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Die Erinnerungen sehen mich
 
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Die Erinnerungen sehen mich [Taschenbuch]

Tomas Tranströmer , Hanns Grössel
5.0 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (3 Kundenrezensionen)
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Produktinformation

  • Taschenbuch: 80 Seiten
  • Verlag: Carl Hanser; Auflage: 9 (22. Februar 1999)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3446196706
  • ISBN-13: 978-3446196704
  • Größe und/oder Gewicht: 20,2 x 12 x 0,8 cm
  • Durchschnittliche Kundenbewertung: 5.0 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (3 Kundenrezensionen)
  • Amazon Bestseller-Rang: Nr. 10.731 in Bücher (Siehe Top 100 in Bücher)

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Tomas Tranströmer
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Produktbeschreibungen

Neue Zürcher Zeitung

Des Anfangs Dichte

Tomas Tranströmer erinnert sich

Ein Mann der leicht fertigen Worte war er nie. Gerade 161 Poeme in elf schmalen Bänden hat der 1931 geborene schwedische Lyriker Tomas Tranströmer in über vierzig Jahren verfasst, dazu acht Kindheitsskizzen, die nun unter dem Gedichttitel «Die Erinnerungen sehen mich» (nach einer bibliophilen Teilausgabe von 1992) erstmals in Gänze auf deutsch vorliegen. Von vier Texten pro Jahr lässt es sich schwer leben: Tranströmer war als Psychologe in einer Jugendstrafanstalt tätig, bevor er 1966 die Berufsberater in Arbeitsämtern übernahm. An Wertschätzung hat es ihm dennoch nie gefehlt. Kontinuierlich wurde Tranströmer mit namhaften Auszeichnungen bedacht (so dem Petrarca-Preis, dem Literaturpreis des Nordischen Rates, dem Neustadt-Preis), seit kurzem ist er gar als Nobelpreiskandidat im Gerede.

Tomas Tranströmer ist kein Epiker, kein Elegiker und auch kein Pathetiker der Kindheit; wie seine Gedichte zeichnen sich seine Erinnerungen durch eine präzise Lakonik aus. Es sind Annäherungen an den Nukleus der eigenen Existenz und zugleich Versuche, das Ephemere in eine Form zu zwingen:

«Mein Leben». Wenn ich diese Worte denke, sehe ich einen Lichtstreifen vor mir. Bei näherer Beobachtung hat der Lichtstreifen die Form eines Kometen, mit Kopf und Schweif. Das lichtstärkste Ende, der Kopf, sind die Kindheit und das Heranwachsen. Der Kern, sein dichtester Teil, ist die sehr frühe Kindheit, wo die wichtigsten Züge in unserem Leben festgelegt werden. Ich versuche mich zu erinnern, versuche, dahin vorzudringen. Aber es ist schwer, sich in diesen verdichteten Bezirken zu bewegen, es ist gefährlich, ein Gefühl, als käme ich dem Tod nahe.

Das Bewusstsein schottet sich ab gegen den Anfang, denn die Zeit vor dem Ich ist das Allgemeine und also das Nichtsein. Gegen diese Leere wenden sich sinnstiftend «Nacherzählungen, Erinnerungen an Erinnerungen. Rekonstruktionen auf der Grundlage plötzlich auflodernder Stimmungen»: Allmachtsgefühle erfüllen den Knirps, der seiner Mutter im Zentrum Stockholms abhanden kommt und den Weg nach Hause an die Peripherie ganz allein findet. Die Erkenntnis im Naturhistorischen Reichsmuseum, «dass es eine unendlich grosse kriechende und fliegende Welt gibt, die ihr eigenes reiches Leben lebt, ohne sich im geringsten um uns zu kümmern», weckt in ihm den linnéschen Willen zu entdecken, zu sammeln und zu bestimmen. Mimikry ist der Tod in der Abwehr eines grobianischen Klassenkameraden: «Wenn er sich näherte, tat ich so, als wäre das, was ich selber war, weggeflogen und hätte nur eine Leiche zurückgelassen, einen leblosen Fetzen, den er nach Belieben niedertreten durfte. Das bekam er über.» Doch haust er auch in der Panik, «als Aussenseiter betrachtet zu werden», in den Kriegsversehrten aus Finnland, im Siechtum eines Freundes oder in der Drohung mit der Erziehungsanstalt, am schrecklichsten aber in winterfinsterer Angst und Depression, aus denen das Licht des Frühlings erlöst.

Skeptische Lebensbejahung grundiert Tranströmers Erinnerungen. Bei allen Erfahrungen der Geworfenheit hält das Scheidungskind, getragen von der Mutter, einer Volksschullehrerin, die Balance. Denn da sind stets auch die Momente des Glücks: die Erfahrung kosmischer Natur, das Getragensein in einer Hausgemeinschaft, die Aura eines Kindermädchens, die Ordnung des Museums, das Schautafeldepot in der Schule und der Traum von Afrika, die Bibliothek und das Bad, die im selben Gebäude untergebracht sind. Nichts aber ist leidenschaftlicher als der Hass des Achtjährigen auf Hitler-Deutschland (gegen den landesüblichen «abwartenden Opportunismus») und der spätere Triumph, recht gehabt und gesiegt zu haben.

Tranströmer pflegt ein nur scheinbar kunstloses parataktisches Erzählen. Bewusst hält er sich ans Faktische, bewusst enthält er sich jeder lyrischen oder denkbildhaften Verdichtung, bewusst pflegt er die Kargheit der Mitteilung. Aus ihrem Fragmentarismus gewinnen seine Prosaskizzen ihre dichterische Kraft. Imaginationsräume öffnet zudem das Mäandrierende des Textes: Persönliches überlagert sich mit Zeitgeschichtlichem, Anekdotisches verfliesst in Atmosphärisches, Nachdenken mischt sich mit Staunen. Fast scheint der Autor hinter seinen Prägungen zu verschwinden: Ich – das sind andere. So vollzieht sich auch hier, was das Poem «Morgenvögel» beschreibt: «Phantastisch zu spüren, wie mein Gedicht wächst, / während ich schrumpfe. / Es wächst, nimmt meinen Platz ein. / Es verdrängt mich. / Es wirft mich aus dem Nest. / Das Gedicht ist fertig.»

Und die Berufung zum Schriftsteller? – Tranströmer lässt sie auf dem «Theater» geschehen, das die Schule für ihn bedeutete. «Jetzt für mangelnde Produktivität bekannt, galt ich damals offenbar als Vielschreiber», die Offenbarung der Kunst vollzieht sich im Lateinunterricht, halten die Verse des Horaz doch der dahingestottertsten Übersetzungen stand: «In diesem Wechselspiel zwischen dem Klapprig-Trivialen und dem Federnd-Sublimen lernte ich eine Menge. (. . .) Durch die Form (DIE FORM!) konnte etwas angehoben werden. Die Raupenfüsse waren weg, die Flügel entfalteten sich.» Poesie – das ist hier und jetzt mögliche Transzendenz. Was 1948 in einer Schülerzeitung manieriert mit «durchgehend kleinen Buchstaben und dem Fehlen von Satzzeichen» beginnt, wächst stilistisch empor zum Werk, das den Sinn fürs Wesentliche im taghell verborgenen Sichtbaren sucht.

Andreas Breitenstein

Pressestimmen

"Hanns Grössel muß für die Übersetzung gedankt werden. Man liest sie als deutsche Literatur. Sie ist schlank, treffend und evokativ, Poesie eben, Gefäß für das Unvergeßliche." Hugo Dittberner, Frankfurter Rundschau, 10.07.2000 "Der Poet Tomas Tranströmer hat es verstanden zu warten auf Erfahrungen, die ganz seine und doch immer auch Erfahrungen jedermanns sind. Seine Gedichte vibrieren geradezu von der Offenheit und Intensität seiner Wahrnehmung. Und sie sind auf erstaunliche Weise egalitär. Tranströmer ist vorbehaltlos und realitätsgetreu dem Wirklichen zugewandt, mit dem jedermann lebt, nur ist es für ihn nicht programmiert und reglementiert, sondern unabsehbar und in seiner Einfachheit voller Überraschungen. Er verweigert da alle Ausflüchte, auch wenn er nichts in einem Gedicht festhalten kann als Ratlosigkeit, auch wenn ihm nichts bleibt, außer dem immer neuen ungesicherten Versuch, verlässlich zu sprechen im Unverlässlichen. (...) Immer wieder gelesen, erschöpfen sich seine Gedichte nicht, sondern enthüllen immer deutlicher ihre Kraft." Heinrich Vormweg, Süddeutsche Zeitung, 14.04.01 "In einer lauten Welt könne nur die leisen Worte berühren. Das wusste Nelly Sachs, als sie 1965 Gedichte Tomas Tranströmers erstmals ins Deutsche übertrug. Sie ahnte wohl, dass keiner die Sprache der Dichtung im 20. Jahrhundert so verändern würde, wie der am 15. April 1931 in Stockholm geborene Tranströmer. (...) Unter den großen zeitgenössischen Dichtern Europas ist Tranströmer derjenige, bei dem das Hermetische und das Für-Jedermann-Offene eine selten glückliche Verbindung eingehen." Dorothea von Törne, Die Welt, 14.04.01 "Einen ruhigeren, gelasseneren Ton als den seinen findet man kaum, einen Ton, dem nichts fremder wäre als das nervöse Herumsuchen nach einer Regung des Gefühls." Thomas Steinfeld, Frankfurter Allgemine Zeitung, 14.04.01

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16 von 17 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
Von Jürgens "Bücher" TOP 50 REZENSENT
Format:Taschenbuch
Form eines Kometen, mit Kopf und Schweif. Das lichtstärkste Ende, der Kopf, sind die Kindheit und das Heranwachsen. Der Kern, sein dichtester Teil, ist die sehr frühe Kindheit, wo die wichtigsten Züge in unserem Leben festgelegt werden. Ich versuche mich zu erinnern, versuche, dahin vorzudringen. Aber es ist schwer, sich in diesen verdichteten Bezirken zu bewegen, es ist gefährlich, ein Gefühl, als käme ich dem Tod nahe. Weiter hinten verdünnt sich der Komet- das ist der längere Teil, der Schweif. Er wird immer spärlicher, aber auch breiter. Ich bin jetzt in dem Kometenschweif drinnen, ich bin sechzig Jahre alt, da ich dies schreibe. (S.9)

So schön ist die Einleitung zu den Erinnerungen an die Jugend des Literaturnobelpreisträgers des Jahres 2011. Er schildert sei Leben und seine Begegnungen ab dem dritten Lebensjahr bis zum Abschluß der Schule und so erfährt man auch wie ihn lateinische Texte von Horaz für die berufliche Zukunft geprägt haben.
Die Schilderungen haben mir sehr gut gefallen und sind oft sprachlich sehr gut ausgefeilt wie z.B. der folgende tiefsinnige Text:
"Man fühlt sich immer jünger, als man ist. In mir trage ich meine früheren Gesichter, wie ein Baum seine Jahresringe hat. Die Summe daraus ist das, was >>ich<< ist. Der Spiegel sieht nur mein letztes Gesicht, ich spüre alle meine früheren." (S.55)
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5 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
Format:Taschenbuch
Den Nobelpreis für Tomas Tranströmer kann man nur begrüßen, wenn auch - leider - immer weniger Lyrik gelesen wird. Dass diese wichtigste aller sprachlichen Gattungen nicht ganz verschwindet, sollte mit solchen Preisen auch dokumentiert werden. Tranströmer hat der Metapher im Gedicht ganz neue Seiten abgewonnen. Dass er ein genauer Beobachter und Erinnerer dessen, was er beobachtet hat, ist, zeigt auch dieses schmale Bändchen. Tranströmer gibt nur kleine Einblicke in bestimmte Abschnitte seiner Kinder- und Jugendzeit, greift das ihn wohl Prägende heraus und erzählt es in einer lakonischen, schlichten, deshalb aber umso eindringlicher wirkenden Sprache. Tranströmer für sich zu entdecken macht also keine Mühe; auf deutsch gibt es nur diese knappe Prosa, einen Band "Gesammelte Gedichte" und einen kleineren mit ein paar neueren Gedichten und einigen (nicht so bedeutsamen) Versuchen im Haiku-Format. Also: Lest Tranströmer!
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3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
Einfühlsam und imaginierend 1. November 2011
Von Poliwoda
Format:Taschenbuch
Auf den ersten Blick hat man das Gefühl diese Art der Literatur zu kennen - das Drehen um sich selbst, um all das Unbewältigte aus der eigenen Biographie. Doch Tranströmer zeigt deutlich mehr und eben nicht diesen Heulduktus. Lässt man sich auf sein Fühlen wirklich ein, spürt man sehr feingliedrige und zugleich kräftige Gedanken wie Handlungen. Hier ist einer, der sehr genau weiss was Gefühle wirklich sind. Mitunter wird man an Andre Gide erinnert, obgleich es nebensächlich erscheint, das beide den Nobelpreis gewonnen haben. Neben den spinnenfeinen Verbindungslinien des Individuums zum Sein wie Seienden ist es das eigene Gewissen, das immer wieder in Verortung gebracht wird, dies allerdings nicht und doch zugleich in einem christlichen Sinne, wenn Tranströmer allerdings eine religiöse Zuordnung wahrscheinlich ablehnen würde.
Das Buch ist ein Gewinn und es bleibt offen, was den Leser daran am meisten faszinieren kann. Es ist die sichere Federführung in any case... auch der angeblich so subjektive Ich-Erzähler wirkt scheinbar äusserst objektiv - das mag an der emotionalen Tiefe liegen, die Tranströmer aufzeigt und hervorrzurufen vermag. Wer das nicht wahrnimmt, für den eignet sich dieses nicht - in any case...
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