papier her aus und gab es dem anderen. »Hier steht alles Weitere drin«, sagte Ayyan.

Der Mann las es aufmerksamer durch, als er vermutlich beabsichtigt hatte. Er versuchte, gleichgültig zu wirken, als ihm ein Umschlag mit Bargeld an die Brust gedrückt wurde.

Nachdem der kleine Mann mit schnellen, hastigen Schrittchen verschwunden war - um zu betonen, wie eilig er es hatte -, blieb Ayyan auf der Bank sitzen und sah ins Leere. Das Spiel sollte sich ein bisschen beschleunigen, sagte er sich. Es musste auf ein neues Level. Was er gerade gemacht hatte, war in gewisser Hinsicht grausam. Vermutlich war es sogar illegal. Aber was sollte man tun ? Auch ein hundsgemeiner Büroangestellter, nichts als ein Rädchen in der Welt der Mächtigen, will mal das große, aufregen de Leben schnuppern und seine Frau vom Fluch der gelbsüchtigen Zimmerwände befreien. Was sollte man da tun ?

Die Menschenmenge am Worli Seaface schwoll an zu einem riesigen, farblosen Schwarm. Blasse, hoffnungslos dreinblickende Jungs liefen in Grüppchen nebeneinander her und kicherten über die gymnastischen Übungen unerreichbarer Frauen. Und sie machten den hastigen Walkerinnen nicht Platz. Das liebte Ayyan an der Stadt: Die schweißnassen Massen, das ewige Geschiebe und Gedränge, die stumme Rache der Armen. In den schäbigen Aufzügen und vollgestopften Zügen hörte er oft die erleichternden Nachmittagsfürze, sah sich schuppende Haut in unbekannten Gesichtern und rotgeäderte, bewegungslose Augen. Und die heimlichen Damenbärte. Und der grünliche Schimmer, wenn sie gerade ausgezupft worden waren. Er spürte das Schubsen und Schieben, die schweren Bäuche. Diese himmelschreiende Beengtheit liebte er an Mumbai, weil der Stau der ausweglos vorwärtsschiebenden Menschenkörper, in den er hin eingeboren war, in gewisser Weise auch das Schicksal der Reichen darstellte. Auf den Straßen, in den Zügen, in den erbärmlichen Parkanlagen und an den plötzlich auftauchenden Stränden waren alle arm. Und das war gerecht so.

Es trafen immer mehr verzweifelt Verliebte ein, die schnell die Zwischenräume zwischen den aneinanderklebenden Paaren auf der Betonbrüstung einnahmen. Und dann saßen auch sie mit dem Gesicht zum Meer da, den vorbeiziehenden Mengen den Rücken zugewandt, und befummelten sich diskret. Sollte hier jemals plötzlich völlige Stille eintreten, würde man das Schnalzen von tausend BH -Riemchen hören. Unter den Liebespaaren waren verheiratete Leute, manche waren sogar miteinander verheiratet. Wenn es Nacht wurde, gingen sie zurück in ihre Einraumwohnungen, die so groß wie ein Mercedes waren, zurück zu ihren Kindern, Eltern, Schwiegereltern, Geschwistern, Neffen und Nichten, die in riesigen, unentrinnbaren Ansammlungen unter den Dächern kochender Mietshäuser zusammengepfercht waren. Wie in den BDD Chawls, der Vorhölle auf Erden. Die Leute, die wussten, was » BDD « bedeutete, war nicht die Art Leute, die dort wohnte. Ayyan wusste solche Sachen, obwohl er dort vor neununddreißig Jahren auf dem blanken Betonboden zur Welt gekommen war.[...]

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