"Erfolg ohne Chef" ist ein eigenwilliges, und genau in dieser Eigenwilligkeit lesenswertes Buch. Wer eine Anleitung oder zahlreiche Tipps erwartet, wie er denn den eigenen Karriereweg durch Hierarchieabbau beschreiten kann, wird zunächst einmal enttäuscht sein. Auch weigert sich der Autor, wissenschaftlich oder auf der Basis anerkannter Theorien seine Lehren als allgemeingültig zu verkünden. Denn genau das liegt Gernot Pflüger fern.
Stattdessen geht er einen anderen Weg: Zunächst beschreibt er erfrischend subjektiv all die Nettigkeiten hierarchischer Systeme von der Uni über den Handlangerjob bis hin zu festen Anstellungen: Inkompetente und lernunfähige Vorgesetzte, schlecht organisierte und in ihren Strukturen erstarrte Geschäfts- und Arbeitsprozesse, (ehemalige) Geschäftspartner mit fast schon kriminellen Energien, Elfenbeinturm-Systeme und so weiter.
Und dann stellt er die ganz simple Frage: Muss das eigentlich so sein? Sind Peter- und Dilbert-Prinzip gottgegeben? Geht das nicht anders?
Statt einer allgemeingültigen Lehre beschreibt er den Weg zu seiner eigenen Antwort: Seine Versuche in der eigenen Firma, die er selbst "durch und durch kapitalistisch" nennt, und die keine Arbeitsförderungsmaßnahme oder feuchter Traum der Sozialromantik ist, sondern Realität: Keine Hierarchen, flexible Aufgabenverteilungen, keine Arbeitszeiterfassung, Entscheidungen im Konsens - und gleichzeitig arbeitet die Firma hochproduktiv. Dabei geht er erfrischend ehrlich mit sich um. Spricht über Gelungenes und Fehler, die er gemacht hat.
Das Buch ist kein Ratgeber. Will es auch gar nicht sein. Aber was Pflüger mit seinem überaus unterhaltsamen und mit Humor (gelegentlich auch Galgenhumor) Buch erreicht: Er regt an zum Nachdenken. Denn, Hand auf's Herz: Wer war noch genervt von falschen und starren Arbeitsprozessen, seltsamen Regularien wie Arbeitszeiten (anstatt auf Ziele zu setzen) oder veralteten Vorschriften? Und wie oft hat man sich gewünscht, es wäre anders? Pflüger zeigt in seinem Buch (anhand seiner Firma aber auch anderen, darunter Weltkonzernen): Es GEHT anders. Man muss sich nur aufraffen, etwas zu ändern. Und manchmal eben auch Durststrecken überwinden. Und allein dieser Nachdenkanstoß ist die Lektüre wert.
Zuletzt sei noch gesagt: Gernot Pflüger kann schreiben. Das ist ja gerade bei Ratgeberliteratur alles andere als selbstverständlich. Die kernige, mitunter verspielte Sprache, die Pointe um Pointe setzt, um dann wieder zum ernsten Andante zu werden, ist ein Vergnügen. Dass der Autor manchmal in der Suche nach der passenden Metapher über das Ziel hinausschießt - geschenkt. Auch Sachbücher dürfen unterhaltsam sein.
Randbemerkung: Bevor man das Buch als Träumereien eines Phantasten abtut, möge man einmal nach Gernot Pflüger und seiner Firma CPP Studios / Madhat googlen und sehen, was diese Firma weltweit auf die Beine stellt. Und dann sprechen wir uns wieder.