Um es gleich auf den Punkt zu bringen: Ein Richter, der ein Zeugnis als <vorsätzlich falsch> sanktioniert, ohne dieses Buch gelesen (und verstanden) zu haben, handelt selbst bislang zumindest fahrlässig und ab sofort zumindest grob fahrlässig. Es ist nämlich schon das Bild von <Wirklichkeit>, das auf den Prüfstein gehört, ehe Urteilsfähigkeit - im philosophischen und erst recht im juristischen Sinne - überhaupt erreichbar ist. Da ich Habermas' Schrift bislang noch in keiner Gerichtsbibliothek, ja noch nicht einmal juristischen Fakultätsbibliothek angetroffen habe, muss ich davon ausgehen, dass die entsprechende Brisanz bislang nahezu flächendeckend verkannt wird. Dabei steht sie der Frage, ob die Erde eine Scheibe ist oder nicht, eigentlich eher voraus als nach.
Denken setzt Erkenntnisfähigkeit voraus - dies ist keinesfalls eine Entdeckung des J. H.. Der Frage hingegen, wie Erkenntnis möglich und vor allem, wie sie wirksam wird, hat er zur zentralen Bedeutung verholfen. Erkenntnis ist unter keinen Umständen eine unabhängige, eigenständige, verlässliche Zugangsmöglichkeit zu irgendetwas, sondern stets Ergebnis einer Art Selbstgefälligkeitsleistung, die einem verdeckten Erkenntniswunsch gerecht wird und sich von diesem nicht abzukoppeln vermag.
Sie ist bestenfalls Dienerin und schlechtenfalls Sklavin einer Art Forschungsauftrag und so gut wie nie ergebnisoffen. Sie ist Vorbedingungen unterworfen, die im <Erkennenden> selbst liegen, dem <Erkenntnis leitenden Interesse>. Und damit ist sie nur unter großer Vorsicht vergleichbar und unter noch größerer Vorsicht verwertbar - für die Beschreibung von <Wirklichkeit> wie für das (Selbst-) Verständnis von Denken.
Dass das Denken ein Beleg für das Sein ist, hat zumindest einschlägig bereits vor Habermas gegolten. Dass ich nur erkenne, was ich erkennen will (und meist auch exakt so, wie ich es erkennen will), ist hingegen seines Geistes Kind. Diese Leistung kann meines Erachtens nicht hoch genug anerkannt werden.
Es gibt ganz sicher Bücher auch dieses Genres, die sich leichter lesen und verstehen lassen. Allerdings wohl kaum eines, bei dem für die Leserschaft Aufwand und Erfolg in so günstigem Verhältnis zueinander stehen wie in diesem.