Neue Zürcher Zeitung
Erinnerungen aus der Vorzeit
Berndt von Stadens Bericht
über eine Jugend im Baltikum
de. Während Ostpreussen und Pommern als ehemalige deutsche Gebiete noch immer regen Niederschlag in der deutschen Literatur und Publizistik finden, ist es um die Deutschbalten vergleichsweise still geworden. Dabei ist die Geschichte dieser Bevölkerungsgruppe kaum weniger faszinierend, hatte sie doch ohne eigene Staatlichkeit seit Jahrhunderten stets eine zentrale Rolle im nordöstlichen Ostseeraum gespielt. Dies gilt vor allem für die Zeit unter Zarenherrschaft, in welcher sie als Oberschicht im Gegensatz von politischer Loyalität und kultureller Zugehörigkeit überlebte. Diese privilegierte Rolle fand ein abruptes Ende mit der Freiheit der Balten nach dem Ersten Weltkrieg, als die Güterenteignungen den Deutschbalten, auch den städtischen, die wirtschaftliche Basis entzogen. Mit dem Aufstieg nationaler Eliten kam der soziale und politische Abstieg des Deutschbaltentums, ehe dieses mit den Zwangsumsiedlungen als Folge des Hitler-Stalin-Paktes Ende 1939 endgültig unterging.
Diese letzten 20 Jahre beschreibt nun der ehemalige Bonner Diplomat Berndt von Staden in einem sehr persönlichen Rückblick. Dieser reicht von seiner behüteten Jugend (geboren 1919) als Spross einer baltischen Adelsfamilie bis hin zu den Schicksalswochen des Herbstes 1939. Dazwischen liegen Jahre der mühsamen Anpassung der deutschen Oberschicht an die neuen nationalstaatlichen Realitäten, die den Deutschbalten teilweise sehr schwer fiel. Zwar verwendet von Staden manchmal ein wenig zu viel Raum für die Beschreibung der familiären Bande. Er gelangt aber immer wieder zu höchst lesenswerten Betrachtungen über die Vielfalt der kulturellen und politischen Einflüsse, unter denen er als Gymnasiast in Reval (Tallinn) aufwächst, und über das höchst ambivalente Verhältnis zur kulturellen Heimat Deutschland, die mehr und mehr vom nationalsozialistischen Bazillus befallen wird. Eindrücklich ist auch die immer wieder betonte Loyalität gegenüber dem estnischen Staat, dem von Staden in den letzten Monaten vor der Zwangsemigration noch als Rekrut dient. Sein Bericht regt zum Nachdenken über die Wechselfälle der Geschichte und die Fragilität (aber auch den Wert) kultureller Vielfalt im Widerstreit politischer Kräfte an. Er ist, so weit entfernt der Gegenstand nun liegen mag, letztlich auch ein Plädoyer für Europa.
Kurzbeschreibung
Die Memoiren des Deutschbalten Berndt von Staden rufen die untergegangene Welt des Baltikums zwischen den Weltkriegen wieder herauf. Sie zeichnen den Übergang von Kurland und Livland aus der Zarenwelt in die Unabhängigkeit der Republiken Estland und Lettland nach.