Das Hauptwerk von Daniel Barron trägt den Titel 'erherzung'. Es geht darin um nichts weniger als um ein neues Paradigma für die Welt und die persönliche Entwicklung. Das Paradigma trägt den Namen Theohumanity, weil es davon ausgeht, dass wir unsere menschlichen Aspekte im Alltag auch als spirituell und göttlich erfahren können. Für mich ist erherzung heute das Buch, das mich regelmäßig erstaunt, inspiriert und verändert.
Um den höchsten spirituellen Zustand zu erlangen, ist es Barron zufolge erforderlich, nicht nur in einem Bereich unseres Wesens Erleuchtung zu finden - wovon die östlichen Weisheitsschulen (insb. Buddhismus, Advaita Vedanta) ausgehen -, sondern gleichzeitig in drei Bereichen: im Emotionalkörper durch die grundlegende Heilung unserer Verletzungen und Strategien, im Mentalkörper (Verstand) durch Meditation und Selbsterforschung und im Chakralkörper durch Gebet und die Hingabe aller Ergebnisse unseres Lebens an ein übergeordnetes Wesen. Dieser neue Zustand spiritueller Reife wird als Erherzung bezeichnet. Die Erleuchtung des Mentalkörpers entspricht übrigens der traditionellen Erleuchtung. Zentral ist, dass das Ich im Verlauf der spirituellen Reise nicht überwunden werden muss, sich nicht auflöst und auch nicht als Illusion erkannt wird, sondern in seiner Individualität erhalten bleibt und deutlicher hervortritt. Barron formuliert als neues Ziel der Erleuchtung (des Mentalkörpers), die Angst vor dem Verlust des Ego zu fühlen und dadurch zu heilen. Dies ist für mich einer der wichtigsten Unterschiede zu den östlichen Lehren, die von der Nichtexistenz des Ego ausgehen.
Nach Theohumanity ist das Nonduale,' das sich bei der Erleuchtung des Mentalkörpers erschließt, nicht die letzte und einzige Wirklichkeit, sondern der Urgrund-Aspekt des Gotteswesens. Gleichberechtigt hierzu sind der Schöpfer-Aspekt sowie die duale (Alltags)Welt. In der Gesamtheit ermöglichen diese Aspekte, dass wir im Verlauf unserer spirituellen Reise eine lebendige Verbindung zum Gotteswesen aufnehmen und darin zur Ruhe kommen.
In den östlichen Weisheitsschulen, wie auch in der Integralen Theorie, wird demgegenüber die Erleuchtung (des Mentalkörpers) als letztes Ziel der Bewusstseinsentwicklung aufgefasst; Emotionen und Gefühlen wird keine besondere Bedeutung zugeschrieben. Da die duale Welt als Gesamtheit unwirklicher Erscheinungen gilt, wird sie direkt oder indirekt mit Leiden und Verblendung gleichgesetzt, die durch Erleuchtung als Illusion (Maya) zu durchschauen und zu transzendieren wäre. Nach Theohumanity beruhen das Leiden und die Verblendung unseres Alltagsbewusstseins jedoch nicht auf Illusion oder Maya der dualen Welt, sondern in erster Linie auf Verletzungen und Strategien im Emotionalkörper. Werden diese in einem tiefgründigen emotionalen Erleuchtungsprozess (EBE) geheilt, werden verletzte Emotionen wie Schmerz und Angst und daraus abgeleitete Strategien nicht mehr als Leiden wahrgenommen, sondern als Ausdruck des Emotionalkörpers angenommen. Dann können Freude und Lebensfeuer auftauchen; die Welt der dualen Erscheinungen erhält eine neue Gefühlsqualität, die jede Transzendenz überflüssig macht. Die Heilung des Schattens ist in EBE so tiefgründig, dass eine dauerhafte Verkörperung des authentischen Selbst möglich wird -' was mit psychologischen Methoden bisher nicht erreicht werden konnte.
Im Vergleich zu anderen Standardwerken verzichtet Barron in erherzung fast gänzlich auf Zitate und Quellenangaben. Dies ist nachvollziehbar, da Theohumanity sich nicht -' wie etwa die Integrale Theorie - als eine Synthese spiritueller und psychologischer Ansätze versteht. Vielmehr handelt es sich bei Theohumanity um ein neues Paradigma, das auf Grundannahmen aufbaut, die bisher so nicht formuliert und verknüpft wurden. Da die Grundannahmen in erherzung ausführlich erläutert und durch ein umfangreiches Glossar ergänzt werden, können sie meiner Meinung nach theoretisch gut nachvollzogen werden. Aufgrund seiner Erfahrungen hat Barron spezifische Ausbildungswege entwickelt, die in Project Theohumanity vermittelt werden.
Erherzung: Die Verkörperung des göttlich menschlichen ist ein radikales Werk, das in jedem Kapitel die traditionellen Grundannahmen über Spiritualität und Psychologie herausfordert und das nur häppchenweise verdaut werden kann. Im Gegensatz zu vielen modernen Ansätzen, die unmittelbare Erleuchtung versprechen, kann erherzung als vielschichtige Landkarte bezeichnet werden, die unserem komplexen Wesen entspricht und die klare Meilensteine aufweist. Wem also die bisherigen spirituellen Lehren nicht genügen und wer neue Wachstumsmöglichkeiten erkunden möchte, dem kann ich die Lektüre von erherzung sehr empfehlen! Als Inspiration und vielleicht auch als neuer Kompass.