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Der früh bereits zu Berühmtheit gelangte und jung mit dem Lorbeer des Georg-Büchner-Preises bekränzte Poet Durs Grünbein kommt nun langsam in diese Jahre. Entsprechend dunkel geben sich die Gedichte seines neuen Bandes Erklärte Nacht, dessen Titel auf ein Orchesterstück Arnold Schönbergs verweist. Der Frühling: vergangen, selbst in der Erinnerung ("Was ist das, Frühling?"); Berlin: Nicht mehr das alte, eine tote Stadt sogar ("Berlin posthum"). Das geliebte Umbrien ohnehin nur noch präsent als rissige Gedächtnislandschaft ("Vier Erinnerungen an Umbrien"). Überhaupt, die Zeit vergeht, unaufhaltsam: "Unheimlich ist sie, die Eile der Zeit, blickt man zurück." -- "Mit Augen, die hätten jede Mutter erschreckt", hat Grünbein dies wieder einmal getan und dabei Poesie in höchster Vollendung und voller rhythmischer Meisterschaft geschaffen. Nostalgisch zwar, elegisch beizeiten, aber immer wieder unverwechselbar und voller aktueller Bezüge. Selbst die Anschläge auf das World Trade Center vom 11. September werden da zu grandiosen Monumenten der Vergänglichkeit, zum zivilisatorischen Memento mori, das im eigenwillig kosmischen Blickwinkel des Dichters wieder zu Natur transformiert: "Der Globus dreht seine Runden wie eh und je. Aus dem All/Gleicht der Fleck in Manhattan einem erloschenen Vulkan."
Die Hälfte des Lebens also hat Grünbein vielleicht erreicht. Aber kraftvoll und innovativ in ihrer Verknüpfung unterschiedlichster Bild- und Wissensbereiche ist seine junge Lyrik immer noch. --Thomas Köster
Grünbein stellt die Frage nach dem Tod, nach der Bedeutung unserer Existenzen, nach dem Platz der Gegenwart in der Geschichte. Ist es nicht so, daß wir DIE Gedichte als besonders gelungen einstufen, die unser eigenes Empfinden wiedergeben, es womöglich durch ihre Kunstfertigkeit überhöhen? Die Gedichte, in denen Dichter und Leser in kostruktiver Resonanz schwingen? Schlechte Gedichte hingegen sind diejenigen, bei denen man dem Autor auf anstrengenden und windungsreichen Pfaden folgen muß, um schließlich nur das eine zu finden: einen schwierigen Charakter, dem gefolgt zu sein uns nicht weiterbringt.
Durs Grünbein ist mittlerweile 40. Der Markt für hohe Kunst ist klein, sehr klein, leider. Ihm ist mittlerweile alle Anerkennung zuteil geworden, die seit Menschengedenken den ernsthaft Schaffenden zuteil wird: stets zu wenig.
So nimmt es nicht Wunder, daß in der letzten Zeit bei Grünbein eine Tendenz zur Monumentalisierung, zur angestrebten Apotheose in den Klassikerhimmel festzustellen ist. Das will Grünbein durch auch von anderen (schlechteren) Autoren in Anspruch genommene Mittel erreichen: den Rekurs auf klassische Sujets und Topoi, díe Reise nach Umbrien, die venezianische Skizze, Seneca und Horaz und Archilochos. Der überfahrene Frosch, die besinnungslos gegen die Fensterscheibe anfliegende Stubenfliege - Sinnbilder der conditio humana - geraten dabei ins Hintertreffen. Das schmerzt uns ein wenig.
Unnötig zu sagen, daß Grünbein diesen Hang zur Marmorifizierung nicht nötig hat. Wer solche Verse schreibt wie im "Nachbilder"-Zyklus, dessen Platz in der europäischen Literaturgeschichte ist schon gesichert. Wir können nicht entscheiden, ob "Erklärte Nacht" das Zeugnis eines inspirativ-genuinen Entwicklungsschritts des in die Jahre kommenden Autors ist oder das Ergebnis eines auf Travertin pochenden Wollens, das nicht immer auf den leisen Ruf der Muse hört. Eines jedoch ist klar: "Erklärte Nacht" ist trotz allem besser als das meiste, was man unter "Lyrik" in den Buchhandlungen findet. (2ve)
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