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Erfahrung und Experiment: Studien zu Theorie und Geschichte des Essayismus
 
 
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Erfahrung und Experiment: Studien zu Theorie und Geschichte des Essayismus [Gebundene Ausgabe]

Wolfgang Müller-Funk

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Wolfgang Müller-Frank
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Produktbeschreibungen

Neue Zürcher Zeitung

Die andere Ordnung der Dinge

Wolfgang Müller-Funks Studie über den Essayismus

Von Klaus Laermann

Vor nicht allzu langer Zeit versuchten Hochschullehrer an einer grossen deutschen Universität, die Berufung eines Bewerbers für eine Professur für Literaturwissenschaft mit dem Vorwurf zu verhindern, es handle sich bei ihm um einen Essayisten. «Schöne Rede – flacher Kopf» lautete das Urteil, auf das sie bei dieser Gelegenheit zurückgriffen. Auch wenn dieses Wort nur hinter vorgehaltener Hand fallen durfte, hört man es in akademischen Kreisen nicht eben selten. Wer schreiben kann und das auch zeigt, muss des Argwohns seiner Kollegen gewiss sein. Nicht schwer und gewichtig genug erscheint denen oft, was gut geschrieben ist. Hölzerne Härte klingt ihnen verlässlicher als eine Sprache, die nur eben hingetupft oder locker aufgetragen zu sein scheint. Doch nicht jede Berufung in den Geisteswissenschaften, so auch nicht die eingangs erwähnte, scheitert an Stilfragen. Immerhin aber kommt in diesen Wissenschaften leichter durch, wer die schwer kalkulierbaren Risiken essayistischen Schreibens nicht auf sich nimmt.

Wenn also Wolfgang Müller-Funk ausgerechnet eine Habilitationsschrift dem Essay widmet, dann darf schon die Themenstellung seines Buches als Provokation gewertet werden. Denn diese Gattung universitärer Betriebsprosa gehorcht nach wie vor durchaus eigenen Gesetzen. Auf ihr lastet jener Druck, der die sonst wissenschaftlich kaum verantwortlich scheinende Leichtigkeit unbehaftbarer Worte zusammenpresst zur Schwere eines anstaltskonformen Sinns. Und den gilt es auszustellen durch die Präsentation weiträumiger Belesenheit. Sie zeigt die Bereitschaft, sich in einen kollegialen Diskussionszusammenhang zu verstricken durch den selbstauferlegten Zwang zur Rücksichtnahme auf die Sprache der übrigen Mitglieder einer Disziplin. Weil Habilitationsschriften dem Statuserwerb dienen, sollen sie künftigen Kollegen vor allem eins signalisieren: wissenschaftliche (und das heisst meist: disziplinäre) Verlässlichkeit. Wer berufen werden will, muss sich als integrierbar präsentieren.

Nicht zuletzt aus diesem Grund steht die vorliegende Untersuchung in der Gefahr eines formalen Selbstwiderspruchs. Sie behandelt den Essay in einer Form, die ihrem Gegenstand nicht nur selten entspricht, sondern ihm (schlimmer noch) von ihrem Betriebszweck her kaum durchgehend entsprechen darf. Gekennzeichnet ist sie durch das eigentümliche Schwanken zwischen einer anstaltsfrommen Wissenschaftssprache und der lässigen Lockerheit eines essayistischen Parlando.

Das Buch über den Essayismus dagegen ist nicht frei von betriebsmässiger Starre. In je einem Kapitel charakterisiert es nacheinander mit Montaigne, Bacon, Lichtenberg und Novalis die Ahnherren des Essays sowie mit Musil, Benn und Adorno seine bedeutendsten Protagonisten in der Moderne. Diese zur Spannungslosigkeit tendierende Abfolge unterschiedlicher Positionen ist in sich kaum – wie es der Untertitel des Buches behauptet – historisch vermittelt. Sie bleibt vielmehr eher phänomenalistisch orientiert. Was sich bei einem Autor so darstellt, ist bei einem anderen eben anders, ohne dass dieses Anderssein durchweg begrifflich ermittelt erschiene.

In einem kursorischen Résumé lassen sich die Überlegungen zum Essay bei den genannten Autoren wie folgt zusammenfassen: Schon am Ursprung der Gattung sind bei Montaigne einige Kennzeichnen des Essays festzustellen, die für ihn bestimmend bleiben: das Misstrauen gegen die szientifische «Ordnung der Dinge» bei gleichzeitigem Festhalten an einem wissenschaftlichen Interesse, die Abneigung gegen das System, eine Hinwendung zum Einzelnen, der Bezug aufs Situative und Kontingente, die kultivierte Melancholie und eine gebrochene Subjektivität. Die Selbstthematisierung des Individuums tritt an die Stelle scholastischen Wissens. Darum ist schon bei Montaigne der Essay gegen den akademischen Betrieb gerichtet. Er wendet sich ab von der Wahrheit und hin zu einem individualistischen Konzept von Wahrhaftigkeit. Das selbsterkundende Schreiben, durch das sich das Ich konstituiert, scheint prinzipiell unabschliessbar. In dieser Form literarischer Selbstbeobachtung liegt eine in sich zurückgenommene und bescheidene, noch keine sich omnipotent wähnende Vernünftigkeit.

Bacons Versuch, als Naturforscher zum Dolmetscher der Natur zu werden, meint vor allem, achtzuhaben nicht auf die unbekannten, sondern auf die bekannten Dinge. Seinem auf Experimente vertrauenden Essayismus fehlt daher die Rücksichtnahme auf das Moment des Unberechenbaren. Als Feind der Bilder in der Naturforschung betreibt er doch eine Antizipation durch Bild und Begriff in der utopischen Dimension, die er der historischen Zeit verleiht.

Lichtenberg dagegen betreibt einen Essayismus der Auflösung des bisher Zusammengehörigen, das durch eine dichte Begriffswelt gefügt zu sein scheint. Für ihn ist das Entdecken und Erfinden eine anthropologische Konstante. Er kämpft gegen die Systeme einer verengten Aufklärung im Namen jener Phantasie, die noch Bacon verwarf, weil er ihre Bilder in eins setzte mit den täuschenden Idolen, die die Menschen von der wahren Erkenntnis des Wahren abhalten. Auch bei ihm zeigt sich die Wut gegen eine schriftgelehrte Kultur, die Aphoristiker und Essayisten um die Einfälle des Augenblicks bringen will. Er wendet sich gegen eine Gelehrsamkeit, die immer wieder blind wird vor lauter Büchern.

FEHLEND ER EINSPRUCH

Nach Novalis ist das Ich unanfänglich und unfertig. Darum muss es diesem Autor stärker noch als anderen vor ihm um die Auflösung des Ich im Prozess seiner schreibenden Selbsterzeugung gehen. Schreibend soll dieses Ich, wenn es nicht zerfallen will, alles an sich reissen und bei sich halten. Programmatisch sucht Novalis im «Allgemeinen Brouillon», solch egomane und sich omnipotent wähnende Grandiosität durch die Vermischung von allem mit jedem zu behaupten. – Spätestens hier sollte sich Einspruch erheben. Doch Müller-Funk kritisiert dieses Programm keineswegs. Er tut, als sei es erfüllt, obwohl doch mit Gründen zu bezweifeln ist, dass es irgend erfüllbar wäre. Er sieht nicht die puerile Grosssprecherei vieler Äusserungen von Novalis, sondern hält ihn ebenso grundlos wie kritiklos für den legitimen Erben Bacons und Lichtenbergs. Zwar bemerkt er, dass das Ich des Novalis neben sich keinerlei Unterschiede gelten lässt, aber der Analogientaumel der Fragmente wird über Seiten hin zustimmend zitiert, bis dem Leser schwindelt. Am Ende konstatiert Müller-Funk, eine kritische Auseinandersetzung mit dem romantischen Essayismus stehe noch aus. Hier jedenfalls wurde sie versäumt. Unklar bleibt zudem (wie schon in den Ausführungen über Lichtenberg), warum und wie die Fragmentaristik mit dem Essayismus zusammenhängt.

Weil der prophetische Gestus der Sprache Nietzsches jede Ironie ebenso ausschliesst wie den Zweifel, kann dieser Jahrhundertdenker, mit dem im vorliegenden Buch die Moderne beginnt, nicht eigentlich als Essayist betrachtet werden. Dennoch erscheint seine emphatische Absage an die Gesellschaft als attraktiv auch für viele Essayisten, die er direkt oder indirekt beeinflusst hat. Zu ihnen gehört als einer der ersten Robert Musil, für den im «Mann ohne Eigenschaften» der Essayismus geradezu programmatische Bedeutung gewinnt. Musil versteht darunter (durchaus in Anlehnung an Nietzsche) den Zwang zur Selbsterschaffung, dem der moderne Mensch unterliegt. Dieser Zwang hat Attacken auf die Welt der Wirklichkeit zur Folge, die schliesslich in der ästhetizistischen Forderung gipfeln, die Wirklichkeit abzuschaffen.

UNBEACHTETE GEFAHREN

Unbeachtet bleibt an dieser Stelle, welche (auch politischen) Gefahren aus solchem Ästhetizismus erwachsen konnten. Denn schon bei Benn wird der Essayismus zum Problem einer ästhetizistischen Selbstbehauptung, die sich dezidiert antidemokratisch gibt. Müller-Funk setzt dem wenig mehr als den Hinweis entgegen, Benn habe an einem Tabu gekratzt. Zum Essayismus findet dieser Autor nicht mehr allein aus einem philosophischen Impuls, sondern aus einem dichterischen, der die Kunst retten soll. Zwar erkennt Müller-Funk die prekäre Anziehungskraft von Benns Diagnosen, stimmt ihnen aber an vielen Punkten indirekt zu. Das gilt allerdings nicht für dessen vorübergehende Neigung zum Nationalsozialismus. Die verurteilt Müller-Funk als logische Folge jener kulturkritischen Überlegungen, in denen Benn Kunst mit Gewalt und Gewalt mit Kunst gleichsetzt. Er erscheint ihm als Phänotyp eines intellektuellen Faschisten, der lediglich an den falschen Diktator geraten ist und gern der Marinetti eines genuin deutschen Duce geworden wäre.

Benn fehle, so konstatiert Müller-Funk, ein Begriff des Politischen; nur als ästhetisches Formexperiment habe Politik für ihn Bedeutung. Darum könne Benn dem Nationalsozialismus mangelnden Formwillen vorwerfen. Schliesslich gilt Benn ihm als literarischer Kronzeuge dafür, dass eine faschistische Kritik am Faschismus möglich war, auch wenn sie heute theoretisch wie moralisch unakzeptabel erscheint. (Warum drängt sich nicht hier die Frage auf, was denn ein genuin faschistischer Essayismus wäre und wie sich die Wissenschaft zu ihm verhalten sollte?)

Adorno wird wohl zu Recht als letzter in der Reihe der grossen Essayisten vorgestellt. Auch er selbst sah sich nicht nur als letzten Philosophen, sondern vor allem als letzten Essayisten. Bei ihm wird der Essayismus als Requiem auf das verschwundene Subjekt zum Selbstgenuss einer traurigen Wissenschaft, zur Elegie auf das richtige Leben. Laut Adorno kann sich das intellektuelle und kritische Subjekt in der Welt nur noch polemisch und negatorisch konstituieren. Sein Essayismus greift hinter die Bilder und Begriffe, unterläuft die eingefahrenen Diskurse und erweist sich damit selbst als die kritische Form des Geistes. Adorno versucht, in seinen Essays das Denken selbst nachzubilden, das keineswegs dem regelrechten Nacheinander methodischer Verfahren gehorcht, vielmehr den Worten wie den Dingen keinen Zwang antun will und sich damit kritisch gegen die begriffsfromme Wissenschaft wendet. Nur die Kunst sagt gemäss ihm die ganze Wahrheit. Der Essay, der ihr ähnlich sein will, erscheint darum notwendig als ihr Kommentar.

In einem Schlusskapitel versucht Müller-Funk, die gegenwärtige Situation des Essayismus zu bestimmen. Wenn mythisches Denken ein erstes genannt werden kann, dann erscheint ihm ein gegen den Mythos gerichtetes «Denken des Denkens» als eines zweiter Ordnung. Darunter versteht er das logozentrische Verfahren einer Vernunft, die reflexiv, also selbstbezüglich ist. Sie gilt es nach seiner Meinung als historisch überholt zu verabschieden. Ein Denken dritter Ordnung, eben das essayistische, sollte hingegen nicht reflexiv gewendet sein, sondern über das dem Denken Vorausliegende, das nicht rational Einholbare nachdenken und Zweifel anmelden an einer ausschliesslich szientifischen Erklärbarkeit der Welt. Mithin wäre der Essayismus nicht nur Artologie (sofern er sich im Gefolge Adornos ästhetischer Mittel bedient), sondern auch Szientologie (sofern er den Glauben an ein festes Fundament auch der Wissenschaft in Frage stellt, ohne freilich rundheraus auf sie zu verzichten). – Problematischer als diese Bestimmungen sind jedoch die Folgerungen, die Müller-Funk aus ihnen zieht. Wenn der Essay heute parasitär, ubiquitär, kontingenzbezogen, vorläufig und unsystematisch erscheint, dann muss er gewiss als ein Krisensymptom gelten. Ist aber wirklich das letzte, was über ihn zu sagen bleibt: «Man kann alles so oder so ansehen»? Drohen dann nicht die anspruchsvollen Überlegungen, die dem vorausgingen, auszulaufen in leere Trivialität?

Zu der gesellen sich allerlei modische Allüren, die (vor allem im ersten Teil des Buches) den Essayismus ohne weiteres mit einer experimentellen Einstellung zum Leben gleichsetzen. Müller-Funk erklärt unumwunden jene, die gegenwärtig für sein Programm empfänglich sind, zu Nomaden. Er meint allen Ernstes, dass solche Nomaden heute «zum dominanten Typus» werden, «Menschen mit unsicheren geistigen Lebensgrundlagen, ständig auf der Suche nach Projekten, unternehmungslustige Abenteurer, Experimenteure, unstet, mit provisorischen Heimaten, die sich, ein jeder dezisionistisch und qua Symbolisierung als eigene kleine soziale Welt, ihre Nussschale, schaffen».

Verständlich erscheint, dass Müller-Funk sich auf dem Weg zum Ordinariat als Nomade fühlt. Aber sollte er darum auch den Rest der Menschheit zu seinesgleichen erklären? Schliesslich hat er nur insofern recht, als er sich den Ort seiner Tätigkeit zumindest zu Beginn seiner Karriere kaum selbst aussuchen kann.

Kurzbeschreibung

This monograph presents the history of essayism as a modern way of thoughtful subjectivity. However, the author does not focus on the history of a genre, but on the result of this way of thinking. It competes with modern philosophy: Descartes′ "cogito ergo sum" was written against Montaignes′ doubts, against the narcissistic offending the thinking subject, as it expresses itself in essays.

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