In einem Satz: Ich war enttäuscht. Hätte ich für das Buch Geld bezahlt - das ist nicht nötig, (noch) kann man es sich gratis herunterladen: der Webshop steht anscheinend immernoch nicht -, ich hätte mich geärgert. Ich sollte allerdings auch erwähnen: Ich bin kein Freund von Management-Literatur. Jörg Weisners "Erfolgreiche Gewohnheiten: Vergiss Selbstdisziplin, erfolgreiche Gewohnheiten bringen Dich voran" fand ich vor allem wegen des Untertitels interessant. Ich hatte mir erhofft, im Sinne von Dinge geregelt kriegen - ohne einen Funken Selbstdisziplin von Sascha Lobo und Kathrin Passig etwas davon zu hören, dass der Mensch ohne große Veränderungen seiner selbst erfolgreich sein kann - sei es durch Anpassung seiner Umwelt oder schlicht durch die Akzeptanz seiner selbst.
In Wirklichkeit liegt dem Buch aber ein Etikettenschwindel zu Grunde. Dieser Verdacht kam mir erstmals in der Einleitung bzw. auf S. 64: Hier schreibt Weisner, dass jedermann zu jeder Zeit "100% diszipliniert" sei. Damit wird der Begriff "Disziplin" natürlich vollkommen entwertet, zu einer leeren Worthülse. Weisners Erfolgsrezept liegt aber natürlich auch in einer Form von Disziplin, nur dass er einen anderen Begriff dafür verwendet: Gewöhnung. (Er spricht zwar stets von den "Gewohnheiten" als seien diese schon da, aber ein gut Teil des Buches befasst sich mit dem Aneignen dieser "Gewohnheiten" - die ja gar keine endogenen Gewohnheiten sondern externe Verhaltensmuster sind, an die man sich durch Konditionierung gewöhnt.)
An anderen Stellen im Buch finden sich Aussagen, dass Gewohnheiten keinen Spaß machen müssen (S. 73) - als Beispiel wird das Zähneputzen genannt.Natürlich kann man da nur zustimmen: Das Zähneputzen ist eine nütz liche, sogar notwendige Gewohnheit. Ich stelle nicht in Abrede, dass diese Methode funktionieren kann; nur hat sie eben doch etwas mit Disziplin zu tun, und richtet sich nicht gegen diese. Denn zur Aneignung der "Gewohnheiten", also zur Konditionierung, benötigt man "Motivation" (im Jargon des Autors) bzw. eben Disziplin. Damit befasst sich denn auch der Teil des Buches, den ich als "Werbeprospekt" bezeichnen würde: Die gefühlte Hälfte des Buches bezieht sich auf eine Design-Armbandkollektion (!) mit wechselbaren Anhängern, der mir vorher völlig unbekannten Yukon-Kollektion von TeNo. Die Anhängerchen dienen der Selbstmotivation (anders gesagt also einem Instrument der Selbstdisziplinierung). In der zweiten Buchhälfte bewirbt der Autor dann noch die Vorzüge des Kieser-Trainings. Da fragt man sich dann schon, wie unbestechlich dieses Buch ist. Zwei Sterne für eine wenig originelle Methode - Konditionierung kannte schon Pawlow.