Wenn man es einmal wagt, die Erdseetetralogie objektiv mit dem überschätzten Herrn der Ringe zu vergleichen, wird man feststellen: Dieser Zyklus ist um Längen besser! Warum? nun, zum einen wird der Leser hier nicht mit den gängigen Gut-Böse Klischees bombardiert. Im ersten Teil des Zyklus flieht Ged vor dem Ergebnis seines eigenen Stolzes; er wird nicht angeleitet von einem ach-so-guten König, der nur einmal mit dem Schwert winkt, und schon ist alles wieder im Lot. Hier geht es zum einen um Selbstfindung, zum anderen darum, einen eigenen fatalen Fehler wieder gutzumachen. Der zweite Teil verwickelt uns in religiöse Machtspielchen, in Intrigen und finstere Gespinnste von Konservativismus, Fanatismus und durchaus erschütternder Naivität. Im Prinzip werden hier sämtliche Glaubens- und Tempelkulturen der bekannten Religionen einmal politisch und fern aller Lügen, ideologischer Überbauten und Romantik unter die Lupe genommen und im Rahmen einer spannenden Geschichte immer wieder in aggressive Denkanstöße gegossen. Der dritte Teil der Saga berichtet im Prinzip mehr oder weniger unterschwellig von Sektiererei, falschverstandenem Okkultismus und von der elementaren angst aller Lebenwesen vor dem Tode. hier indes taucht das Königsmotiv auf; aber dieser König ist kein großer Held, er ist mehr als eine sich erfüllende Prophezeiung; hier erleben wir, wie jemand vom Kind zum Erwachsenen heranreift, wie er mal schneller, mal langsamer auf ein Ziel zusteuert, das ihm selbst vollkommen unbekannt ist und erst kurz vor Ende der Geschichte einigermaßen deutlich zutage tritt. Hier erleben wir aber auch einen anderen Reifungsprozeß: die Entwicklung des Erzmagiers Ged hin zu einem - nun, einem Mann. Eine Enbtwicklung, die im vierten Teil der Saga schließlich bis zu ihrem logischen Schluß fortgeführt wird und alles vorher geschehene als Vorbereitung für allein dieses eine ERgebnis entlarvt.
In der "Erdsee" wird man eher wenigen rollenden Köpfen begegnen. In "Erdsee" wird das Geschehen von den Namen bestimmt, die die Dinge und Menschen haben. Es gibt keinen überholten Militarismus, der Krieg wird nicht idealisiert, die Handlung bedient sich nicht vornehmlich aus Märchen- und Sagenklischees. Es existieren Drachen jenseits vom alten Smaug, die ebenso tückisch wie hilfreich, ebenso feindselig wie freundschaftlich sein können. Die Helden sind Persönlichkeiten, komplexe Wesen, denen eigene Gefühle und Ängste gestattet werden, die gleichzeitig Schwäche repräsentieren können. Hier ist psychologie im Spiel, nicht unkritisches Heldentum und eingebildete Ehre. Es gibt auch nicht dieses definierbare Gute und lokalisierbare Böse (freilich liegt es zu Tolkiens Zeiten im Osten); hier existieren nur unterschiedliche Interessen, sowie Ordnung und Chaos, Richtg und Falsch - wobei Helden und Autorin sich Zweifel erlauben; Zweifel an ihren Führern, an ihren Absichten und an ihren Mitteln. Das ganze ist eingebettet in eine komplexe Welt mit allerlei Völkern, allerlei Träumen und Traditionen und eine Vielzahl an Kultur. Ebenso ist Erdsee aber auch ein Reich einfacher Menschen, die zu (über-)leben versuchen und dabei gelegentlich auch das falsche tun.
Erdsee ist natürlich nicht der "Herr der Ringe". Tolkien hat uns ein relativ schlichtes Märchen hintelrassen, das in einer wissenschaftlich detailgenau erfaßten und protokollierten Welt spielt und dadurch ebenso ein Opus der Wissenschaft als auch der Phantasie ist. Der Herr der Ringe ist Mythologie, und das war es, was Tolkien erstrebte: Er wollte England eine Mythologie geben.
Ursula K.LeGuin indes hat uns ein Epos geschenkt, das das Wesen des Menschen in seinen Licht- und Schattenseiten zeigt, das Ideale liefert und vernichtet, das Politik- und Intrigenspiele ebenso zum Thema macht wie Personenkult, Überlebenswillen, Macht, Ohnmacht, Angst, Verzweifelung, Ehrgeiz, Kühnheit und Tod. Dabei kommt sie ohne Gemetzel aus. Es gibt keinen Sauron, von dem wir zwar wissen, daß er böse ist; für dessen Bosheit wir aber eigentlich nie eine nachvollziehbare Erklärung bekommen. Es gibt Helden, die nicht aufgrund verquerer Ehrvorstellungen und elementarter Obrigkeitsgläubigkeit handeln. Es gibtr einen König, der jedoch wesentlich demokratischer daherkommt als sämtliche europäischen Abgeordneten zusammen. Und es gibt Phantasie, die nicht dafür herhalten muß, Daseinsbegründung für Logik und Wissenschaft zu sein.
Ich liebe diese Reihe, habe sie weitaus mehr genossen als alle Geschichten von Mittelerde und bin ausgesprochen froh darüber, daß Ursula K. LeGuin zur Zeit damit beschäftigt ist, eine Fortsetzung zu schaffen.