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Tomas Tranströmer erinnert sich
Ein Mann der leicht fertigen Worte war er nie. Gerade 161 Poeme in elf schmalen Bänden hat der 1931 geborene schwedische Lyriker Tomas Tranströmer in über vierzig Jahren verfasst, dazu acht Kindheitsskizzen, die nun unter dem Gedichttitel «Die Erinnerungen sehen mich» (nach einer bibliophilen Teilausgabe von 1992) erstmals in Gänze auf deutsch vorliegen. Von vier Texten pro Jahr lässt es sich schwer leben: Tranströmer war als Psychologe in einer Jugendstrafanstalt tätig, bevor er 1966 die Berufsberater in Arbeitsämtern übernahm. An Wertschätzung hat es ihm dennoch nie gefehlt. Kontinuierlich wurde Tranströmer mit namhaften Auszeichnungen bedacht (so dem Petrarca-Preis, dem Literaturpreis des Nordischen Rates, dem Neustadt-Preis), seit kurzem ist er gar als Nobelpreiskandidat im Gerede.
Tomas Tranströmer ist kein Epiker, kein Elegiker und auch kein Pathetiker der Kindheit; wie seine Gedichte zeichnen sich seine Erinnerungen durch eine präzise Lakonik aus. Es sind Annäherungen an den Nukleus der eigenen Existenz und zugleich Versuche, das Ephemere in eine Form zu zwingen:
«Mein Leben». Wenn ich diese Worte denke, sehe ich einen Lichtstreifen vor mir. Bei näherer Beobachtung hat der Lichtstreifen die Form eines Kometen, mit Kopf und Schweif. Das lichtstärkste Ende, der Kopf, sind die Kindheit und das Heranwachsen. Der Kern, sein dichtester Teil, ist die sehr frühe Kindheit, wo die wichtigsten Züge in unserem Leben festgelegt werden. Ich versuche mich zu erinnern, versuche, dahin vorzudringen. Aber es ist schwer, sich in diesen verdichteten Bezirken zu bewegen, es ist gefährlich, ein Gefühl, als käme ich dem Tod nahe.
Das Bewusstsein schottet sich ab gegen den Anfang, denn die Zeit vor dem Ich ist das Allgemeine und also das Nichtsein. Gegen diese Leere wenden sich sinnstiftend «Nacherzählungen, Erinnerungen an Erinnerungen. Rekonstruktionen auf der Grundlage plötzlich auflodernder Stimmungen»: Allmachtsgefühle erfüllen den Knirps, der seiner Mutter im Zentrum Stockholms abhanden kommt und den Weg nach Hause an die Peripherie ganz allein findet. Die Erkenntnis im Naturhistorischen Reichsmuseum, «dass es eine unendlich grosse kriechende und fliegende Welt gibt, die ihr eigenes reiches Leben lebt, ohne sich im geringsten um uns zu kümmern», weckt in ihm den linnéschen Willen zu entdecken, zu sammeln und zu bestimmen. Mimikry ist der Tod in der Abwehr eines grobianischen Klassenkameraden: «Wenn er sich näherte, tat ich so, als wäre das, was ich selber war, weggeflogen und hätte nur eine Leiche zurückgelassen, einen leblosen Fetzen, den er nach Belieben niedertreten durfte. Das bekam er über.» Doch haust er auch in der Panik, «als Aussenseiter betrachtet zu werden», in den Kriegsversehrten aus Finnland, im Siechtum eines Freundes oder in der Drohung mit der Erziehungsanstalt, am schrecklichsten aber in winterfinsterer Angst und Depression, aus denen das Licht des Frühlings erlöst.
Skeptische Lebensbejahung grundiert Tranströmers Erinnerungen. Bei allen Erfahrungen der Geworfenheit hält das Scheidungskind, getragen von der Mutter, einer Volksschullehrerin, die Balance. Denn da sind stets auch die Momente des Glücks: die Erfahrung kosmischer Natur, das Getragensein in einer Hausgemeinschaft, die Aura eines Kindermädchens, die Ordnung des Museums, das Schautafeldepot in der Schule und der Traum von Afrika, die Bibliothek und das Bad, die im selben Gebäude untergebracht sind. Nichts aber ist leidenschaftlicher als der Hass des Achtjährigen auf Hitler-Deutschland (gegen den landesüblichen «abwartenden Opportunismus») und der spätere Triumph, recht gehabt und gesiegt zu haben.
Tranströmer pflegt ein nur scheinbar kunstloses parataktisches Erzählen. Bewusst hält er sich ans Faktische, bewusst enthält er sich jeder lyrischen oder denkbildhaften Verdichtung, bewusst pflegt er die Kargheit der Mitteilung. Aus ihrem Fragmentarismus gewinnen seine Prosaskizzen ihre dichterische Kraft. Imaginationsräume öffnet zudem das Mäandrierende des Textes: Persönliches überlagert sich mit Zeitgeschichtlichem, Anekdotisches verfliesst in Atmosphärisches, Nachdenken mischt sich mit Staunen. Fast scheint der Autor hinter seinen Prägungen zu verschwinden: Ich das sind andere. So vollzieht sich auch hier, was das Poem «Morgenvögel» beschreibt: «Phantastisch zu spüren, wie mein Gedicht wächst, / während ich schrumpfe. / Es wächst, nimmt meinen Platz ein. / Es verdrängt mich. / Es wirft mich aus dem Nest. / Das Gedicht ist fertig.»
Und die Berufung zum Schriftsteller? Tranströmer lässt sie auf dem «Theater» geschehen, das die Schule für ihn bedeutete. «Jetzt für mangelnde Produktivität bekannt, galt ich damals offenbar als Vielschreiber», die Offenbarung der Kunst vollzieht sich im Lateinunterricht, halten die Verse des Horaz doch der dahingestottertsten Übersetzungen stand: «In diesem Wechselspiel zwischen dem Klapprig-Trivialen und dem Federnd-Sublimen lernte ich eine Menge. (. . .) Durch die Form (DIE FORM!) konnte etwas angehoben werden. Die Raupenfüsse waren weg, die Flügel entfalteten sich.» Poesie das ist hier und jetzt mögliche Transzendenz. Was 1948 in einer Schülerzeitung manieriert mit «durchgehend kleinen Buchstaben und dem Fehlen von Satzzeichen» beginnt, wächst stilistisch empor zum Werk, das den Sinn fürs Wesentliche im taghell verborgenen Sichtbaren sucht.
Andreas Breitenstein
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