Gehalten von einer Hand prangt eine grell-rote Pille im gleißenden Sonnenlicht auf dem Cover des brandneuen Buches Erfolgsmythos Psychopharmaka".
Der Autor, ein junger (Jg. 1971), promovierter Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, arbeitet an der namhaften Charité in Berlin im Bereich der psychiatrischen Versorgungsforschung.
Dr. med. Stefan Weinmann möchte die Psychopharmaka nicht abschaffen, sondern ihre Anwendung kritisch und problem-orientiert bewerten und patienten-zentriert einschränken: Psychopharmaka können wichtige und segensreiche Medikamente sein, wenn sie sinnvoll eingesetzt werden. Im gegenwärtigen Versorgungssystem sind sie unverzichtbar." (siehe Seite 7).
Im einführenden Kapitel erfahren wir: "Eine der zentralen Thesen des Buches ist, dass die Behauptung einer spezifischen Wirkung vieler Psychopharmaka nicht zu halten ist." (siehe Seite 16).
In den folgenden sechs Kapiteln wird diese These anhand zahlreicher klinischer Studien und Erfahrungen aus der Praxis im Hinblick auf die Krankheitsbilder der Depression und Schizophrenie ausführlich und tiefgreifend dargestellt.
Im zweiten Kapitel erörtert der Autor zunächst kritisch die Vor- und Nachteile der gültigen Diagnosesysteme (ICD und DSM). Den Schablonen diagnostischer Denkweisen wird in ihren historischen Ursprüngen nachgegangen. Hierbei findet anhand von aussagekräftigen Fallbeispiele und institutionellen Studien (z.B. WHO) die Analyse der Reliabilität und Validität diagnostische Kriterien statt, insbesondere auch im Hinblick auf die länderspezifischen bzw. kulturellen Unterschiede.
Danach beinhaltet das dritte Kapitel die Evidenz randomisierter kontrollierter Studien. Hierbei dienen die methodischen Probleme der Durchführung und Interpretation von Langzeitstudien als ausführliche Beschreibungsgrundlage.
Im vierten Kapitel können wir die Ansichten und Vorurteile der Beteiligten, speziell der behandelnden Ärzte, nachlesen. Hauptsächlich kommen aktuelle Diskursthemen wie die Marginalisierung der Sozialpsychiatrie, die Tabuisierung der Kritik an der etablierten Applikation der Psychopharmaka bis hin zum Sozialkonstruktivismus in der Forschungsmethodologie zur Sprache.
Das anschließende Kapitel weist auf einige Probleme der breiten Anwendung von Psychopharmaka hin und stellt wirksame therapeutische Alternativen zur bestehenden Behandlungspraxis vor.
Im vorletzten Kapitel werden die Widerstände gegen die Durchsetzung therapeutischer Alternativverfahren in der Routineversorgung untersucht. Klinische Studien und skandinavische Erfahrungen, die verstärkt sozialmedizinische Aspekte berücksichtigen, dienen als Anschauungsmaterialien.
Im Abschlusskapitel geht es um die zukünftigen Konsequenzen einer patienten-zentrierten Psychotherapie. Es werden insgesamt elf konkrete Forderungen für die Verbesserung der Behandlungspraxis abgeleitet. Die wichtigsten sind: mehr Mitbestimmung der Patienten, Kontinuität der Versorgung, unabhängigere Finanzierungen und Informationen, verbesserte Qualitätskontrollen und Konzentration der Behandlungsaktivitäten auf die schweren Krankheitsfälle.
Fazit: Zur Pflichtlektüre ein wichtiges Buch, das ein überzeugendes Plädoyer zur patienten-zentrierten Behandlungspraxis aus der Perspektive eines kompetenten Facharztes darstellt.
Obwohl Dr. Weinmanns pauschale Kritik an der profit-orientierten Pharmaindustrie prima facie verständlich ist, so wäre jedoch meiner Meinung nach eine differenzierte Sichtweise angebracht. Denn es ist unbestreitbar, dass Arzneimittel - insbesondere Psychopharmaka - umfangreichen Qualitätskontrollen (GMP und AMG) unterliegen und weitreichenden regulatorischen Anforderungen der Registrierungsbehörden entsprechen müssen. Zudem sollte auch der Pharmaindustrie der Behandlungserfolg des zufriedenen Patienten am Herzen liegen, da sich nur so nachhaltig Gewinne erwirtschaften lassen, wie die Geschichte nachweislich gezeigt hat (Diskutiere Fallbeispiele der Psychopharmaka Valium und Librium!).
Berechtigterweise tritt der Autor sowohl für die Verantwortung des Arztes als auch für den informierten, mündigen Patienten ein, der ein Recht hat in seinem individuellen gesellschaftlichen Umfeld als ganzheitliche Person wahrgenommen zu werden und dem problembewusst und nachhaltig geholfen werden soll.
Dr. Stefan Weinmanns Buch Erfolgsmythos Psychopharmaka" ist ein richtungsweisender Beitrag, den sowohl die Entscheidungsträger aus der medizinischen Praxis als auch die Betroffenen des etablierten medizinischen Systems aufmerksam beherzigen sollten, um konkrete praktische Verbessungen in den unzureichenden psychiatrischen Behandlungsverfahren umsetzen zu können.
Dr. Achim Schmetz Freiburg i. Br. im März 2009