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Alles in allem bleibt nur, den Hut zu ziehen, vor einer so gelungenen und wertfreien Schilderung der Ereignisse des 2. Weltkrieges. Da es sich dabei noch um das authentische Werk eines Akteurs und nicht um Hörensagen handelt, ist dieses Buch zweifellos eines der besten, das über den 2. Weltkrieg je geschrieben wurde. Es sollte als Standardwerk angesehen werden.
Die 'Erinnerungen' sind eine vollständige Autobiographie, allerdings mit dem Schwerpunkt 2. WK und dessen Vorgeschichte.
Geschildert werden u.a.:
- seine Karriere in der Reichswehr
- der Aufbau der motorisierten Truppen (nicht nur der Panzerwaffe!) gegen vielfältige Widerstände
- die Besetzung Österreichs und des Sudetenlands
- seine Erlebnisse als Frontkommandeur in Polen, Frankreich und der Sowjet-Union
- die Umstände seiner Entlassungen im Dez. 41 und März 45
- die Zeit als Generalinspekteur der Panzertruppen sowie
- als Generalstabschef des Heeres (OKH).
Den Abschluss bilden kurze Beurteilungen führender Personen des '3. Reiches' sowie des (preußischen) Generalstabs. Als Anlage gibt es viele Operationsbefehle im Wortlaut.
Einen breiten Raum nehmen die fruchtlosen Diskussionen und Zusammenstöße mit Hitler und dessen Komplizen (Keitel, Jodl usw.) ein, mit denen er zwangsläufig oft zu tun hatte. Zu diesem 'erlauchten' Kreis zählt auch Intimfeind v. Kluge, der Guderian sogar zum Duell forderte (!).
Meine Meinung:
Anfangs stolpert man doch sehr über die häufige Verwendung von Begriffen wie 'aus glühender Liebe zum Vaterland', 'ein aufrechter deutscher Mann' usw..
Man sollte aber beachten, dass Guderian "ein Kind seiner Zeit" war. Außerdem zieht er schon im Vorwort eine scharfe Grenze zwischen Patriotismus (+) und Nationalismus (-) sowie Soldatentum (+) und Militarismus (-). Das scheint vor seinem Hintergrund plausibel.
Guderians Schreibstil ist trocken, oft auch sarkastisch - kein Wunder angesichts der Windmühlenflügel, gegen die er kämpfen musste. Das Buch ist an sich gut zu lesen.
Ermüdend sind allerdings die minuziösen Aufzählungen aus seiner Zeit als Frontkommandeur, die ungefähr so in Erinnerung bleiben:
'Um 13:57 fuhr ich nach A und von dort aus um 16:13 nach B, wo ich X traf, mit dem ich dann um 18:34 nach C fuhr, wo ich die Nacht verbrachte.'.
Wenn man hierbei noch A, B, C durch die Namen russischer Dörfer ersetzt, die - mit Verlaub - heute kein Schwein mehr kennt, bremst dies das Lesevergnügen doch arg.
Das ist aber auch das einzige Negative! Die restlichen Kapitel sind sehr aufschlussreich und zeigen immer wieder das Bild eines äußerst vernünftigen und rationalen Soldaten, der im Kampf gegen den irrationalen Hitler und seine Clique versuchte, das Beste aus der jeweiligen Situation zu machen.
Nun könnte man einwenden, dass jeder Autobiograph sich selbst 'aus der Schusslinie' nimmt und ein günstiges Bild von sich zeichnet. Aber ich nehme Guderian seine Schilderungen der Dinge ab! Er macht auf mich den Eindruck eines bescheidenen Menschen, der sich bis zur Selbstaufgabe (er war herzkrank) in den Dienst der Sache (nicht: der Ideologie!) stellt und dabei stets einen kühlen Kopf behält.
Aber hat er nicht durch seine militärisches Genie der Nazi-Barbarei Vorschub geleistet?
Objektiv sicherlich. Aber er hat den Krieg nicht gewollt. Für ihn stellte sich nach dessen Ausbruch nur die Frage 'Die oder wir?' Das muss man m.E. akzeptieren.
Im Gegensatz zu seinem ebenso berühmten Kollegen v. Manstein wurde Guderian m.W. auch nie eines Kriegsverbrechens beschuldigt.
Wenn der Begriff heute nicht so negativ besetzt wäre, würde ich sagen: Guderian war ein Technokrat. Von seinem ideologiefreien und rationalen Denken sollten sich die heutigen Politiker mal eine Scheibe abschneiden! Ein Mensch, den ich gern mal kennen gelernt hätte!
Dieser Offenheit gebührt mein Respekt.
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