Zum heilpädagogischen Reiten und Voltigieren hat die Schweizer Reitpädagogin Marianne Gäng bereits zwei Sammelbände herausgegeben. Hier stellt sie nun weitere praxisbezogene Beiträge zur pädagogischen Arbeit mit Pferden vor, die erlebnispädagogisch akzentuiert sind.
Die meisten Kinder und Jugendlichen, die an den vorgestellten Projekten teilnehmen, tun dies nicht als Schüler, sondern in ihrer Freizeit, im Rahmen therapeutischer Angebote oder als Teilnehmer an stationären Jugendhilfemaßnahmen. Entsprechend vielfältig sind auch die Aktivitäten, die beschrieben werden. Einige Beispiele aus den 14 Beiträgen des Bandes:
- Kinder aus 3. und 4. Klassen von Lernbehindertenschulen kommen im Rahmen von AG's einen Nachmittag in der Woche auf eine Jugendfarm, helfen beim Misten und Gras holen, lernen Pferde zu putzen, können auf Ponys reiten.
- Zu einer stationären psychotherapeutischen Kinder- und Jugendhilfeeinrichtung gehören eine Herde Islandponys und ein Reitplatz. Das regelmäßige Reitprogramm umfasst auch das Wanderreiten in der Umgebung - bis hin zu einem mehrwöchigen Sommerwanderritt.
- In einem Drogenrehabilitationszentrum ist jeder Klient sechs Monate lang für ein Pflegepferd verantwortlich. Höhepunkt des für die Therapie zentralen Reitprogramms ist ein sechstägiger Reittreck.
- In einer motopädisch ausgerichteten Reitgruppe werden Naturerlebnispiele entwickelt.
- Mit einer Gruppe von Schülern einer Sprachheilschule wird nach dem Konzept von Nat Parelli auf spielerische Weise Kommunikation mit dem Pferd über Körpersprache angebahnt und so Eigen- und Fremdwahrnehmung entwickelt.
- In einem integrativen Reitlager kommen 15 Kinder und Jugendliche zusammen, die eine Woche lang gemeinsam zelten, reiten und die Natur erleben wollen.
- Ein weiterer Beitrag zeigt beeindruckende Möglichkeiten auf, heilpädagogisches Reiten mit therapeutisch orientiertem Theaterspiel zu verknüpfen.
Der äußere Rahmen und die Zielsetzungen der Projekte sind meist nachvollziehbar dargestellt, die Durchführung wird ausführlich dokumentiert. An vielen Beispielen und Fallstudien werden die bei den Teilnehmern zu beobachtenden Veränderungen aufgezeigt. Es wird plastisch nachvollziehbar, dass, wie Marianne Gäng im Vorwort bemerkt, der Mensch in der Arbeit mit Pferden auf eine nicht alltägliche, sondern auf eine besondere Art angesprochen wird. "Erfahrungen solcher Art prägen sich ein, sind unvergesslich, können immer wieder nachempfunden werden und machen deshalb das Erlebte so wertvoll" (S.7).
Der Leser dieses Buches wird sicherlich immer wieder einzelne seiner Schülerinnen und Schüler vor Augen sehen, denen er wünschen würde, auch an dem einen oder anderen der vorgestellten Projekte teilnehmen zu können. Vielleicht wird er auch angesichts begrenzter Ressourcen etwas neiderfüllt auf die Möglichkeiten blicken, die anderswo verfügbar sind. Das Buch kann dann ein wichtiger Impuls sein, sich in der eigenen Umgebung nach solchen Angeboten umzuschauen und Kontakte zu knüpfen bzw. mit interessierten Partnern ähnliche Projekte auf den Weg zu bringen.