In der besten aller möglichen Welten sind Eltern stets ausgeglichen und ruhig, Kinder wissbegierig und bereitwillig lernend und Konfliktsituationen werden spielend mit einer simplen Lass-sie-wählen Strategie oder einfach nur einem Lächeln entschärft. So der Tenor auch in diesem Buch. Die Realität sieht anders aus.
Unser Sohn (4 Jahre alt) hat den Hang, extrem laut zu reden. Selbst im normalen Gespräch werden Fragen oder Bemerkungen oft schon nahezu geschrien. Das hängt nicht damit zusammen, dass er schwerhörig wäre (ist er nicht) sondern -neben seiner an sich schon sehr lebhaften Art- evtl. auch daran, dass im täglich aufgesuchten Kindergarten ein dauerhaft hoher Geräuschpegel diese Gewohnheit hervor bringt.
Nun versuchen wir unseren Jungen permanent zu überzeugen, zuhause doch etwas leiser resp. "normal" zu reden. Durch Erklärungen, dass er ganz bestimmt seinen kleinen schlafenden Bruder nicht wecken möchte. Durch anschauliche Beispiele, wie unangenehm diese Art der Ansprache ist (wenn ich ihn z.B. lautstark nachahme). Durch kleine Spielchen, dass wir uns als Geheimagenten die wichtigen Sachen zuflüstern müssen und so weiter und so fort. Er ist auch immer sehr einsichtig und beherzigt unsere Bitte - eine Minute lang. Danach wird wieder geschrien. So ist der Status Quo seit Monaten.
Bücher wie das vorliegende gehen davon aus, dass man mit ausreichend Liebe und Geduld plus einfühlsamer Taktik praktisch jedes erzieherische Ergebnis erwirken kann. Doch wie ich oben schon sagte, die Realität sieht anders aus. Man kann es nicht.
Ich behaupte (und Familie, Freunde und Nachbarn bestätigen es), dass meine Frau und ich einen liebevollen, geduldigen und gleichwohl bestimmten wie beharrlichen Elternpart verkörpern. Und dennoch beißen wir uns an manchen Stellen die Zähne aus, was die Einwirkung auf diverse Eigenarten darstellt (permanentes schreien, nicht teilen wollen und dem Bruder alles abnehmen, keine passende Kleidung anziehen wollen usw.). Irgendwann reißt dabei *jedem* der Geduldsfaden. Man erhebt die Stimme und verfällt in einen schroffen, autoritären Kommandostil und droht mit Sanktionen wie alleine spielen müssen, kein Fernsehen, keine Süßigkeiten usw.. Bedauerlicherweise zeigt genau das oft effektiver und länger Wirkung als alle pädagogischen Taschenspielertricks. Was uns nicht nur sehr nachdenklich und traurig stimmt, es widerspricht auch dem in vielen Büchern vermittelten Kinderbild.
Ich will nur weiter geben, dass ich zahllose Erziehungsratgeber gelesen habe und diese eine Lehrmeinung nicht mehr teile: dass jedes Kind per se lernen, sich in die Familie einfügen und lieb sein will und man nur den richtigen Knopf drücken muss, um das ganz sanft hervor zu locken. Nein, so einfach ist die Gleichung nicht zu lösen. Kinder sind sehr starke Persönlichkeiten (unsere auf jeden Fall) und haben ihre ganz individuellen Neigungen und vor allem eigenen Willen, die den Interessen der Eltern oft 1:1 entgegen stehen und sich nicht so billig überlisten lassen. Eltern sein ist oft ein vor allem mental harter Job und die Freude riesig, wenn tatsächlich mal etwas richtig gut klappt. Fakt ist, dass es ohne Liebe gar nicht funktioniert und wir lieben unsere Jungs nun wirklich über alles!
Um abschließend noch mal etwas zum Buch selbst zu sagen. Es sind durchaus lehrreiche Beispiele enthalten, wie man diverse Situationen entschärfen und die Dinge insgesamt positiver sehen kann. Vor allem der Ansatz, mehr konstruktive Anreize zu schaffen als zu kritisieren, ist gut und richtig. Aber dann wiederum kommt mir der Inhalt zu schönfärberisch, einseitig idealistisch und wie gesagt praxisfern daher, deshalb kann ich nur mit viel Wohlwollen 3 Sterne vergeben.
[Nachtrag 2012-05-11] Mittlerweile hat das Schreien deutlich nachgelassen - was einen allerdings nicht minder ratlos macht. Ist es tatsächlich das Ergebnis unserer konstanten Bemühungen? Oder wäre es ohnehin von selbst zurückgegangen? Man weiß es nicht. So oder so ist es mehr als angenehm, wieder mit moderater Lautstärke angesprochen zu werden. :-)