Als eher älteres Semester, der die Musik von Eric's Cream und Peter Green's Fleetwood Mac mit der Muttermilch aufgenommen hat, muss ich meine völlige Begeisterung für diese Doppel-DVD einfach mal zum Ausdruck bringen. Nochmals für einige der Teilnehmer hier: dies ist kein reines Blues-Festival, sondern ein Gitarren-Festival, das ist schon ein großer Unterschied, und als alter Fan des elektrischen Blues muss ich sagen, dass genau diese Vielfalt dem Projekt gut tut. Natürlich kann nicht alles den Geschmack aller treffen (ich überspringe z.B. regelmäßig John McLaughlin, der mich mit seinem absolut seelenlosen highspeed-Gedudel seit 35 Jahren nervt), aber die völlig verschiedenen Genres mit allem, was Saiten hat (von der indischen Dobro-Selbstkonstruktion bis zur 13-saitigen pedal steel guitar) macht den Reiz dieser sagenhaften Doppel-DVD aus. Der Gastgeber Eric ist dabei offensichtlich mit großer Begeisterung dabei, seine Soli (extra-Stern: direkt anwählbar!) sind wieder zum Niederknien. Man muss auch unterscheiden, wie man das Spiel einzelner Gitarristen bewertet: viele begeistern sich für virtuose Spieltechnik und große Variationsbreite, für andere (dazu gehöre ich) zählt das sog. feeling mehr: gerade der Autodidakt Eric wurde im Laufe der letzten vier Jahrzehnte, nachdem es 1965 wirklich kaum einen besseren gab, von Hunderten anderen, professionell ausgebildeten Gitarristen überholt, was Technik anbelangt, aber kaum ein anderer (ausgenommen vielleicht der frühe Peter Green) kann bei mir mit seinen Soli ein solches Gänsehaut-Feeling erzeugen.
Zum Konzert-Mitschnitt selbst: nach einem fetzigen Einstieg mit Eric's bewährter Version des J.J. Cale Hits "Cocaine" eine interessante Kurz-Studie über die Wurzeln des Blues (mit einem Zeitgenossen von Robert Johnson!) und ein erstaunlich souverän agierender Opa des Elektro-Blues, Hubert Sumlin, leider mit dem unvermeidlichen Jimmie Vaughan, der sich wieder einmal furchtbar abmüht, mit Stimme und Gitarre eine vernünftigen Ton heraus zu bringen; aber er ist halt der große Bruder des viel zu früh verstorbenen Stevie Ray. Nach 6 Blues-Stücken ein Schlenker in die Country-Zone: das geniale "Man Of Constant Sorrow" von Dan Tymynski - die Stimme von George "Depper Dan" Clooney in dem aberwitzigen Film "O Brother, Where Art Thou?". Dann ein verzichtbarer Auftritt von James Taylor, allerdings mit einem ersten Vorgeschmack auf den Eagles-Chaoten Joe Walsh. Der Nashville Chicken Picker Vince Gill zusammen mit Dobro-Spezialist Jerry Douglas, die man fasziniert beim Spiel beobachtet, obwohl mir der neue Stern am Country-Himmel Johnny Hiland lieber gewesen wäre. Tja, der gute alte J.J. Cale, dem Eric (wie auch Lynyrd Skynyrd) viel zu verdanken hat. Mr. Laid Back spielt wunderbar entspannt (wer braucht hier Virtuosität?) seine beiden Stücke "After Midnight" und "Call Me The Breeze".
Vor Jahren schon hab ich mir eine Live-CD des schwarzen Spezialisten der 13-saitigen pedal steel guitar gekauft: Robert Randolph ist insofern ein Unikum, als er der Einzige ist, der auf diesem Instrument Blues-Rock spielt, und das mit einer Präzision und Geschwindigkeit, die die Kinnlade herunter klappen lässt. Leider muss er noch lernen, wie man ein Publikum animiert; die peinlichen Tanzeinlagen strafen das Vorurteil Lügen, Afroamerikaner könnten sich alle zur Musik bewegen. Doyle Bramhall II (die römische Zwei besagt, dass er aus einer Musiker-Dynastie stammt) ist seit einigen Jahren (nach dem Ausstieg von Andy Fairweather-Low) der Assistent von Eric bei Live-Gigs und macht hier seine Sache ordentlich; bemerkenswerter als sein Spiel eher die Tatsache, dass er als Linkshänder die Gitarre anders herum trägt und dabei die Saiten nicht umgespannt hat: für Gitarristen ein kurioser Anblick.
Dass ich mal Carlos Santana mit seinem unsäglichen "Ich will der Welt Liebe geben"-Gesabbel und seinem seit fast 40 Jahren dramatisch überschätzten Gitarrenspiel einmal ertragen könnte, hätte ich nicht gedacht, aber sein "Jingo" zusammen mit Eric ist tatsächlich für mich eines der Highlights. Am Ende der ersten DVD John Mayer, den man ja aus den Charts mit Schmusesongs wie "Your Body's A Wonderland" kennt, überrascht hier nur diejenigen, die ihn nicht schon bei Live-Auftritten gesehen haben, als äußerst virtuoser Gitarrist, dem man stundenlang beim Spielen zuhören könnte.
Die zweite DVD dann mit einem Auftritt des Inders Vishwa Mohn Bhatt, der auf einem Dobro-ähnlichen Eigenbau indische Weisen zum besten gibt - auch eines der Stücke, die ich öfters überspringe. John McLaughlin und Larry Carlton: forget it! Beide unbestritten absolute Meister auf der Gitarre, aber sie lösen mit ihrem Spiel nichts aus, vielleicht Faszination über die technischen Möglichkeiten auf dem Instrument, also eher wie ein Zoobesuch. Dann wieder die Rückkehr zum Blues, zunächst mit dem Kurzauftritt eines Uropas, David "Honeyboy" Edwards, der doch tatsächlich Robert Johnson 1937 begegnet sein will. Dass man ihn in seinen Neunzigern noch auf die Bühne zerren würde, hätte er auch nicht gedacht.
Danach wieder mal eine Reverenz von Eric an sein altes Idol Johnson mit dem fetzigen Slide-Stück "If I Had Possession". Robert Cray höre ich gerne, mehr aber auch nicht, aber bei dem langsamen, klagenden Stück "Time Makes Two" zeigt er wieder einmal, dass er den Blues musikalisch erweitern kann, so dass er neu und reizvoll klingt, auch wenn sein Solo wie immer etwas angestrengt wirkt. Jonny Lang wird nach meiner Überzeugung wie so mancher aus der jungen weißen Bluesgeneration (etwa Kenny Wayne Shepherd) überschätzt, mit seinem Geschrei will er Blues-Feeling suggerieren, das er nicht hat, aber sein Auftritt ist nett. Dann der von einigen meiner Vorschreiber zu Unrecht geprügelte David Hidalgo, der zeigt, dass auch Latinos den Blues haben können. Sein Spiel ist sehr gefühlvoll und abwechslungsreich.
Ja, und dann ist wieder Mach 2 angesagt: Steve Vai, ein Vertreter aus der Abteilung "Ich spiel nichts unter Zweiunddreißigstel!". Aber mit einem seiner Paradestücke "I'm The Hell Outta Here", das man auch von einer G3-DVD (mit Satriani und Malmsteen) kennt, kann er schon begeistern. Wie die drei Gitarristen (unter anderem der dem Chef gefährlich nahekommende Tony McAlpine)und der unfassbar schnelle Bassist Billy Sheehan zusammen loslegen und sich auch noch gegenseitig in die Saiten greifen, das reißt einen schon mit. Warum Eric Johnson, der mit einem Stück auch schon mal einen Grammy gewonnen hat, verrissen wurde, ist mir nicht klar. Er spielt erstens ein sehr schönes Stück "Desert Rose", das er mit faszinierenden, Jazz-lastigen Soli ausschmückt, und zweitens trägt er ein sagenhaft geschmackloses, violettes Hemd. Auch ein Highlight!
Und dann einer meiner Lieblinge, Joe Walsh, der mit seinem skurrilen Humor schon immer dafür sorgt, dass die Eagles sich nicht zu ernst nehmen. Seit seinem Beitritt zur Band 1976 hat er den Sound und das Songwriting der Eagles veredelt und war maßgeblich an "Hotel California" beteiligt. Seine verwaschene Sprache ist sicherlich auch durch seinen jahrzehntelangen Alkoholmissbrauch bedingt, aber beim Spielen hat er immer noch alle fünf Sinne beisammen. Hier kommt er natürlich mit seinem größten Hit "Rocky Mountain Way", bei dem er zeigen kann, dass er eine der gefühlvollsten Slide-Gitarren überhaupt spielt, und wie immer die Einlage mit der "talk box", die Peter Frampton bekannt gemacht hat. Dann endlich wieder der von den Fans heiß ersehnte Eric mit seinen beiden Klassikern "I Shot The Sheriff" (hier hat er live aus einem Langweiler ein tolles Stück gemacht) und das ewige "Have You Ever Loved A Woman", mit dem er an guten Tagen beim Zuhörer Gänsehaut vom Scheitel bis zu den Zehen erregen kann.
Und wie er im Interview schon sagt: wer kann die Show in Dallas schon beenden außer ZZ Top? Die drei alten Wurzelsepps haben zwar spieltechnisch ihren Zenit schon lange überschritten (vor allem Billy Gibbons hat im Lauf der Jahrzehnte stark nachgelassen), aber das ist hier völlig sekundär. Mit einem der größten Kracher der Bluesrock-Geschichte "La Grange" und dem nicht minder mitreißenden "Tush" schließen sie das Festival angemessen, und über die coolen Tanzeinlagen könnte man sich schlapp lachen.
Also: alles in allem eine hervorragende (drunter macht's der Eric ja auch nicht) Doppel-DVD, die wohl eher zu kurz geraten ist - nur durch die Dankesrede von Gibbons erfährt man, dass auch Jeff Beck dabei gewesen sein muss. Von mir aus hätten es auch vier Scheiben sein können. Für Fans aller Saiten-Instrumente kann es nur heißen: kaufen!