Ich kann nur eines sagen: "Erlöse uns von dem Bösen" ist einer der besten und beeindruckendsten Dokumentarfilme, den ich gesehen habe. Er ist gut recherchiert, und gut geschnitten und seine zahlreichen Auszeichnungen sind verdient.
Der Film entfaltet methodisch die schreckliche Geschichte des pädophilen Priesters Pater O'Grady. O'Grady missbrauchte über ein Vierteljahrhundert lang kleine Kinder in Nordkalifornien. Trotz mehrfacher Anzeigen durch die Opfer war die offizielle Antwort der katholischen Kirche nur, O'Grady von Gemeinde zu Gemeinde zu versetzen. Einfach so. Ohne zu verhindern, dass er weiterhin Kontakte zu Kindern haben konnte. So bekam O'Grady neue Opfer sozusagen auf einem Silbertablett von der Kirche gereicht.
Was den Film so überwältigend macht ist, dass O'Grady selber im Film zu Wort kommt. Glaubt mir, wenn ich sage, dass dieser Mann ein unglaubliches Monster ist. Seine Geschichte ist dennoch nicht nur schwarz und weiß. Er wurde selber sexuell missbraucht, was den Schluss nahelegt, dass dies seine kriminelle Tat beeinflusst hat. Und das ist ein schlauer Schritt der Regisseurin: dem Zuschauer erscheint das Monster so sanfter. Die sanfte Stimme O'Gradys, und seine freundliche Art zu erzählen, bestätigen diesen Eindruck. Beide Sichtweisen mischen sich dann in einem sehr verwirrenden Bild: Wer ist eigentlich dieser O'Grady und was für ein Mann ist er? Eine Frage, die ihm im Laufe des Interviews gestellt wird, ist, ob er sich von seinen Taten distanzieren kann. Ich glaube, das ist das Schockierendste: Während er zugibt, dass er schreckliche Dinge getan hat, scheint er überhaupt keine Reue zu empfinden oder gar ein schlechtes Gewissen zu haben. Er schreibt sogar seinen Opfern einen Brief, in dem er sie zu ihm nach Irland zu einem "Versöhnungsgespräch" einlädt. So nach dem Motto: "Ja, ja, ich hab was Böses gemacht, aber ich werde euch davon erlösen."
Natürlich vertritt der Film eine Meinung und wirkt damit sowohl durch den Schnitt als auch die Wahl der zu Wortkommenden subjektiv. Die Kirche als Institution selbst erscheint nicht im Film, außer in den Auszügen der unter Eid stattgefundenen Anhörung zweier Bischöfe im Fall O'Grady. Die teilnehmenden Theologen haben eine sehr klare Meinung zum Thema, die die Politik der Kirche klar verurteilt. Und auch die interviewten Anwälte verteidigen die pädophilen Priester nicht. Aber: Die katholische Kirche wollte nicht am Film mitwirken und ein Dokumentarfilm muss nicht unbedingt ein objektiver Bericht sein (Und ehrlich, wie will man einen Film zum Thema Kindesmissbrauch auch objektiv halten?), sondern kann auch einen Standpunkt verteidigen. Und der von Amy Berg ist klar: Der Film ist keine Kirchenvorwurfsvolle Propaganda, aber da was passiert ist, ist absolut inakzeptabel und wenn der Film dazu beitragen kann, dass die Kirche endlich reagiert, dann ist das Ziel erreicht.