Paul Chaim Eisenberg ist seit 1983 Oberrabbiner der Israelitischen Kultusgemeinde in Wien. Als gerade mal 33 - jähriger Rabbiner trat er nach Tätigkeiten und Ausbildungen in Jerusalem die Nachfolge seines Vaters an.
Eisenberg gelingt es mit diesem sehr persönlich geprägten Buch zum einen, einen Überblick über die lange Geschichte der Wiener Juden zu geben ( hier hat ihn vor allem Evelyn Adunka mit ihren Forschungen unterstützt), als auch einen Einblick zu verschaffen in das religiöse, geistliche und soziale Leben einer jüdischen Kultusgemeinde, und er beschreibt die vielfältigen Aufgaben eines Rabbiners.
Eisenberg schildert in eindrücklichen Worten die Situation der 180 000 Juden in Österreich vor dem Krieg, und spart nicht mit beißender Kritik an der österreichischen Nachkriegsgesellschaft, die von der Shoah und der Mitwirkung der österreichischen Elite nichts wissen wollte, selbst die SPÖ nicht.
Doch bei aller nachträglichen Empörung, die aus diesen Worten spricht, gesteht Eisenberg seinem Land zu, dass es gelernt hat. Er, der sich als gemäßigt orthodox beschreibt, und einen Teil seiner Tätigkeit als Rabbiner damit verbringt, die widerstrebenden und miteinander konkurrierenden Richtungen in seiner Gemeinde zu befrieden, wirkt mit zunehmendem Alter und mit wachsender Erfahrung auch in der österreichischen Gesellschaft entsprechend vermittelnd und mäßigend.
Er tritt auch hier in die Fußstapfen seiner Vaters Akiba Eisenberg: "Seit der Gründung des Staates Israel hatte Oberrabbiner Akiba Eisenberg das Gebet um das Wohl des jüdischen "
Eine Begebenheit, die Eisenberg in seinem absolut lesenswerten Buch schildert, ist symptomatisch für seine Sicht der Dinge. 1996 diskutiert er mit einem Moslem und einem katholischen Theologen über das Thema
"brahams Erben. Absoluter Wahrheitsanspruch versus interreligiösem Dialog - die drei monotheistischen Religionen im Gespräch". Als er in den Saal kommt, denkt er, die an Kleidung und Kopfbedeckung erkennbaren moslemischen Fundamentalisten würden vielleicht ihm gegenüber aggressiv werden. Aber sie "unterbrachen häufig nicht mich, sondern den moslemischen Sprecher, der die gemäßigte Linie des Islam vertreten hat. Sie unterbrachen ihn besonders dann, wenn er Stellen aus dem Koran zitierte, die liberal klangen. Bei dieser Gelegenheit zitierten sie aggressivere, gegen Nichtmoslems eher unfreundliche Koranstellen. Ich habe daraus den Schluss gezogen, dass die gemäßigten Vertreter verschiedener Religionen einander manchmal besser verstehen als Menschen gleicher Religion, wenn es sich einerseits um gemäßigte und andererseits um fundamentalistische Vertreter dieses Glaubens handelt.
Man könnte noch schärfer formulieren: Die gemäßigten Vertreter sind sich darin einig, dass sie an einem Tisch sitzen könnten,. Die extremen Kräfte sind sich einig darin, dass die anderen zu bekämpfen seien."
Eisenberg widmet sein Leben diesem Dialog und er arbeitet unermüdlich für das Zusammenleben der Juden in Wien. Wie dieses tägliche Pensum aussieht, wie eine jüdische Gemeinde lebt, wie ihre Kinder aufwachsen und unterrichtet werden, wie sie sich sozial engagieren gemäß ihres Glaubens, all dies kann man aus diesem wunderbaren Buch erfahren.
Man schließt es mit dem Wunsch, diesem Rabbi einmal kennen zu lernen.