Mit bewundernswertem Mut sprach sich Ralph Giordano (*1923) 2007 gegen den Bau einer Zentralmoschee in seinem Wohnort Köln aus. Seine Meinung, die Integration des Islams in die deutsche Gesellschaft sei gescheitert, stieß auf heftige Kritik, wie zutreffend seine Ansichten jedoch sind, zeigte sich auf zynische Art und Weise darin, dass er nun neben Tausenden Morddrohungen von Neonazis auch noch solche von radikalen Islamisten erhielt. Dem Streit ging die Veröffentlichung von Giordanos Autobiographie voraus, die nun im Taschenbuch-Format vorliegt.
Von Beginn an gewinnt er die Sympathie des Lesers für sich. Auf liebevolle Art und Weise erzählt der gebürtige Hamburger von seiner ungetrübten Kindheit im Stadtteil Barmbek, doch die Machtergreifung Hitlers wird sein Leben für immer verändern. Da seine Mutter Jüdin ist, wird er Zeuge zahlreicher antisemitischer Äußerungen: ein Freund will nicht mehr mit ihm spielen, bei den Sportwettkämpfen wird er als zweiter Sieger nicht einmal erwähnt, sein Latein- und Griechisch-Lehrer - von ihm nur noch "Speckrolle" enannt - macht ihn gnadenlos fertig und treibt ihn fast in den Selbstmord. Ralph bleibt sitzen und muss schließlich das Johanneum verlassen. Die Kriegsjahre werden ein Horror, die Angst vor der Deportation geht so weit, dass er darauf eingestellt ist, seine Mutter zu erschießen, um sie vor dem schlimmsten zu bewahren. Die letzten Monate verbringen die Giordanos in einem Keller versteckt, jederzeit in der Angst, entdeckt zu werden.
Wer allerdings meint, mit der Schilderung solch einer Jugend könne die Zeit nach der Befreiung nicht mithalten, der irrt. Das Buch fesselt weiter. Giordanos Beschreibung seiner Hinwendung zum Kommunismus und seiner desillusionierten Abkehr, seiner Karriere als Filmemacher, die ihn alle Teile der Welt bereisen lässt, liest sich spannend wie ein Kriminalroman. 1982 erfüllt er sich mit der Veröffentlichung seiner sehr stark autobiographisch gefärbten Familiensage "Die Bertinis", die zugleich einen zeitlosen Aufruf zur Zivilcourage darstellt, einen langen Traum. Doch das Trauma der Nazi-Diktatur holt Giordano immer wieder ein: Alpträume, Klaustrophobie und chronische Magenkrämpfe machen ihm das Leben schwer, doch immer wieder siegt seine unermüdliche Kreativität. Das Versagen der Bundesrepublik bei der Vergangenheitsbewältigung wird Dreh- und Angelpunkt seiner Bücher. Nichtsdestoweniger glückt das kaum zum glaubende: er kann verzeihen und findet seinen Frieden mit der Bundesrepublik, obwohl er sich im Krieg geschworen hatte, sie so schnell wie möglich zu verlassen. Die Kindheitsweisheit "Sei freundlich und man wird auch zu dir freundlich sein" und die "Große Kraft", Schwächere zu beschützen, wird Giordano sein ganzes Leben begleiten.
Ein einzigartiger literarischer Genuss sind die zahlreichen über das ganze Buch verteilten Anekdoten, sei es, wie Walter Jens ihn bei Mathematikklausuren abschreiben lässt, der über 60-Jährige sich schließlich als begeisterter Autofahrer den Jugendtraum eines Jaguars erfüllt, oder seine Liebe zu Eisenbahnen und den Wombats. Das Foto mit Wombat Rolph im Duisburger Zug kann man nicht lange genug ansehen.
Der Stil dieses wunderschönen Buchs sucht in der gegenwärtigen autobiographischen Literatur seinesgleichen. Ich zumindest konnte es nicht lesen, ohne von dem Leben dieses wahrhaften Humanisten ergriffen zu sein, dem die Überzeugung der ungeteilten Humanitas und der allezeit notwendige Einspruch, zum Lebenselixier wurden. Nach der letzten Seite des Epigramms mochte ich am liebsten noch einmal ganz von vorne beginnen.