Wie tief die Spuren doch sind, die Deutschlehrer in den Köpfen hinterlassen. Da schreibt Gabriel Garzía Márquez nach zehn Jahren endlich sein lang erwartetes Buch, und einige Bildungsbürger wissen nichts Gescheiteres als sich darüber auszulassen, dass 159 gross bedruckte Seiten kein Roman seien. Ich lese lieber, als mich in Prüfungssituationen zurückzuversetzen. Dann ist es eben kein Roman.
Der 90jährige Nobelpreisträger und Vater von hundert Jahre Einsamkeit schenkt sich und uns ein Buch über einen 90jährigen Journalisten, der noch einmal den Zauber vom ersten Mal erleben will. Da er im Laufe seines Lebens mit Hunderten von Frauen geschlafen hatte, muss es eine Jungfrau sein, um dem gewünschten Zauber wenigstens nahe zu kommen. Und da Jungfrauen nicht auf Angebote von 90jährigen warten, muss er die Hilfe der Bordellbesitzerin Rosa Cabarcas in Anspruch nehmen. Das ist Realismus, wie wir ihn von Márquez gewohnt sind. Andere Autoren erfinden lieber eine blutjunge Studentin, die sich von einem gescheiten Kopf anziehen lässt.
Der Zauber tritt tatsächlich ein, aber anders als erwartet. Der alte Mann entdeckt noch einmal, wie Reinheit sowohl Distanz als auch Nähe schaffen kann, rührt die vierzehnjährige Delgadina in der Liebesnacht nicht an, verliebt sich und sucht die Liebe, als das Mädchen plötzlich verschwindet. Jugend und Alter, Lust und Last, Schönheit und Vergänglichkeit - zwischen diesen Polen lässt Márquez die Leser hin und her pendeln. Seine glasklare Sprache gibt die lateinamerikanische Haltung der Männer zur Welt des Milieus wieder, keine verklemmte Schummrigkeit, keine verklemmten inneren Dialoge. Darüber mögen sich die gleichen Leser aufregen, die schon bei der literarischen Einordnung in Wallung gerieten und womöglich noch die sozialkritische Note vermissen. Schön, dass sich Márquez darum nicht kümmert.
Zu den Qualitäten dieses Buches gehört zweifelsohne, dass es in seltener Dichte Themen des menschlichen Daseins miteinander verknüpft. Humor und bitterer Ernst, Melancholie und Glück, Poesie und Realismus, Stillstand und Wandlung, Anfang und Ende, Kraft und Zerbrechlichkeit. Von Kunst erwarte ich genau das, dass sie ein Spiegel für die eigenen Bilder und Geschichten ist. Márquez ist und bleibt der grosse Handwerker solcher Wandgegenstände. Lieber 159 Seiten, die man immer wieder lesen kann als ein Schmöker, der nur einen Durchgang zulässt.