Leningrad ist Petersburg und man braucht sich weder für die Stadt interessieren,
was ein Fehler ist, noch für den Autor, was ein Fehler sein könnte , noch auch
für Lyrik, was kein Fehler sein muss, obwohl der Autor Dichter und Nobelpreisträger ist,
um aus diesem kleinen Buch grossen Gewinn zu ziehen, warum ?
Es ist ein Bericht über seine Jugend und er kommt so einfach, so klischeefrei und so
natürlich und leicht daher, dass man es glatt unterschätzen könnte.
Zwischendurch aber kommen Sätze die man für immer dabeihaben möchte:
Er schreibt über Berufe und, dass, wenn man als Pilot erstmal erhebliche Sachkenntnis
erlangt hat, man weiß, dass man sicher landen kann.
'Wohingegen man bei dem Geschäft des Schreibens keinerlei Sachkenntnis anhäuft
sondern Ungewissheiten. Was nur ein anderer Name für Kunstfertigkeit ist'.
'Wenn es in meiner Vergangenheit irgendetwas gibt, auf das ich stolz bin, dann darauf,
dass ich Sträfling wurde, nicht Soldat. Selbst dafür, dass mir der Militärjargon entging
-was mich am meisten bekümmerte-, wurde ich grosszügig entschädigt durch Gauner-
sprache und Sträflingsvokabular'.
Und bei einer Betrachtung über das Schicksal Russlands:
' Dieses Land mit seiner herrlich flektierten Sprache, die des Ausdrucks subtilster
Nuancen der menschlichen Psyche fähig ist , mit einem unglaublichen ethischen Feingefühl
( eine positive Folge seiner ansonsten tragischen Geschichte), hatte alle Vorraussetzungen
für ein geistig- kulturelles Paradies ..'
Sein Vater arbeitete als Fotograf im Marinemuseum, dem schönsten Gebäude der ganzen Stadt,
also des ganzen Landes, also des ganzen Imperiums.
Die Wohnsituation war so, dass man die Unterwäsche der Nachbarn auswendig kannte und
der Besitz eines Fussballs stempelte einen zum Bourgeois.
Aber man wohnte an der Newa und 'an Sommerabenden waren unsere drei hohen Fenster
geöffnet, und die Brise vom Fluss versuchte, sich in den Tüllgardinen wichtig zu machen'.
Schöne Sätze auch über das Gedächtnis:
'Ein Zeichen für die Schwäche des Gedächtnisses ist, dass es abstruse Einzelheiten behält'.
Joseph Brodsky hat seinen Vornamen nach Josef Stalin erhalten. Gemäss Bertolt Brecht ein
'Verdienter Feind des Volkes'.
Man stelle sich eine auf unser Land übertragene Namensgebung vor.
Genosse Stalin hat seine Ausführungen immer so beendet: 'Das ist es, was ich sagen wollte'.