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Neuere Forschungen zum Holocaust
Während der wissenschaftlich wenig ergiebigen Debatte um Daniel Goldhagens These vom Holocaust als dem mit Eifer verfolgten nationalen Projekt «der Deutschen» schien es, als würde dieser Genozid auf eine einzige Ursache reduziert: auf einen spezifisch deutschen Antisemitismus. Ein von Ulrich Herbert, einem ausgewiesenen Kenner der Materie, herausgegebenes Taschenbuch präsentiert (einem breiten Publikum) neuere Forschungen, die nicht wie diejenigen Goldhagens einfache, sondern komplexe Erklärungen anbieten. Götz Aly beschreibt den engen Zusammenhang zwischen der Umsiedlung der «Volksdeutschen» in das Deutsche Reich und der damit korrespondierenden Vertreibung polnischer Bauern und Deportation der Juden aus dem annektierten Westpolen. Die Aufsätze von Thomas Sandkühler und Dieter Pohl zeigen, wie sich der Entschluss zum Judenmord in Galizien bzw. im Generalgouvernement herausbildete, Christoph Dieckmann behandelt die Ereignisse in Litauen. Walter Manoschek stellt die Judenvernichtung in Serbien dar, bei der die Wehrmacht die treibende Kraft war. Um deren Bedeutung kreist auch der Beitrag Ulrich Herberts, der die Rolle der deutschen Militärverwaltung in Paris bei der Deportation der französischen Juden thematisiert. Michael Zimmermann schliesslich erörtert die «Lösung der Zigeunerfrage», während Christopher Browning sich mit Goldhagen auseinandersetzt, der bei Benutzung derselben Quellen zu so völlig anderen Ergebnissen gelangt.
Kontexte
Diese Forschungen zeigen, dass es im Sommer und Herbst 1941 des Zusammentreffens vielfältiger Strukturen und Ereignisse bedurfte, damit aus dem schon länger vorhandenen diffusen Willen, die «Judenfrage» zu «lösen», der definitive Beschluss erwuchs, alle Juden im deutschen Machtbereich systematisch und so schnell wie möglich zu ermorden. Der Holocaust ist nur zu begreifen, wenn er nicht aus seinem Kontext, dem Krieg und der Besetzungspolitik, herausgelöst wird. Ausgangspunkt der sich überschlagenden Entwicklung war meist nicht die Zentrale, sondern die Peripherie, waren die lokalen militärischen oder zivilen Besetzungsbehörden. Immer wieder schufen diese ohne äusseren Druck gezielt «unhaltbare Zustände», indem die jüdische Bevölkerung, sofern sie den ersten Massenmorden entkam, systematisch entrechtet, ghettoisiert, ausgehungert wurde. Derart um ihre Lebensperspektiven gebracht, schienen sie der Besetzungsmacht schnell nur noch als «nutzlose Esser», Seuchenquellen und Unruheherde, die man aus dem eigenen Befehlsbereich «entfernen» wollte. Als nach dem Scheitern des «Blitzkrieges» gegen die Sowjetunion die weitere Deportation der Juden nach Osten, wo sie langsam hätten zugrunde gehen sollen, in absehbarer Zeit als nicht mehr realisierbar erschien, wurde die Forderung nach der Ermordung aller Juden immer wurde lauter und wurde schliesslich in die Tat umgesetzt.
Aufsehen in Fachkreisen haben in diesem Zusammenhang die Forschungen Christian Gerlachs hervorgerufen, der auf den engen Zusammenhang zwischen Krieg, Ernährungspolitik und Völkermord hingewiesen hat. Denn nichts fürchteten die Nationalsozialisten nach den Erfahrungen des Ersten Weltkrieges mehr, als dass Lebensmittelknappheit in Deutschland zu Unruhe in der Bevölkerung führen könnte. Daher hatte deren Versorgung zulasten der Bevölkerung der besetzten Gebiete absoluten Vorrang, was zur Radikalisierung und zur beschleunigten Ermordung sowjetischer Kriegsgefangener und der Juden führte. Wer als nicht arbeitsfähig galt, hatte wenig Chancen, der Vernichtung zu entgehen. Treibende Kraft waren dabei meist die verschiedenen Stellen der Zivilverwaltung, auch wenn das Mordhandwerk weitgehend Sache der SS blieb.
Die Frage des «Führerbefehls»
Welche Rolle Hitler und seine engere Umgebung in diesem Prozess spielten, hat sich seit langem auf die Frage verengt, ob und wann es einen förmlichen «Führerbefehl» für den Judenmord gegeben hat. Auch hier hat Gerlach mit einer neuen These von sich reden gemacht. Er glaubt, diesen folgenschweren Beschluss nunmehr sehr spät, auf den 12. Dezember 1941, datieren zu können, als Hitler vor der NSDAP-Spitze eine Geheimrede hielt. Deren Wortlaut ist zwar nicht überliefert, Indizien sprechen aber dafür, dass hier bekanntgegeben wurde, die zu diesem Zeitpunkt längst stattfindenden Massenmorde seien zu «bündeln» und endgültig auf alle Juden auszudehnen. Deshalb hat die vom 9. Dezember 1941 auf den 20. Januar 1942 verschobene «Wannsee-Konferenz» laut Gerlach doch eine grössere Bedeutung für die «Durchführung» des Holocaust: sie habe sich nicht in der blossen Bekanntgabe und administrativen Begleitung eines schon seit vielen Monaten laufenden Geschehens erschöpft.
Diese neuen Erkenntnisse, die teilweise einer weiteren Überprüfung bedürfen, lassen den alten Fachstreit zwischen «Intentionalisten» und «Strukturalisten» oder «Funktionalisten» zunehmend obsolet erscheinen. Es gab keinen lange vorbereiteten und dann systematisch umgesetzten Vernichtungsplan Hitlers und seiner Paladine, aber es waren auch nicht lediglich «anonyme» Radikalisierungsprozesse am Werk, die quasi einen Mord ohne Mörder herbeiführten. Der rassenbiologisch zugespitzte Antisemitismus war insofern handlungsleitend, als er die Opferhierarchie bestimmte. Stets waren es die Juden, zu deren Lasten die Probleme der Besetzungsherrschaft «gelöst» werden sollten, und am Ende stand das eine Ergebnis: der Genozid. Weitere Fragen werden sich nun wieder auf die Rolle des politischen Machtzentrums des NS-Staates konzentrieren, denn dort wurden die auf den unteren Ebenen entwickelten «Massnahmen» schliesslich zu jenem einheitlichen «Projekt» zusammengefasst, für das als Chiffre der Name einer kleinen polnischen Stadt steht: Auschwitz.
Christoph Jahr
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