Was war Ernst Jünger? Krieger, Waldgänger, Anarch? Oder Dandy? Man könnte auch fragen: Wer war Ernst Jünger? Dieser deutsche Schriftsteller, eine Ausnahmepersönlichkeit in jeglicher Hinsicht.
IN SEINEM MUT. Er wuchs unter dem Druck eines strengen und rationalen Vaters auf, der an seinen ältesten Sohn einige Erwartungen hatte. Der hingegen war ein miserabler Schüler, ein Träumer, ein unverbesserlicher Romantiker. Anstatt dem Unterricht zu folgen, las er unter der Schulbank Reiseberichte über Afrika. Da war es nur logisch, dass er sich zur Fremdenlegion absetzte. Kaum in Sidi-Bel-Abbès angekommen, zog es ihn schon wieder zur Flucht. Dann der Erste Weltkrieg. Hier konnte er beweisen, wie sehr er die bürgerliche Welt ablehnte. Er war radikal in seinem Kampfesmut, vielleicht gar in seiner Todessehnsucht. Seinem Bruder Friedrich-Georg rettete er unter Gefahr seines eigenen dessen Leben. Die von ihm beschriebenen Notizhefte bildeten die Grundlage späterer Weltliteratur: 'In Stahlgewittern'.
IN SEINEM ÄSTHETIZISMUS. Meist übersehen wird Jüngers Affinität zum Schönen. Er studierte genauestens die großen Dandys George Bryan Brummell, Oscar Wilde, Stendhal und war nicht zuletzt selbsterzogener Schüler der großen Theoretiker des Dandytums Charles Baudelaire ' und Friedrich Nietzsche. Jüngers Einstellung zum DANDYSME ' wie zu vielen anderen Dingen ' änderte sich im Laufe seines Lebens. Während seiner Arbeit an der Rivarol-Studie war er der Auffassung, der Dandy verharre in einem Vorraum, bliebe eine Art Puppe, weshalb ihm im Alter etwas Unfertiges, Unerfülltes anhafte. 'Das fällt an Brummell, Pückler, Pelham auf. Im Dorian Gray hat Wilde das literarische Muster gezeichnet: die goldene, unveränderliche Maske über den Schrecken des Nichts.' Später hat Jünger stärker die Essenz des dandyistischen Daseinsentwurfs gesehen, wenn er am 3. Februar 1983 in sein Tagebuch einträgt: 'Zur Selbstkritik. Den Dandy kränkt mehr, wenn er ästhetisch, als wenn er moralisch nicht genügt. Die Unverschämtheit, falls sie gut placiert ist, schafft ihm den nötigen Respekt im Umgang mit Leuten, die ihm durch eine geschmacklose Krawatte mißfallen, wie Brummell sie an Georg IV. rügt.
Dorian Gray vernichtet sein Bildnis nicht seiner Untaten wegen, sondern weil es häßlich geworden ist. Die Blutflecke darauf werden größer und bedecken nun auch die Hand, die das Messer geführt hat ' das quält ihn, weil die Haut runzlig geworden ist.
Dazu Wilde: 'Nicht der Mord, sondern sein Bild hatte die Rolle des Gewissens übernommen; es hatte die Schönheit verloren, darum zerstörte er es ' er löschte sich aus.''
IN SEINEM BEHARRUNGSVERMÖGEN. Besaß er doch die Cruzpe, die brav-biedere Bundesrepublik fast bis zum 103. Lebensjahr allein mit seinem Dasein zu ärgern.
Einige Monate vor dem 10. Todestag Ernst Jüngers brachte der Siedler Verlag, der zur US-amerikanischen Random House-Gruppe gehört, die erste Biographie über diesen Doyen des deutschen 20. Jahrhunderts heraus. Der Literaturprofessor Helmuth Kiesel war kurz vor Heimo Schwilk fertig, der seine Biographie wenig später bei Piper veröffentlichte.
Dies Haus als Heimstatt des Buches ist nicht ganz unpassend, fällt der Name des Verlagsgründers und von dessen Vater doch darin. Jünger hatte mit Siedler sen. seinen Sohn und den mit ihm befreundeten Wolf Jobst Siedler 1943 im Gefängnis besucht. Sie saßen ein, weil sich Ernst Jünger jun. despektierlich über das Naziregime geäußert hatte und denunziert worden war.
Dass Kiesel Jünger verehrt, wurde dem größeren Publikum bereits 1995 bekannt, als er an seiner Universität Heidelberg einen Festakt aus Anlass von Jüngers 100. Geburtstag ausrichtete. Kiesels hier gehaltene Rede nahm den Duktus seiner monumentalen Biographie vorweg: Der professorale Biograph ist doch sehr bemüht, einer längst zuende gegangenen political correctness zu genügen, indem er immer wieder Vorwürfe gegen Jünger aufnimmt, um diese dann zu bestreiten. Gern würde man schreiben, zu entkräften, doch das tut Kiesel nicht.
Dennoch ist Kiesels allein vom Umfang beachtliches Werk eine äußerst lesenswerte Biographie. Zwar will ihm der sprachliche Tonfall einer anziehenden Erzählung nicht recht gelingen. Die Materialfülle und das Vermeiden von voreiligen und flachen Wertungen sprechen dagegen für das Buch. Der Leser bekommt einen Eindruck vom Leben dieses Ernst Jünger wie kaum zuvor. Kiesel hat seine Auswertung der verschiedenen, immerhin sechs Fassungen der Stahlgewitter noch ergänzt durch eine Einbeziehung der Originalaufzeichnungen. Hierdurch ergibt sich ein noch treffenderes Bild über Jüngers damalige Wahrnehmung und die späteren Stilisierungen. Dies hat allerdings auch eine kritische Seite: Man hätte sich an vielen wichtigen Stationen in Jüngers Leben ein wenig Mehr an Schilderungen seines Lebens und seines Alltags gewünscht. Stattdessen merkt man dem Biographen seine Herkunft als Literaturwissenschaftler an. Immer wieder zieht sich Kiesel in sekundäre Nacherzählungen des von Jünger selbst beschriebenen und publizierten Erlebten zurück. Für den, der Jüngers Werk bereits kennt, ein wenig ermüdend.
Erfrischend dagegen lesen sich Sätze wie: '"In den siebziger und achtziger Jahren konnte im akademischen Bereich über Jünger nur 'kritisch' gesprochen werden; eine Beschäftigung mit seinem Werk bedurfte der Legitimation, und eine Publikation über ihn mußte mit salvierenden Erklärungen beginnen."'
Die Bühne ist abgeräumt, die Front ist bereinigt. Nun können wir uns mit dem geistigen Jünger beschäftigen.