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Fast gespenstisch wirkt heute schon die Schilderung vieler Vorgänge und Episoden des Kalten Krieges, an denen er beteiligt war. Man lese nur die Beschreibung seines Besuchs in Erfurt und das Zusammentreffen mit dem steifen Willy Stoph, dem Vorsitzenden des Ministerrats der DDR, der sich auch im persönlichen Gespräch nur im Verlautbarungsstil äußern wollte, konnte oder durfte und die Mauer tatsächlich "einen Akt der Menschlichkeit" nannte. Brandt schloß des Buch im Frühjahr 1989 ab, zu einem Zeitpunkt als er politisch keine Rücksichten mehr zu nehmen brauchte. Während der Drucklegung im November 1989 konnte er darin noch eine vorsichtig formulierte Nachschrift über die gerade ablaufende Wende in der DDR unterbringen. Ihr Titel: "Nichts wird, wie es war".
Brandt analysiert sich, sein Wirken, seine Wirkung, seine Zeitgenossen, seine Zeit mit scharfem Blick, doch voller Sensibilität und Menschlichkeit. Er ist nie verletzend, wiewohl Adenauer ihm mit dem unsäglichen "Brandt alias Frahm", das auf seine uneheliche Geburt und unfreiwillige Emigration anspielte, selbst zutiefst verletzt hatte und er dem BND in die Guillaume-Falle gelaufen war. Für das handliche Taschenbuch sollte sich in jeder Bibliothek noch Platz finden. --Friedrich Geiss -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
Da hat es ein Text, der sich zwangsläufig im Kern an längst vergangenen Ereignissen abarbeitet, naturgemäß schwer, aber der Autor muss sich nicht sorgen. Der damals 75-jährige Willy Brandt, der in den Wirren der Wende einmal mehr zu den Schlüsselfiguren der sich anbahnenden deutschen Einheit gehört, erklimmt mit seinen Erinnerungen in der Sachbuch-Bestsellerliste des SPIEGEL sofort einen Spitzenplatz.
Denn trotz der atemberaubenden Gegenwart interessiert sich ein beträchtlicher Teil der Bundesbürger noch immer für einen anderthalb Jahrzehnte zurückliegenden Polit-Krimi, den der Hauptdarsteller nun endlich zu enträtseln verspricht. Es geht in einem besonders brisanten Kapitel um seinen Sturz als Kanzler und die Klärung bislang heftig umstrittener Fragen: Darf sich Brandt als Opfer eines Geflechts aus Intrigen, womöglich gar einer Verschwörung sehen? Oder scheiterte der weltweit geachtete Träger des Friedensnobelpreises, der im eigenen Land in eine sich zunehmend verschärfende Krise taumelte, vor allem an sich selber?
Von staatsmännischer Milde, die einst als eines seiner Gütezeichen galt, ist die Aufarbeitung dieser dunkelsten Phase in einer eindrucksvollen Karriere jedenfalls nicht geprägt. Als sich im April 1974 herausstellte, dass ihm die DDR den Spion Günter Guillaume ins Nest gesetzt hatte, zog der Regierungschef aus den Fahrlässigkeiten im Zusammenhang mit der Agentenaffäre ohne Umschweife die Konsequenzen doch nun, in der Retrospektive, bewertet er seinen prompten Rückzug ergrimmt als groben Fehler.
Statt sich lautlos davonzumachen, ärgert sich der Sozialdemokrat, hätte er spätestens, als beamtete Staatsschützer in seinem Privatleben herumschnüffelten und ihm schlampig recherchierte Frauengeschichten vorwarfen, mit der Faust auf den Tisch schlagen sollen. Dass ihn politische Widersacher und seltsame Tugendwächter rüde zur Strecke brachten, indem sie hinterlistig eine Mixtur aus sicherheitspolitischen und sittlichen Bedenken zusammenrührten, lastet er zerknirscht auch sich selber an.
Und er scheut sich nicht, die vermeintlichen Urheber beim Namen zu nennen. Neben dem Präsidenten des Bundesamtes für Verfassungsschutz, Günther Nollau, dem er verächtlich die Rolle eines zu jeder Boshaftigkeit bereiten Erfüllungsgehilfen zuweist, geraten in erster Linie Innenminister Hans-Dietrich Genscher und der SPD-Fraktionsvorsitzende Herbert Wehner auf die Anklagebank. Brandt erregt sich wohl zu Recht darüber, dass der häufig doppelbödig agierende Freidemokrat den schon hochverdächtigen, in unmittelbarer Nähe des Kanzlers werkelnden Adlatus Guillaume bis zuletzt munter gewähren ließ aber noch härter geht er mit dem Parteifreund ins Gericht: Ohne ihn und dessen hysterische Reaktionen auf eine an sich wenig weltbewegende Affäre, macht der Autor seine Leser glauben, wäre der Amtsverzicht gewiss zu vermeiden gewesen.
Unverblümt zeichnet der rote Parteipatriarch ein Wehner-Bild, das die in konservativen Kreisen weit verbreiteten Aversionen gegen den so genannten Zuchtmeister der SPD fast noch übertrifft. Der Genosse, der seiner kommunistischen Vergangenheit wegen in der Sozialdemokratie nie die Nummer 1 werden konnte, wird als ewig gekränkt und von brennendem Ehrgeiz verzehrt an den Pranger gestellt. Er suchte Ersatz in dem Bestreben, die zu steuern, attackiert ihn der langjährige Weggefährte, die statt seiner an der Spitze standen.
Aber dann kommt es noch schlimmer: In der Manier eines bedenkenlosen Enthüllungsjournalisten streut der vormalige Regierungschef die Vermutung unter das Volk, sein von Neurosen geplagter Partner habe dem Fall Guillaume im Zusammenspiel mit Ost-Berlin oder dem Kreml möglicherweise erst den gewünschten Drive gegeben. Wenn es denn wirklich so gewesen wäre, in der Geschichte der Bundesrepublik ein Skandal ohnegleichen doch am Ende bleibt es bei der Aufzählung einiger Merkwürdigkeiten und vagen Andeutungen.
So verwundert es kaum, dass die SPD auf diesen Part der Erinnerungen demonstrativ verhalten reagiert. Der 1987 nach 23 Jahren vom Parteivorsitz zurückgetretene und von den Jungsozialisten einst ehrfürchtig Gottvater getaufte Willy Brandt hat sich zu viele Verdienste erworben, als dass man ihm nun offen in die Parade fahren könnte. Andererseits gilt aber auch der zum Zeitpunkt der Veröffentlichung todkrank daniederliegende Wehner (Onkel Herbert) als sakrosankt.
An der Frage, ob der erste sozialdemokratische Kanzler der Bundesrepublik von seinem eigenen Fraktionschef schnöde verraten oder aus machtstrategischem Kalkül peu à peu in die Resignation getrieben worden ist, scheiden sich wie eh und je die Geister. Eine Schutzbehauptung bleibt dagegen Brandts Beharren darauf, ohne die Spionage-Affäre und die damit einhergehenden Blicke durchs Schlüsselloch hätte sich die eklatante Führungsschwäche, die ihm in einer Phase der wirtschaftlichen Baisse vorgeworfen wurde, sicher beheben lassen.
Dass seine Zeit als Regierungschef sowieso abgelaufen gewesen wäre, sei eine billige Lesart, wirft er seinen Kritikern zornig vor aber im Grunde hält er das selbst für wahrscheinlich. Freimütig klagt er in anderen Passagen, welchen dramatischen Ansehensverlust er habe hinnehmen müssen, als er sich im gewerkschaftlichen Tarifpoker zu wenig kämpferisch zeigte. Die Erosion schritt fort, kommentiert der Ex-Kanzler parteiinterne Kräche nach Niederlagen bei Wahlen in den Ländern oder ständigen Querschüssen der aufmüpfigen Jusos.
Eine Rückschau voller Selbstgewissheit und streckenweise hochfahrend, wie etwa die Frankfurter Allgemeine moniert, ist das umfängliche Opus deshalb mitnichten. Wie kaum je ein deutscher Spitzenpolitiker präsentiert der Chronist eine Lebensbilanz, die die eigenen Widersprüche nicht unterpflügt, sich darüber hinaus aber ebenso ausdrücklich zur Zweckmäßigkeit eines gelegentlich ambivalenten Verhaltens bekennt.
Ohne ein zuweilen kräftiges Sowohl-als-auch, hat der SPD-Vorsitzende auf einem Parteitag seinen Genossen ins Stammbuch geschrieben, geht es nicht eine nur scheinbar saloppe Begriffsformel, die nun als Leitmotiv die meisten Kapitel seiner Biografie durchzieht. Was ihm oft genug als Hang zur Unschärfe ausgelegt worden ist, heißt die Brandtsche Botschaft, sollte eher als Qualität anerkannt werden: Komplexe Problemkonstellationen erfordern nach seiner Auffassung stets flexible Lösungen.
Und hat er so nicht seine spektakulärsten Erfolge erzielt? Allem voran die von ihm forcierte Ost- und Entspannungspolitik, die er als Antwort auf den Berliner Mauerbau entwickelte bringt Brandt seinen Lesern nahe , habe dieser Einschätzung Rechnung getragen: Der ehedem als Kalter Krieger verschriene Frontstadt-Bürgermeister orientierte sich grundlegend um und machte den Moskauer Realsozialisten eine Vertragspartnerschaft schmackhaft, die sie im Laufe der Jahre wie erhofft destabilisierte.
Willy Brandt und sein in innenpolitischen Zusammenhängen zunehmend bespötteltes Einerseits-Andererseits Willy Wolke wird er mitunter genannt: Kann man ihm verdenken, wenn er darauf besteht, die ihm häufig als Laisser-faire vorgehaltene Behutsamkeit im Verhältnis zu der massenhaft auf die Straße gehenden Protestgeneration sei der SPD letztlich gut bekommen? So erreichten die Sozialdemokraten immerhin den größten Mitgliederzuwachs in der bundesdeutschen Geschichte.
Dass andere vorweg Helmut Schmidt diese Umarmungstaktik sehr viel negativer bewerteten und den großen Vorsitzenden schlichtweg der Feigheit ziehen, ficht Brandt kaum an. Sein Nachfolger im Kanzleramt, räumt der Autor ein, habe unter mancherlei unausgegorenen Initiativen der in die Partei strömenden Weltveränderer sicher zu leiden gehabt, aber er korrigiert ihn auch. Insbesondere tritt er dem Vorwurf entgegen, dem neuen Regierungschef sei von ihm nicht ausreichend der Rücken freigehalten worden.
Zitate aus Briefen, die sich die beiden Kombattanten im Herbst 1982 schrieben, belegen die wachsende Distanz zwischen den Führungsgenossen. Schmidt der in diesen Wochen selbst gestürzt wird teilt dabei Brandt in schönster Offenheit mit, dass er besser daran getan hätte, auch den Partei-Chefsessel zu besetzen, und der Adressat keilt zurück: In Wirklichkeit musst Du selbst wissen, dass Du ohne mich kaum länger, sondern wohl eher kürzer und vielleicht mit weniger Erfolg im Amt gewesen wärst.
Nein, dass der fünfte Kanzler der Bundesrepublik den Eindruck erweckt, er sei der Leidtragende einer Situation geworden, an der am Ende auch sein Vorgänger einen Großteil von Schuld trägt, möchte ihm der vierte nun doch nicht zubilligen. Er habe ihn in einer Intensität unterstützt, versteift sich der Elderstatesman, die oftmals die Grenze meiner Selbstachtung berührte.
Lassen sich die an der Spitze der SPD offen zutage tretenden Gegensätze deutlicher in Worte fassen? Zwar stehen sich Willy Brandt und Helmut Schmidt (den Brandt ziemlich schroff als seinen innerparteilichen Herausforderer bezeichnet) immer noch näher als Brandt und Wehner aber dass die berühmt-berüchtigte Troika schon früh einem von wechselseitigem Misstrauen zernagten Torso glich, soll die Nachwelt ruhig erfahren.
Im Grunde sind es keine klassischen Memoiren, die der gelernte Journalist da sprachgewandt zu Papier bringt, sondern sorgsam gebaute Versatzstücke eines politischen Rechenschaftsberichts. Den scheint der ehemalige Bundeskanzler, langjährige Parteivorsitzende und Präsident der Sozialistischen Internationale in einer Art innerem Monolog in erster Linie sich selber zu geben und er spart dabei weitgehend aus, was ihm erstaunlicherweise nicht mehr so wichtig ist.
Zum Beispiel die deutsche Sozialdemokratie: Zu deren Entwicklungsgeschichte und Zustand in den achtziger Jahren hat Brandt noch kaum etwas zu sagen, und das wenige sagt er meist grantelnd. Die neuen sozialen Bewegungen, die er einst zu integrieren versuchte, schilt der betagte Partei-Grande nun ihrer maßlosen Programme wegen, während er die ehedem gepäppelte und viel zitierte Enkel-Generation praktisch mit Nicht-Befassung bestraft.
Brandts Hauptaugenmerk gilt stattdessen als allseits geachteter Weltinnenpolitiker den großen und globalen Spannungsbögen. Von bedeutenden Zeitgenossen wie John F. Kennedy, Charles de Gaulle, aber auch Konrad Adenauer gelingen ihm geschliffene Charakterstudien, in die er akribisch-detaillierte Aufsätze über sein eigenes Streben einbettet. Von ihm selbst begangene Fehler, auch eigene Irrtümer werden nur selten unterschlagen.
Den Sozialdemokraten hat sich der insofern sichtlich verbitterte Ehrenvorsitzende offenbar entfremdet dass er die Genossen vollends hinter sich ließ, wie einige Jahre nach seinem Tod die dritte Ehefrau Brigitte Seebacher in einem Buch suggeriert, ist dennoch weit übertrieben.
Der späte und spürbar konservativere Willy Brandt beschäftigt sich vornehmlich mit den Deutschen und ihrer Rolle in Europa in Wahrheit von jeher seine eigentliche Leidenschaft. Die unmittelbar vor der Tür stehende Wiedervereinigung seines Landes sieht zwar auch er nicht voraus, aber trotzdem ist er fast ein Visionär.
Warum, mit welchem Recht und aufgrund welcher Erfahrung ausschließen, notiert der Autor der Erinnerungen, als wende er seinen Blick zurück in die Zukunft, dass eines Tages in Leipzig und Dresden, in Magdeburg und Schwerin und in Ostberlin nicht Hunderte, sondern Hunderttausende auf den Beinen sind
Eine Selbstbeschreibung mit den für ihn unerlässlichen Ausflügen in die aktuelle politische Analyse, die am Ende sogar einen seiner vormals härtesten Gegner schwer beeindruckt. Willy Brandt, lobt in der Welt am Sonntag der Rezensent Rainer Barzel, der ihm im Mai 1972 per konstruktivem Misstrauensvotum vergebens die Kanzlerschaft abspenstig zu machen versuchte, schrieb das bisher beste Porträt Willy Brandts.
Nachwort von Hans-Joachim Noack zu Erinnerungen. SPIEGEL-Edition Band 15 -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
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