"Die fesselndsten Romane sind autobiographische Studien oder Erzählungen von Ereignissen, verlotet im Ozean der Welt", so Honoré de Balzac. Gemessen daran ist das Buch von Golo Mann ein zweifach "fesselnder Roman": Er ist Lebens- und Zeitgeschichte, "verlotet" in der geistigen Welt und der historischen Epoche. Mit der geschliffenen Feder des Schriftstellers und Essayisten, mit dem geschulten Blick des Historikers und der lebhaften Erinnerung des Betroffenen wird das individuelle und allgemeine Bild der Zeit zwischen 1909, dem Geburtsjahr des Autobiographen, und 1933 gezeichnet.
Golo Mann nennt sein Buch einen "Entwicklungsroman". Diesem Genre bleibt er nichts schuldig. Mal in Anekdoten und knappen Erlebnisberichten, dann wieder mit scharf gezeichneten Porträts und tiefsinnigen Betrachtungen geht er den Lebenslinien nach. Oder besser: zurück. Denn "was ich erzähle, beginnt in tief versunkener, von mir gleichwohl erinnerter Vergangenheit".
Der Vater - er dominierte den großbürgerlich-intellektuellen Dichterhaushalt, in dem Golo lebte und litt. Die älteren Geschwister Klaus und Erika, selbstbewusst und frühreif, werden vom Vater akzeptiert. Anders Golo. Thomas Mann dazu: "Golo, mehr und mehr problematische Natur, verlogen, unreinlich, hysterisch..". So entstehen frühkindlich-psychische Schäden, die das ganze Leben nachwirken werden. Linkisch, liebedienerisch und einsam - das Kind Golo leidet unter den älteren Geschwistern, vor allem aber unter dem übermächtigen Vater. Der Leser spürt dies, trotz aller Verhaltenheit und Rücksicht. Der folgende Satz entlarvt: "Was hatten wir doch für eine elende Kindheit, Angst vor anderen Kindern, vor den Eltern und dem Gymnasium". Und über den "Alten". "Wohl konnte er noch Liebe ausstrahlen, überwiegend aber Schweigen, Strenge, Nervosität und Zorn".
Interessant und bezeichnend Golo Manns eigenes Bekenntnis, dass letztlich erst der Tod des Bruders Klaus 1949 und des Vaters 1955 die eigene schriftstellerische Arbeit ermöglicht haben. Den familiären Konflikten jedenfalls entzieht sich der Zurückgesetzte und Ungeliebte vorerst Durch "Ausbruchversuche" - wie es im Buch heißt.
Die Zeit des Ersten Weltkriegs ist im Hause Mann durch die intellektuelle Auseinandersetzung mit den Zeitfragen bestimmt. Nicht zuletzt durch "Die Betrachtungen eines Unpolitischen" von Thomas Man; ein Werk, für das Golo nicht allzu viel übrig hatte.
Es folgen Salem und die Studienjahre in München, Berlin, Heidelberg, Hamburg und Göttingen. Das geistige Klima besonders an der Universität Heidelberg und die Begegnung mit Gundolf, Jaspers und Weber sind für die intellektuelle Prägung wichtig. Vor allem Jaspers hat auf Golo Mann "als sehr langsam sich zur Reife entwickelnden Schriftsteller" gewirkt. Auch hinsichtlich der später getroffenen Entscheidung für Die Historie. - Geschärft wurde in dieser Zeit aber auch das politische Bewusstsein von Golo, der bald sehr deutlich die Vorboten einer "neuen Zeit", die nichts Gutes verspricht, erkannt hat. Konsequent daher der Eintritt in den Sozialistischen Hochschulbund als Gegenposition zum aufkommenden Nationalsozialismus. Dennoch das Bekenntnis: "Rückwirkend glaubt man leicht, Geschichte vorausgesehen zu haben, nicht genau, aber ungefähr. Die Wahrheit ist, dass ich nichts voraussah, noch am 31. Januar 1933 nicht...."
Lebens- und Zeitgeschichte findet nicht statt ohne viele kleine, aber nicht unbedeutende Erlebnisse, Freundschaften und Bekanntschaften - so mit dem Fürsten Lichnowsky, mit dem Germanisten Pierre Bertaux, mit dem Journalisten Leopold Schwarzschild und der Schriftstellerin Ricarda Huch.
Was wollte Golo Mann mit diesem Buch? Es ist ein Form der Selbstvergewisserung geworden und die Autobiographie eines unserer bedeutendsten Denker und Historiker, eines "Menschen mit seinem Widerspruch". Es ist aber auch ein Deutschland-Buch.
Und daher auch in der Rückschau - unabhängig davon, das es brillant geschrieben ist - eine notwendige und spannende Lektüre.