Nach den unvermeidlichen Lobhudlern und Jubelbewertungen weiter oben versuche ich mich mal an einer fundierteren Kritik: Meine Kernfrage an das Buch war: Welcher Aspekt des kooperativen Lernens gibt Anlass zu der Vermutung, dass mit den Inhalten dieses Buches Unterrichten besser wird? Denn alle hier gebotenen Zutaten haben wir bereits seit den 80ern ausprobiert: Handlungsorientierter Unterricht, mehr Selbständigkeit durch Schülerplanung und Gruppenarbeit, Unterrichtszielmanagement, Arrangement des Lernstoffes anhand neurobiologischer Gesichtspunkte, etc. Und nahezu nichts wurde damit erreicht (OK, Platz 17 bei Pisa könnte man auch als Fortschritt sehen).
Warum soll das alles jetzt so viel besser funktionieren, nur weil man den Stoff statt mit Erdbeergeschmack (Handlungsorientierung) nun mit Himbeergeschmack (kooperatives Lernen) anbietet? Ist die neue Mixtur alter Techniken wirklich eine Lösung? Auf diese Frage geben die Autoren die verblüffende Antwort, das die richtige Reihenfolge von Einzelverarbeitung, Partnerdiskussion und Gruppenarbeit das Verständnis derart fördere, dass Unterricht mehrere Klassen besser funktionieren würde. Das bringen Sie mit amerikanisch wirkender Begeisterung zunächst einmal überzeugend rüber. Ist ja auch einleuchtend, Unterricht läuft genau so, wie das Gehirn Informationen verarbeitet. Was kann daran noch falsch sein? Unterstützend wirkt auch ihre glaubwürdige Verwendung diverser seriöser Quellen. Ob Sie es glauben oder nicht: Ich wünsche dem Buch Erfolg, da man den Autoren ihre Begeisterung anmerkt und das Buch gut aufgemacht ist, aber ich bezweifele trotzdem dass sie irgendwas ändern werden. Warum? Weil Halbwahrheiten zwar verführerisch aber auch täuschend sind. Schauen wir uns das Strickmuster der Seminarfolklore dochmal genauer an: Wieder einmal hat die "moderne Unterrichtsforschung" bahnbrechende Zusammenhänge aufgedeckt, nach denen Lernen drastisch besser funktioniert als in den letzten 2000 Jahren. Es bedarf einiger schicker neuer Methoden (PlaceMat-Verfahren), einem Spritzer Neurobiologie, schöner Grafiken und artgerechter Gruppenarbeit a la Green (Oh, ich vergaß, es gibt noch einige Minuten Einzelarbeit zu Beginn des Lernzyklusses). Zum Schluss eine Prise Disziplin (Ich nehme in 10 Minuten eine(n) von Euch dran, ich sage aber nicht wen) und fertig ist der Lerncocktail. Und das soll nun unsere abgehärtete Schülerschaft vom Stuhl hauen?
Auch wenn es schick, modern und wissenshaftlich klingt, so ist kooperatives Lernen für mich schlicht und einfach nicht das Allheilmittel für die Lern- und Verständnisprobleme von heute. Die besten Schülergruppen, die ich erlebt habe waren u.a. deshalb gut, weil Sie hohe Selbstdisziplin, ausserordentliche Eigenmotivation auch bei trockenen Thematiken, persönliche Kreativität und eine kooperative Grundhaltung kombiniert haben. Nur eines davon überzutrainieren, legitimiert mit einer sicherlich verständnisfördernden Methodik (klingt wie ein Neurobiologischer Nürnberger Trichter) bedeutet nur eine weitere Runde im Kreislauf unserer Selbsttäuschung vom Zauber der richtigen Methode. Eher nehme ich Herrn Klippert ab, das wir verdammt viel Arbeit vor uns haben mit dem Einüben vieler zuhause nicht mehr vermittelter Basiskompetenzen als mit den Autoren ein weiteres Mal zu hoffen, dass diese Methode unsere Arbeit derart raketenhaft voran bringt.