Neue Zürcher Zeitung
Aleida Assmann in den Untiefen der «Erinnerungsräume»
Wenn Menschen eine Weile gearbeitet haben, müssen sie sich erholen. Bei Computerbildschirmen ist dies bekanntlich umgekehrt. Sie müssen geschont werden, wenn an ihnen nicht gearbeitet wird. Deshalb gibt es sogenannte Bildschirmschoner mit mehr oder minder einfallsreichen Motiven, die sich nach festgelegter Zeit automatisch einblenden. Zu erwerben sind sie zum Beispiel in den sogenannten «Memory Stores» der amerikanischen Fred Harvey Trading Company. Diese Firma bietet Bildschirmschoner mit Photos von Sehenswürdigkeiten an, und ihr Werbespruch dazu lautet: «Add more memory to your computer!» Dieser Spruch ist ein Spiel mit Worten, das schlecht ins Deutsche übersetzbar ist. «Memory» damit ist einerseits der Speicher des Computers gemeint (in diesem Fall: ROM Read Only Memory), andererseits die Erinnerung an Schönheiten, die der Bildschirmschoner auffrischt: Der Computer wird zum Gedächtnisschoner, mit dem man erholsam durch Jahrhunderte segeln darf.
Während manche früheren Generationen von der Vergangenheit nichts mehr wissen wollten, sich im «Enthusiasmus der Zerstörung» (Goethe) ergingen und der Gestaltung der Zukunft zuwandten, tut man sich mit solcher Rücksichtslosigkeit heute schwer. Verunsichert blickt man zurück, die Utopie ist abgelöst worden durch die Topographie des Vergangenen, wie sie beispielhaft in Frankreich von Pierre Noras Projekt «Orte der Erinnerung» («lieux de mémoire») erkundet worden ist. Für diese Renaissance der Erinnerung gibt es auch gute moralische Gründe: Im Ausgang des Jahrtausends ist man aufgerufen, der Vergangenheit mitsamt ihren Schrecken zugewandt zu bleiben.
«Leidschatz der Menschheit»
Wie vollzieht sich diese Zuwendung, wie funktioniert überhaupt Erinnerung? Dass es auf diese Frage keine schnelle Antwort gibt, ist gerade das Erfolgsgeheimnis jenes schon erwähnten amerikanischen Wortspiels um «Memory». Dessen Pointe profitiert eben davon, dass die Begriffe der Erinnerung und des Gedächtnisses zwischen zwei Stühle geraten sind: zwischen den technischen des Computers und den kulturellen der Geschichte. Bytes und Websites treffen auf Fama und Trauma, sie allesamt treten bei der Frage der Erinnerung zu einem einzigartigen Stelldichein der Moderne zusammen. Von diesem Erinnerungs-Treffen fühlen sich natürlich sowohl Kultur- wie auch Naturwissenschafter angezogen. Die einen kommentieren politische, literarische und philosophische Spiel- und Winkelzüge bei der Begegnung mit dem Vergangenen. Die anderen finden neue Einsichten in die biologische Basis des Gedächtnisses, betreiben die technische Simulation von Gehirntätigkeiten und die systematische Organisation von Datenmassen.
In ihrem Buch «Erinnerungsräume» bewegt sich die Konstanzer Professorin Aleida Assmann auf kulturwissenschaftlichen Wegen. Lang ist es erwartet worden, denn Assmann gehört zu den ganz wenigen, bei denen sich hohe fachliche Kompetenz mit grosser Neugier auf gesellschaftliche Prozesse paart. Erklärtermassen befasst sie sich in diesem Buch nicht mit dem «Gedächtnis aus medizinischer oder psychologischer Perspektive», sondern erkundet «Formen und Wandlungen des kulturellen Gedächtnisses», nimmt dabei einen langen Anlauf durch die Jahrhunderte und landet schliesslich in der jüngsten Zeit. So stösst sie innerhalb der von ihr gewählten kulturwissenschaftlichen Perspektive freilich auch auf die Herausforderungen, die von den neuen Kommunikations- und Speichertechniken ausgehen.
Die neue, scheinbar beliebige Massenhaftigkeit des Materials mag die Bildung von Traditionen erschweren, der Assmann in einem weiteren Buch, «Zeit und Tradition», gesondert nachgeht. Dass Technik und Kultur bei der Erinnerung ineinander greifen, stellt sich jedoch, wie sie in den «Erinnerungsräumen» zeigt, als alter Hut heraus: Mnemotechniken des «Gedächtnisses» kennt man, so zeigt Assmann, seit je; so wie auch die «Erinnerung» umgekehrt immer schon für die kulturelle Identitätsstiftung herangezogen worden ist. «Kulturelle» wie «technische» Aspekte kommen bei ihr deshalb gleichermassen zur Sprache: Assmann fragt zunächst nach den «Funktionen», dem Sinn und Zweck von Erinnerungen (um des Ruhms oder der Trauer willen), wechselt dann zu den «Medien», den Formen von Erinnerungen (in Schrift, Bild, aber auch Narben), um am Ende die «Speicher» zu untersuchen, in denen Erinnerungen aufbewahrt werden (Archive, Kunstwerke, aber auch Müllplätze). Im Innersten dieser «Erinnerungsräume» stösst Assmann am Ende auf kollektive Erinnerungsschichten, die sie mit Aby Warburg den «Leidschatz der Menschheit» nennt.
Assmanns Buch ist einem grossen, unausweichlichen Thema unserer Zeit gewidmet. Ist es auch ein grossartiges, unentbehrliches Buch?
Anregend ist das reiche Material, das ausgebreitet wird von den blutigen Geschichtskämpfen bei William Shakespeare bis zur wilden Zeitreise in Kurt Vonneguts «Slaughterhouse Five», vom Gedächtnis als dreistöckiger Schatzkammer bei Hugo von St. Victor bis zum Gedächtnis als römischer Ruinenstätte bei Sigmund Freud, vom Gedächtnis als Bühne der Fakten bei John Locke bis zur Erinnerung als poetischem Projekt bei William Wordsworth. Aleida Assmann lässt die Metaphern und Methoden Revue passieren, die sich der Erinnerung verschrieben haben. Mit der Länge der Lektüre sammeln sich viele kostbare Fundstücke an, doch zugleich wachsen Enttäuschung und Ungeduld aus einer Reihe von Gründen.
Bei aller Liebe zu Einzelheiten: ich will nicht dreimal (in unterschiedlichen Schreibweisen) dasselbe Nietzsche-Zitat lesen, das mir erklärt, warum der Handelnde gewissenlos sei. Es ist ebensowenig ergiebig, wenn Aleida Assmann Irene Albers zweimal wortgleich für den Hinweis auf einen Ausspruch Ernst Simmels dankt, der natürlich doppelt zitiert wird («Das Blitzlicht des Schreckens prägt einen photographisch genauen Abdruck»). Mir hilft es auch nicht, reihenweise grosse Fragen vorgesetzt zu bekommen («Gibt es universale Standards für die Wahrheit von Erinnerungen?»), ohne dass der Versuch unternommen würde, sie auch zu beantworten. Die Autorin bevorzugt es vielmehr, mit solchen Fragen ein Kapitel abzuschliessen, um damit dem Leser zu denken zu geben. Warum aber soll der Leser noch mehr denken als sie selbst?
Schwanken
Assmanns grosse Einteilung in «Funktionen», «Medien» und «Speicher» der Erinnerung schafft nicht viel Übersicht, wenn sich die Autorin selbst nicht an ihre eigene Ordnung hält. Man erfährt mal mehr, mal weniger über alles mögliche mal hier, mal dort. So kommt die Metapher vom «Magen», der verdaut, unter «Medien» vor, die Metapher der «Kiste», in der man etwas verstaut, wird dagegen unter «Funktionen» angeführt, und doch würde man beide eher unter der Rubrik «Speicher» oder jedenfalls nah beieinander suchen und finden wollen. Es ist witzlos, starke Thesen zu zitieren, sich aber mit einem vorsichtigen «fast» gleich halb von ihnen zu distanzieren. So wird die Aussagekraft annulliert, und aus Behauptungen werden Thesenattrappen. Assmann zitiert beispielsweise Diagnosen aus dem «Anschwellenden Bocksgesang» von Botho Strauss mit dem Einführungssatz: «Es sieht heute fast so aus . . .» Eine herabstürzende Vase, die man «fast» aufgefangen hätte, ist schliesslich doch nichts als kaputt.
Eine geradezu interessante Schwäche von Assmanns Buch hat zu tun mit der Frage, welcher Wandel, welche historische Dynamik sich bei der Erinnerung in den letzten Jahrhunderten beobachten lässt. Früher hätte man von Wissenschaftern dazu klare Antworten mit geschichtsphilosophischen Ambitionen vernommen, doch heute hört man allerorts andere Töne sei es aus Vorsicht («Wie war es wirklich?»), sei es aus Übermut («Alles ist möglich!»). Überhaupt schwanken zahlreiche Kulturwissenschafter bei ihren Diagnosen heute zwischen («fast»!) zwingenden Entwicklungen und («fast»!) beliebiger Vielfalt. Assmanns Buch ist ein gutes Beispiel für diese Unschlüssigkeit. Mal neigt sie darin zu starken Aussagen über einen «tiefgreifenden Strukturwandel» in der Geschichte; so beschwört sie die Gefahr, die die Neuen Medien für die Stabilität der Erinnerung darstellten. Mal schildert sie aber auch eine ganze Bandbreite von Varianten und begnügt sich etwa mit der strukturellen Diagnose, dass verschiedenste Gedächtnismedien, neue und alte, in «einer immer komplexeren Struktur der Überlagerung und Durchkreuzung» nebeneinander bestehen. Diese Unschlüssigkeit ist eben gerade deshalb interessant, weil sie nicht Assmanns Problem allein ist, sondern das Problem einer Moderne, die noch immer nicht über die Fortschritts- und Verfallslogiken hinausgekommen ist, denen sie unterworfen werden sollte.
«Diese Arbeit», so verkündet Assmann, «ist von dem Interesse geleitet, möglichst viele Ansichten auf das komplexe Erinnerungsphänomen zu ermöglichen und dabei längere Entwicklungslinien und Problemkontinuitäten aufzuzeigen. (. . .) Nach einer einheitlichen Theorie wird man auf den folgenden Seiten vergebens suchen, weil diese der Widersprüchlichkeit der Befunde kaum gerecht werden würde.» In diesen einleitenden Sätzen kündigen sich Glanz und Elend dieses Buches ziemlich offen an. Es sind vor allem «viele Ansichten», die sich in ihm finden, und die passende Lesehaltung, die dazu empfohlen werden kann, ist: das Blättern. So erhält man sich die Chance, jeweils ein paar Seiten lang die Lektüre wirklich zu geniessen.
In einem immerhin werden alle Leser mit der Autorin und mit einer der von ihr angeführten Heldinnen, der Hauptfigur aus Thomas Pynchons Roman «Die Versteigerung von No. 49», übereinkommen nämlich in der Feststellung: «Ich bin dazu bestimmt, mich zu erinnern.»
Dieter Thomä -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
Pressestimmen
"Man findet unendliche viele Anregungen, Perlen der Literaturinterpretation, ein sorgfältiges Hin-und-her-Wenden vielfältiger Aspekte ... reich ist dieses Buch wirklich." (Gesine Schwan, Die Welt)
"Von Aleida Assmann lernen wir, wie Kultur und Gedächtnis als Synonyme verstanden werden können, als untrennbare komplementäre Verhältnisse." (Guido Graf, Frankfurter Rundschau)
"... eine Fülle anschaulicher Beispiele ..." (Elisabeth Bronfen, SDZ)