Österreich als ehemalige Großmacht in der Region hat nicht nur zeitweilig große Gebiete des Balkan beherrscht, sondern auch intime Kenntnisse über die politischen und geschichtlichen Zusammenhänge der Region. Was ist also überzeugender als ein österreichischer Diplomat aus dem Außenministerium bzw. der OSZE, der als Autor ein Buch über den Balkankonflikt schreibt?
Der Autor schreibt mit Kompetenz und eben dem nötigen Hintergrundwissen, daß es in Deutschland kaum gibt, für uns waren England, Holland, Frankreich, Skandinavien und Rußland einfach wichtiger.
Der Autor wählt einen interessanten journalistischen Ansatz, nämlich dem Leser die Hintergründe an kleinen, aber für Mentalität und Denke beispielhaften Begebenheiten nahe zu bringen und plastisch darzustellen. Das kommt meinem persönlichen Erkennen und Denken sehr entgegen, denn ich glaube, daß manchmal scheinbar alltägliche Begebenheiten oder kleine Ereignisse viel aussagekräftiger sind als lange theoretische Abhandlungen. Und es ist auch irgendwie spannender!
Peter Scholl-Latour ist ein Meister dieser Form des Schreibens. Der Autor leider nicht!
Sein Problem scheint mir, daß er eben in erster Linie Diplomat und nicht Journalist ist. Deren Geschäft ist es eher um den heißen Brei herum zu reden, Vertrauliches diskret zu übergehen oder durch Allgemeines zu verschleiern. So bleibt der Autor leider häufig an der Oberfläche. Das ist schade denn man ahnt, daß er eine Menge mehr erzählen könnte.
Bei seiner Tätigkeit muß er einfach weit tiefergehende Informationen gehabt haben, als er für das Buch nutzt.
Der Zufall will es, daß ich in einigen Gegenden zur gleichen Zeit wie der Autor war, so z.B. in Podgoriza 2000 (Seite 111). Die Spannungen zwischen der Jugoslawischen Bundesregierung und der Montenegrinischen Regierung war mit Händen zu greifen, am Flughafen hatten montenegrinische Polizei und jugoslawisch-serbische Armee sich bereits ein Feuergefecht geliefert, in abgelegenen Gebieten in den Bergen lungerten Arkans Tiger und Frankie Boys herum,(Privatarmeen, die wesentlich an Massakern beteiligt waren). Recht laut auftretende amerikanische Diplomaten rasten mit sehr vielen Bodyguards zwischen Podgoriza und Dubrovnik hin und her.
Von alledem finde ich leider nichts in dem Buch, auch nicht ansatzweise wieder schade! Diplomatische Vertretungen pflegen ihre Residenten zu haben, Botschaftssekretäre die zwar keinen Schlapphut mehr tragen, aber dafür das Gras wachsen hören, und darüber auch einem kleinen Kreise im Hause vortragen. Er m u ß also das alles gehört und gewußt haben!
Auf Probleme durch die Währungsumstellung von Dinar auf D-Mark geht er ebenfalls mit keinem Wort ein : die jugoslawisch-serbische Armee mußte plötzlich Devisen haben um Lebensmittel für ihre Soldaten zu kaufen und das bei galoppierendem Wechselkursverfall des Dinar!
Auch in anderen Kapiteln bleiben viele Fragen unnötigerweise offen:
Wieso bedrohte das Vorbild ..Sardinien-Piemont.. den Österreichischen Vielvölkerstaat ? Das sagt mir nichts.
Er spricht von einem Treffen mit Milosevic aber worüber wurde gesprochen? Und - was war noch alles Thema beim Gespräch mit Ðukanovic?
Warum berichtet er nicht z.B. von der Identitätssuche der Bosniaken in Sarajevo, die zur Abgrenzung zu den Christen jetzt Salemaleikum statt Dobre Dan (Guten Tag) sagen!
Oder von den Mädchen in Sarajevo, die Geld von Iranischen Mullahs dafür bekommen, daß sie einen Schador tragen und dann, schick geschminkt mit einem sehr luftigen schwarzen Tuch um den Körper, das mehr zeigt als mancher Minirock, durch den Bazar flanieren oder sich vor der katholischen Kathedrale zum Eisessen treffen
Ich finde es immer schade, wenn ein Autor in seinem Buch seine Möglichkeiten erkennbar n i c h t ausschöpft. Das denke ich ist hier der Fall!
Dennoch ist dieses Buch für mich eine Bereicherung gewesen, weil es viele Begebenheiten und Erkenntnisse meiner Zeit auf dem Balkan abrundet und teils auch die nötige Ergänzung liefert und Entwicklungen erläutert.
Zusammenfassend: Guter Ansatz, unzureichende Realisierung, erkennbare Möglichkeiten nicht umgesetzt, viele selten zu findende wichtige Infos, der Stil könnte lockerer sein. Also: wer sich mit dem Balkan auseinadersetzen will, sollte auch dies Buch unbedingt lesen!
Mein Ratschlag, nein, meine Bitte an den Autor:
- Der Karriere-Knick kommt seltener als befürchtet - deshalb offener
drauf los schreiben !
- Nächste Auflage mit ergänzenden Hintergrunderläuterungen und mehr
kleinen Alltagsbegebenheiten schreiben
- Und ruhig etwas lockerer im Stil sein!
- ergänzen um weitergehende Erklärungen und einen Blick in die Zukunft mit
Begründung
- dazu Karten und Skizzen zum besseren Verständnis
Trotz allem die Infos sind gut daher 4 Sternchen
Webster