Erscheinungsformen und Aktionen des Rechtsextremismus haben sich in den vergangenen Jahren modernisiert: Das Internet ist zu einer umfassenden Fundgrube rechter Inhalte geworden, auf Schulhöfen werden CDs mit rechter Musik kostenlos verteilt und die Vielfalt der Symbole und Codes, die auf eine Affinität zu rechen Gruppierungen Hinweise geben können, ist fast nicht mehr zu überblicken. Es hat sich eine Szene im modernen Gewand entwickelt, die nicht mehr altbacken und mit ewiggestrigen Argumenten antritt, um vor allem Jugendliche anzuziehen. Die wichtigsten Werbebotschaften, die über interaktive Websites, ein breites Bekleidungssortiment, Konzerte oder Events transportiert werden sind 'Kameradschaft' und Zusammenhalt in unsicheren Zeiten. Gleichzeitig nehmen Tarnungstendenzen zu: Aktivisten hüllen menschenverachtende Vorstellungen in Andeutungen und verbannen einschlägig bekannte Symbole zugunsten unverdächtiger Codes in die Schublade. Die Parole ist längst nicht mehr: 'Deutschland den Deutschen ' Ausländer raus!', sondern: 'Wir sind keine Ausländerfeinde. Wir lieben das Fremde ' in der Fremde'. Dieser Wandel der rechten Szene, die schwerer zu erkennenden Hintergründe der Aussagen, Parolen oder Werbeflyer machen das Thema zunehmend gefährlicher.
Pädagogen in Schule wie auch der außerschulischen Bildung stehen der Herausforderung, sich mit diesem vollzogenen und weiter vollziehenden Wandel des Rechtsextremismus auseinanderzusetzen, nicht selten hilflos gegenüber. In Schulen neigen Pädagogen zur Verharmlosung oder Verschweigen. Es bedarf grundlegender Informationen, aufklärender Material und methodischer Anregungen, nicht zuletzt in diesem Jahr, in dem viele Wahlen anstehen und damit zu rechnen ist, dass rechte Parteien auf allen Ebenen zu diesen Wahlen antreten werden. An dieser Stelle bietet das Buch wertvolle Ansätze zur Auseinandersetzung an.
Der erste Teil liefert umfassende Hintergründe zur modernen Erscheinungsform des Rechtextremismus. Die rechte Szene hat sich zu einer vielschichtigen und vielgestaltigen Bewegung verändert und weißt neue Argumentationen auf. Ebenso werden die modernen Darstellungen im Internet und in der Musik genauer beleuchtet. Die Aufsätze bieten umfangreiches Material, auch mit entsprechenden Beispielen auf einer beiliegenden CD-ROM, welches im Politikunterricht ebenso wie in der außerschulischen Bildung als Hilfsmittel der Aufklärung und als Orientierungshilfe gut genutzt werden kann.
In einem zweiten Teil wird das Thema Erlebniswelt am Beispiel des Rechtsextremismus im Internet weiter vertieft. Unter den medialen Verbreitungsformen nimmt im Blick auf die Ahndung von rechtsextremen Straftaten zwar eine Sonderstellung ein, jedoch ist es kein rechtsfreier Raum. Es werden umfassende Informationen geliefert, die den rechtlichen Rahmen klar definieren. Besonders anfällig sind Jugendlichen, wenn sie über Musik im Internet auf entsprechende Seiten der rechten Szene gelockt werden. Diesen Zusammenhang sollten Pädagogen gut kennen, wenn sie sich mit jungrn Menschen zu diesem Thema beschäftigen wollen.
Der dritte Teil des Bandes ist die Überleitung zur Auseinandersetzung mit dem Themenbereich in der pädagogischen Praxis. Mit einem besonderen Schwerpunkt auf medienpädagogischen Ansätzen sollen Angebote in Schule und außerschulischer Bildungsarbeit unterstützt werden. Deswegen findet sich neben einführenden grundlegenden Texten auch eine Vielzahl an erfolgreich erprobten Projektskizzen. Diese sind im Buch selbst (Teil 5) knapp umrissen dargestellt und werden auf der CD-ROM ein wenig weiter vertieft.
Genau da setzt jedoch der Mangel der bis hierher sehr wertvollen Publikation an: Es bleibt bei skizzenartigen Darstellungen der pädagogischen Angebote. Zwar wird auf zum Teil umfassendes Material verwiesen, dieses findet sich jedoch nicht praktischerweise auf der CD, sondern muss zum Teil mühsam zusammengetragen werden. Sicherlich ist der Argumentation, dass die Projektskizzen nicht als schlichte Muster zur Wiederholung gedacht sind, etwas abzugewinnen. Wenn aber mit der Unsicherheit des pädagogischen Fachpersonals konstruktiv umgegangen werden soll, brauchen diese mehr als nur Ideen zur Umsetzung, sondern eben auch entsprechendes konktretes Material an die Hand, um nicht vorschnell die dringende Auseinandersetzung mit dem Thema ad acta zu legen. Die Chance, die sich aus einer beigelegten CD-ROM für eine solche Gesamtpublikation ergeben könnte, wird nicht konsequent genutzt. Leider wie oft, reicht der lange Atem, den eine solche Veröffentlichung erfordert, für die Material-CD scheinbar nicht mehr ganz aus. CD-ROMs lassen sich heutzutage schnell und unkompliziert erarbeiten, der wirkliche praktische Nutzen wird aber (noch) zu selten überprüft.
Insgesamt liegt ein Band vor, der viele Hintergrundinformationen zum aktuellen Erscheinungsbild des Rechtsextremismus liefert und sehr gut in die Thematik einführt. Im praktischen Teil ist er jedoch nicht ganz so wertvoll wie der Untertitel anmuten lässt. Das ist schade, weil in den Projektskizzen viele sehr gute Ideen stecken, wie mit jungen Menschen (und besonders denen, die in der Gefahr stehen, der Werbung um sie als wichtigster Zielgruppe der rechten Parteien und Gruppierungen zu erliegen) gearbeitet werden kann.