Im Treibsand der Wörter
Georges Batailles «Innere Erfahrung»
Von Uwe Justus Wenzel
Für Sartre war er ein Fall und der Fall einigermassen klar: Georges Bataille gehört auf die Couch, dessen Anfang 1943 erschienenes Buch «L'Expérience Intérieure» in die Asservatenkammer der Kriminalgeschichte des verendenden Christentums, Abteilung «Wahndelikte».
Sartres ausführliche Rezension, Ende desselben Jahres in drei Tranchen publiziert, ist boshaft geraten. Ein unergründliches Schicksal will es, dass die Wiederveröffentlichung ihrer deutschen Übersetzung mit der ersten deutschsprachigen Edition der «Inneren Erfahrung» zusammenfällt. Die Übertragung des Buches von Bataille hält sich an die erweiterte Neuausgabe von 1954 hinzu kamen damals eine «Méthode de méditation» und ein Postscriptum , sie zieht aber den Erstdruck zu Zwecken der «Textverbesserung» heran. Als Annex findet sich ein kurzer Essay aus der Feder Maurice Blanchots. Er umspielt die Motive Batailles, die ihrerseits bereits nicht ohne osmotische Beziehungen zu Blanchots Gedankenwelt entstanden sind . . .
Was hatte Bataille verbrochen? Er hatte es gewagt, ins Heiligste des Existentialismus einzudringen und «den Menschen» zu ruinieren. Schon Sartre freilich hatte, angeregt durch Heidegger, nicht viel übriggelassen von der humanen Substanz: Menschen sind, was sie aus sich machen, nichts sonst; sie sind «Entwurf» verdammt dazu, wie die in den Common-sense-Sprachschatz eingewanderte Wendung dekretiert, frei zu sein und von ihrer Freiheit Gebrauch zu machen. Das bestreitet auch Bataille so nicht. Was er aber bestreitet, ist, dass jegliches Bestreiten des Unbestreitbaren vergeblich sei, dass dem Aktivismus des Entwerfens (und Unterwerfens) gar nicht zu entkommen sei.
«Innere Erfahrung» nennt er, was das Andere des Entwerfens, des «Projekts», wäre. Er nennt es aber, später, auch «souveränes Vorgehen» («opération souveraine»), «Extrem des Möglichen» und «Meditation». Und er bekundet seinen Überdruss, überhaupt irgendein Wort benutzen zu müssen. Denn die Wörter, die Sprache, der Diskurs sie eigentlich sind es, auf die er es abgesehen hat. Sie sind das «Handeln», dessen Gegenteil jene Erfahrung sein soll, jenes Erleiden; und die Philosophie, als diskursives Projekt, auch sie gilt ihm als Handlangerin des Handelns, das die Menschen vergessen mache, dass sie inmitten einer ebenso tödlichen wie langweiligen Leere existieren.
Diese Leere, das «Unbekannte» und Heillose, will Bataille erfahren. Er will die Leere schreibend erfahren. Will er sie erschreiben? Darüber versucht Sartre sich lustig zu machen. Dass ihm dies nicht leichtfällt, liegt daran, dass auch Bataille in den Wassern Hegels gebadet hat. Das Paradoxale seines Unterfangens ist ihm bewusst; schmerzlich, wie man sagen könnte und dabei nicht ignorieren sollte, dass Batailles Mutwille bereit ist, Schmerz auch komisch zu finden. (In nietzscheanisches Gelächter löst sich ihm die Grenze zwischen Sinn und Nicht-Sinn auf.)
Das Wort «Schweigen», schreibt er, sei noch ein «Geräusch», eine Ausflucht. Den «souveränen Augenblick», den Moment der Überschreitung zwingt es nicht herbei. Die Erkenntnis aber, die dies erkennt, ist sie nicht schon ein wenig weiter? Gleichwohl, heisst es in der «Methode der Meditation», dürfe sich auch diese Erkenntnis nicht mit dem Augenblick der Erfahrung selber verwechseln. (Einem Augenblick übrigens, der von «relativer Banalität» sein könne: «ein bisschen» Leidenschaft und Hingabe genüge.) Andererseits, so ein Hinweis einen Absatz weiter unten, fügten sich die erlebten «souveränen» Augenblicke in die ganz gewöhnliche Ordnung der Dinge sofort wieder ein, wäre da nicht ein Denken, das die «Koinzidenz» von erlebtem Augenblick und Denkakt suchte . . .
So fällt sich der Autor immer wieder selbst ins Wort. So geht es in den Textfragmenten des Buches hin und her; auf Bekenntnisse und Erinnerungen folgen Reflexionen und programmatische Welterklärungen, auf diese jene. Es geht auf und ab im Treibsand der Wörter, in den ein sich selbst dementierendes Schreiben geraten muss und dieses, ebenso stolz wie redlich, geraten will. Des Buches Prinzip lautet: «durch ein Projekt den Bereich des Projekts verlassen». Die Methode, die es thematisiert und der es folgt, ist eine dramatisierende. Sie sucht die Nähe zu den Exerzitien der Heiligen, auch wenn sie sich (und dies nicht erst in den Erinnerungsspuren erotischer oder obszöner Erlebnisse) gegen die Askese richtet. Der idiosynkratische und durchaus eitle Gegenstand des Buches ist nach Auskunft seines Autors das «eingestandene Leiden» eines Entgifteten, eines vom Narkotikum des Projektemachens und von der Fron des Nützlichseins Befreiten. Des Buches ganzer Sinn sei es, die Kunst zu lehren, Angst in Freude, in Wonne («délice») zu verwandeln.
Also ist das Buch doch, wie Sartre meint (und Bataille in den 1954 hinzugefügten Texten bestreitet), das Zeugnis eines neuen Mystikers? Nur dann, so liesse sich mit Blanchot antworten, wenn man sich die mystischen Ekstasen von allen religiösen Vorannahmen entblösst denkt. Kann man das? Wenn man einen «ironischen Rausch» haben kann: ja. Von ihm ist an einer Stelle die Rede. Er wohl wäre die ekstatische Resultante aller widersprüchlichen Regungen und Strebungen die «atheologische Summe» eines diesseitigen Exzesses, der nicht einmal jenseits des Buches stattfinden müsste.
Pressenotiz zu : Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.10.1999
Um nichts weniger als eine Umwertung Nietzsches handle es sich hier, schreibt Andreas Platthaus in einer Doppelsprechung der Matthes & Seitz-Bände 1) "Wiedergutmachung an Nietzsche" und 2) "Die innere Erfahrung". So wichtig nimmt die FAZ diese Neuübersetzungen Batailles, dass sie ihnen den Aufmacher des Sachbuchteils in der Messebeilage widmet.
Die jahrzehntelange starke Nietzsche-Rezeption in Frankreich, die den nach dem Krieg Geschmähten am Ende auch in Deutschland wieder hoffähig machte, gehe ganz wesentlich auf Batailles Bücher zurück, die direkt vor oder nach dem Krieg geschrieben wurden, so Platthaus. Etwas wolkig klingen Platthaus` Paraphrasen Batailles dann aber doch: Bataille treibe hier eine Philosophie der Souveränität, die Nietzsche ihm durch seinen Schritt in den Wahnsinn vorgelebt habe. Denn den Wahnsinn scheint Bataille tatsächlich als Nietschzes "erste souveräne Entscheidung" betrachtet haben. Und so landet man dann bei einer Philosophie "ohne Kopf". Über Ausgabe und Übersetzung schweigt sich Platthaus weitgehend aus.
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