Die „Erinnerungen" von Albert Speer sind untergliedert in drei größere Abschnitte. Im ersten Teil des Buches, der sich mit Speers Tätigkeit als Architekt Hitler befasst, bemerkt man deutlich in und an der Art und Weise der ersten Schilderungen, dass es ein Künstler mit einem besonderen Auge für Architektur ist, mit dem man es zu tun hat. Auf eine Weise ist dies natürlich klar, die Detailliertheit und Intensität hat mich dennoch etwas überrascht. Der zweite Abschnitt, der sich mit dem für ihn unerwarteten Ministerdasein im Rüstungswesen und den damit zusammenhängenden Interna befasst, war für meinen Geschmack eher etwas langweilig und stellenweise uninteressant. Sehr gut gelingt es Speer hier hingegen, Hitlers Flucht aus der Wirklichkeit in seinen letzten Lebensjahren nachzuzeichnen. Im dritten Teil beschreibt er dann eindrücklich, wie er gegen Ende des Krieges die Vernichtungsbefehle Hitlers im Sinne der „verbrannten Erde" missachtete und zu verhindern versuchte und wie seine regimekritische Haltung und sein Reflexionsvermögen mehr und mehr hervortritt. Die Faszination, die die Person Hitler auf ihn ausgeübt hatte, nimmt langsam ab.
Interessant ist weiterhin, dass man mit Speer einen Berichterstatter akademischen Grades und entsprechenden Reflexionsvermögens hat, der- zumindest im Nachhinein! - die einzelnen Situationen analytisch darbieten kann. Sehr überrascht und beeindruckt hat mich, wie viele Details und Gesprächsabläufe Albert Speer doch in Erinnerung geblieben zu sein scheinen. Auffällig fand ich schließlich noch, dass Speer zum einen auf Hitlers nicht vorhandenes Privatleben verweist, sich auf der anderen Seite in seinen Erinnerungen aber auch keine einzige private Szene seine Familie betreffend befindet. Man erfährt nicht, welche Rolle seine Familie mit Frau und den sechs Kindern in dieser Zeit gespielt haben, sie kommen fast gar nicht vor in den ganzen Aufzeichnungen. Schade... - aber er wird wohl seine Gründe gehabt haben...
Natürlich kann man sich bei der Lektüre manchmal der Frage nicht erwehren, ob diese Erinnerungen nicht doch dem Zwecke nachträglicher Rechtfertigung und Rehabilitation dienen sollen und kann sich fragen, ob Albert Speer dies alles auch Ernst meint und wirklich so sieht, aber wir können es letztlich doch nicht wissen und jeder Zweifel daran ist gleichsam auch eine Unterstellung. So wird man sich also nur an den Grundsatz „in dubio pro reo" halten können... - Eine interessante Schilderung eines - doch anders als die Anderen seienden - Insiders, manchmal vielleicht einen Tick zu langatmig, deswegen 4 STERNE, aber sehr lesenswert!