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Innerhalb der hiesigen Literaturlandschaft ist Marcel Beyer so etwas wie der Fährtensucher auf dem Feld der deutschen, nationalsozialistischen Vergangenheit. Mit dem Roman Flughunde (1995) hat er dies ebenso wie mit Spione (2000) bewiesen. Auch im Lyrikdebüt Falsches Futter (1997) war das literarisch durchmessene Gebiet von (grausamer) Geschichte unterwandert. Durch Polen, Estland, Tschechien und Kaliningrad führen uns Beyers Gedichte nun durch eine Gegend, in deren Schnee die Stiefelspuren kaum noch haften wollen. Und auch hier spiegelt sich überall, selbst im genähten Hotelgesicht des lyrischen Ichs bei der Morgentoilette, die Bedrohung, auch und vor allem, zu vergessen: "ich schaute auf meine Hände", heißt es im Titelgedicht "Erdkunde": "in den Staub, den Niesel,/ich wußte nicht, bin ich/in Teplitz, in Teplice oder in Tepl/ich berührte nichts, alles,/fürchtete ich, würde zerbröckeln".
Wo selbst die Städtenamen als Orientierungspunkte nicht mehr funktionieren wollen, muss der Dichter die geografischen Marksteine auf der Landkarte der Sprache neu abzustecken suchen. Beyer tut dies bisweilen mit Anklängen an die "Kahlschlag"- und "Inventur"-Lyrik der Nachkriegszeit ("Das ist die Atmosphäre, dies/der Nerz, der feuerfeste Anzug, dies dein Lunchpaket"), bisweilen auch mit allzu traditionellen Bildern ("Den Faden, heißt es, Verse, dies ist mein/Kopf"), ansonsten aber mit einem bravourös eigenen, trittfesten, überraschenden, mal konstatierenden, mal melancholischen Ton. So gefährlich das Terrain der Lyrik auch sein mag, so souverän hat Beyer es durchschritten. --Thomas Köster
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