Als Golo Mann nach Erscheinen des ersten Bandes seiner "Erinnerungen und Gedanken" im Jahre 1986 gefragt wurde, warum er das Buch überhaupt geschrieben habe, gab er zur Antwort: "Erstens: Ein Schriftsteller muß schreiben. Zweitens: Er möchte den Leser unterhalten und möchte seinem Geist etwas zu beißen geben." Das eine wie das andere ist dem hervorragenden Schriftsteller mit "Eine Jugend in Deutschland" gelungen; und das gilt auch für den zweiten Band "Lehrjahre in Frankreich", der postum, Golo Mann starb 1994, und leider nur fragmentarisch erschienen ist.
Der große Sohn des großen Vaters erinnert in diesem zweiten Band an die ersten Jahre der Emigration. Deutschland hatte ihm die Rückkehr in sein Heimatland verwehrt. Er war vierundzwanzig Jahre alt. "Eine Jugend in Deutschland" war abgeschlossen - teilweise mit bitteren Erfahrungen, was die persönlichen Erlebnisse - vor allem bezogen auf Thomas Mann - betraf; aber auch die schlimmen politischen Entwicklungen im Lande der Dichter und Denker. Und so zitiert Golo Mann am Ende dieses ersten Memoirenbandes den deutschen Dichter Johann Christian Günther mit dem Schlußvers des Gedichtes "An mein Vaterland": "Du magst mich jagen und verdammen ...Und geh, wohin die Schickung ruft. / Hier fliegt dein Staub von meinen Füßen, / Ich mag von dir nichts mehr genießen, / Sogar nicht diesen Mund voll Luft."
Die "Schickung" rief in nach Südfrankreich, nach Sanary-sur-Mer. Und so erzählt er von diesem Dorf an der Cote Azur, in dem sich die Flüchtlinge trafen: Thomas und Heinrich Mann, Erika und Klaus, Benjamin und Breicht, Kracauer und Feuchtwanger, Döblin und Remarque und Arnold Zweig. Zwar dachte Golo Mann über die politische Emigration "nicht allzu hoch und mit jugendlicher Schärfe" und hielt auch nicht viel von ihren realitätsfremden Gesprächen, und so fallen seine Urteile über nicht sehr schmeichelhaft aus. "Außer dem Alten und Heinrich habe ich noch keinen bedeutenden Emigranten getroffen...Arnold Zweig ...ein eitler, mittelgescheiter, geschwätziger Mann", der wieder "erztheoretischen Unsinn verzapft" hat. Und "wenn man sich hier in ein Kaffee setzt, schwapp, sitzt eine gestürzte Größe neben einem."
Aber es war doch eine - im Vergleich zu den vergangenen Jahren - gute Zeit für ihn. Golo Mann war plötzlich und auf eine unerwartete Weise frei und unbelastet. Der Vater ("Übrigens besaß er das glückliche Talent, nichts zu bemerken, was ihn häte enttäuschen können."), wenn auch nahe, übte nicht mehr die bedrückende Dominanz auf den jungen Golo aus. Es war die Zeit relativ unbeschwerter Lektüre und Entfaltung eigener Fähigkeiten. Und so erzählt Golo Mann in der ihm eigenen faszinierenden Weise von diesen Jahren, die wie auch schon der erste Band Lebens- und Zeitgeschichte in einem sind - "verlotet im Ozean der Welt". Anekdoten und Betrachtungen, Familiäres, Literarisches und Politisches wechseln miteinander ab; immer interessant, nie leichtfertig und oft genug liebenswürdig.
Von November 1933 bis Sommer 1935 wirkte Golo Mann als Lehrer an der École Normale Supérieure in Saint-Cloud, bevor er im November 1935 Lektor für deutsche Sprache und Literatur in Rennes wurde. In dieser Zeit wurde ihm der Direktor von Saint-Cloud, Félix Pécaut, zum Freund. Es wurde eine Lebensfreundschaft, der Golo Mann in diesen Erinnerungen ein ehrendes Denkmal setzt. Dankbar zeigt sich Golo Mann auch dem geliebten Frankreich und seiner Literatur. "Lehrjahre in Frankreich" nennt er nicht ihne Grund diesen Band - und er beweist diesen "Lehrmeistern" in diesem Buch seine Reverenz. Zum Beispiel der französischen Literatur, der er ein eigenes Kapitel widmet. "Von ihr zu sprechen heißt das Meer austrinken wollen", was natürlich nicht gelingen kann. Aber auch das wenig Erzählte ist schon viel, weil geistreich, liebevoll und keinesfalls unkritisch.
Natürlich setzt sich der Historiker Golo Mann auch mit der Politik auseinander, mit der deutschen und mit der französischen. Auch hier sein Urteil dezidiert - realistischer als wir es von seinem Vater gewohnt sind. Brillant und überzeugend die essay-artige "Auseinandersetzung" mit dem Staatsrechtler Carl Schmitt; holzschnittartig und doch treffend die Beurteilung Ernst Jüngers. 1936 bis 1940, in Frankreich hatte zwischenzeitlich die Volksfront gesiegt, hielt sich Golo Mann vorwiegend in der Schweiz auf. Die Eltern waren mittlerweile auch in Küsnacht seßhaft geworden. Mit dem Vater verstand sich der Sohn immer besser. "..öfters bat er mich, ein Gutachten, eine Rede für ihn zu entwerfen, hielt also etwas von meinem Urteil".
Doch die Weltgeschichte hatte anderes vorgesehen. Thomas Mann ging 1938 nach Amerika, der Krieg brach aus. Golo wollte sich der französischen Armee anschließen. Beim illegalen Grenzübertritt wird er verhaftet und in Loriol interniert. Dann die Verlegung in das berüchtigte Lager Les Milles bei Aix-en-Provence, später nach N'imes. "Hier ist weder Würde noch Wirklichkeit", schreibt Golo Mann. Er wird entlassen und begibt sich auf den gefährlichen Weg nach Amerika.
Ein Fragment, natürlich. Aber auf der Basis der letzten von Golo Mann durchgesehenen Fassung seiner Erinnerungen haben die beiden Herausgeber Hans-Martin Gauger und Wolfgang Mertz eine überzeugende Arbeit abgeliefert. Dennoch bleibt natürlich das Bedauern, daß der Autor nicht selbst diesen Band vollendet hat - und letztlich auch nicht mehr vollenden konnte. Gerade über die Zeit in Frankreich, das er besonders liebte, hätte er sicher noch viel zu erzählen gewußt. Auch der Verfolg der Welt- und Familiengeschichte aus Sicht des Historikers, Schriftstellers und Sohnes von Thomas Mann in den amerikanischen Jahren und danach hätte sicher noch viel Interessantes gebracht. Aber auch das Hinterlassene und das Unvollständige ist allemal lesens- und bedenkenswert.