Der Titel lässt es erahnen: DIE ERMORDUNG DES JESSE JAMES DURCH DEN FEIGLING ROBERT FORD ist ein langer Film. Was er nicht erahnen lässt: Er ist kein Western. Er erzählt über eine Zeit, in der der "Wilde Westen", jene Zeit wilder Schießereien und Legenden über Revolverhelden und Banditen im Niedergang war und in Buffalo Bills Wild West Show konserviert werden musste, weil es ihn in der wirklichen Welt immer seltener gab.
Entsprechend beginnt der Film auch mit dem letzten Beutezug der James-Brüder Frank und Jesse. Beide sind der Heldenverehrung müde, die ihnen als vermeintlichen Robin Hoods des Westens zuteil wurde, sie sind die Legenden leid, die in Groschenromanen über sie Verbreitung finden und junge, enthusiastische Möchtegern-Banditen wie den jungen Robert Ford anlocken. Das Bild, das der Film von Jesse James zeichnet, ist nicht das eines Helden. Es ist das Bild eines Mannes, der an sich selbst zusehends verzweifelt, der sein Leben als Outlaw hinter sich lassen will, um Familienvater zu sein, jener Thomas Howard, in dessen Identität er von Stadt zu Stadt zieht und diese wieder verlässt, sobald das Pflaster dort zu heiß wird. Er ist sich selbst und diese Robert Fords leid, die ehrerbietig zu ihm aufblicken und doch irgendwann beginnen, jenes glorifizierte Zerrbild der Legenden mit dem mangelhaften Menschen zu vergleichen, der Jesse James ist. Und enttäuscht zu sein.
Der Film ist kein New Western, keiner dieser Filme, der die Mythen des guten alten Western begräbt, der mit den Heldenbildern der großen Western-Ära aufräumt, er ist kein
UNFORGIVEN, spielt nicht mit Genreversatzstücken wie
THE QUICK AND THE DEAD, er ist keine Hommage an ein Vorbild wie
3:10 TO YUMA. Streckenweise erinnert er an Ang Lees
RIDE WITH THE DEVIL - bloß ist auch dieser Film deutlich viriler. DIE ERMORDUNG DES JESSE JAMES DURCH DEN FEIGLING ROBERT FORD ist ein Kammerstück. Es wird kaum geritten, es wird wenig geschossen, und die Schießereien klingen, als würde mit Platzpatronen geschossen. Es gibt wenig Tote, und diejenigen, die es gibt, werden fast alle - wie unehrenhaft - von hinten erschossen.
DIE ERMORDUNG DES JESSE JAMES DURCH DEN FEIGLING ROBERT FORD ist ein Film über sterbende Männer und deren enttäuschte Sehnsüchte. Alle Männer aus Jesses Bande sind Totgeweihte, und sie alle wissen es. Die Rollen sind ohne Ausfall mit Schauspielern von Format besetzt, auch wenn die behäbige Spiel- und Sprechweise und das gekünstelte Lachen in vielen Szenen das Gegenteil zu vermitteln scheint. Es ist Blendwerk. Der Umgang der Männer mit Jesse James ist geprägt von nackter Furcht, der Jesses mit seinen Spießgesellen von Mißtrauen und Argwohn. Brad Pitt spielt den frühgealterten Outlaw mit einer fast geistesabwesenden Schläfrigkeit, hinter deren Fassade ein wildes Tier darauf lauert, loszuschlagen. Casey Affleck gibt den vermeintlichen Feigling Robert Ford, den sich Jesse James als Erlöser erwählt hat, als eine abstruse Mischung aus Selbstbewusstsein und Kleinmut.
Die von Roger Deakins begnadet geschossenen Bilder und die von Nick Cave und Warren Ellis beigesteuerte, sehnsuchtsvoll-moritätische Musik nötigen auch dem Zuschauer die Leere jener tragisch-unaufrichtigen Berühmtheit auf, an der Jesse James verzweifelt. Am Ende wird er nicht erschossen von dem Feigling Robert Ford, er lässt sich von ihm erschießen, von dem Mann, dem er die Waffe dazu eigenhändig übergibt und der ihn von seinem unerträglich gewordenen Dasein erlöst. Im ersten Drittel des Films fragt Jesse James seinen späteren Mörder: "Can't figure it out: do you want to be like me or do you want to BE me?" Am Ende lässt er Robert Ford erfahren, wie es war, Jesse James gewesen zu sein und wie er zu enden.
Ich gestehe: Ich musste den Film zweimal anfangen. Beim ersten Mal war ich müde, und ich wusste bereits nach zwanzig Minuten, dass ich die langen 160 Minuten, die der Film dauert, nicht durchstehen werde. Irgendwann unternahm ich - durchaus in der Annahme, womöglich erneut zu scheitern - einen zweiten Anlauf, verkniff mir die Bequemlichkeit, die bereits gesehene halbe Stunde zu überspringen und entschloss, noch einmal von vorne anzufangen.
Es hat sich gelohnt. DIE ERMORDUNG DES JESSE JAMES DURCH DEN FEIGLING ROBERT FORD ist eine schrecklich-schöne Elegie. Das Schöne daran ist: Auch wenn der Titel den Ausgang des Films verrät, versteht man dennoch erst am Schluss, was eigentlich passiert ist.