Dieses 560 Seiten starke Buch durchzulesen, erfordert eine gewisse Leidensfähigkeit. Nicht deshalb, weil es schlecht geschrieben wäre, im Gegenteil, sondern darum, weil die Geschichte der Indianer Nordamerikas die Geschichte eines 500 Jahre andauernden Völkermordes ist, eines Albtraumes, der mit der "Entdeckung" des Kontinentes begonnen und bis heute nicht geendet hat.
Zwar ist es schon so, dass man dem Autor, James Wilson, eines gewisse empathische Verbundenheit zu den Ureinwohnern Amerikas und ihrem Schicksal anmerkt: Aber Wilson muss sich nicht weit von der objektiven Schilderung der Fakten entfernen, um im Leser ein spontanes Mitgefühl und einen gewissen - ohnmächtigen - Zorn aufkommen zu lassen. Allein schon die Geschichten der unzähligen gebrochenen Verträge, der falschen Versprechen, der Lippenbekenntnisse unverbrüchlicher Freundschaft, die Geschichte der Vertreibung der Stämme des Ostens gen Westen in die unfruchtbaren Wüsten des nordamerikanischen Kontinents genügen, um den "weißen Mann" in einem sehr unvorteilhaften Licht erscheinen zu lassen.
Außerordentlich interessant ist dabei auch die kulturgeschichtliche Entwicklung der Einstellung der europäischen Siedler zu den Ureinwohnern und ihrer Sicht auf jene. Über die Jahrhunderte gab es nämlich unter den weißen Siedlern einen ideengeschichtlichen Konflikt, zwischen, einerseits, der Idee der rassischen Unterlegeneheit und Minderweit des "roten Menschen" und andererseits dem - kann man hier sagen "aufgeklärten"? - Gedanken, dass der Indianer zwar ein gleichwertiger Mensch, seine Kultur aber auf einer primitiven Stufe stagniert sei. Beide Ideen-Strömungen, die einander immer wieder abwechselten, erwiesen sich letztlich als fatal für die indigenen Völker. Sah man die Indiander als untermenschliche Halbtiere, ging es konkret gegen deren Überleben; Sah man andererseits "bloß" ihre Kultur als minderwertig an, wurde dem "kulturellen Genozid" der Weg freigemacht. Manchmal konnten die Indianer unter dem Urteil rassischer Minderwertigkeit sogar eher ein Stück ihrer Kultur bewahren, als unter der Herrschaft "wohlmeinender" weißer Umerziehung.
Besonders schmerzlich erscheint bei solcher Betrachtung die Tatsache, dass das politische Handeln der Indianer gegenüber den vorrückenden Weißen als auch untereinander keiner der beiden Ideenströmungen überzeugende Argumente lieferte. Der "edle Wilde" mag ein Klischee sein, das in sich wiederum bloß einen Rassismus unter umgekehrten Vorzeichen darstellt - fest steht aber, dass - unter dem Strich - das Verhalten der Indianer anständiger, zuverlässiger und von größerem Verständnis für die Interessen der Gegenseite geprägt war. Andererseits hat auch die Kultur der Indianer nie "stagniert": mindestens zwei mal haben Indianerstämme versucht, Nationen zu bilden, wie sie diese bei Engländern und Amerikanern kennengelernt hatten. Administrative Strukturen wurden geschaffen, Städte gebaut, eine eigene Schrift entworfen. Das Pferd, das in präkolumbianischer Zeit unbekannt war, wurde von den Indianern eigenständig aus verwilderten Herden neu domestiziert und ausgiebig genutzt.
Nein, es war eben gerade so, dass dem "weißen Mann" immer das Argument am nächsten lag, das ihm gerade am meisten nutzte; Waren die Indianer schwach und "primitiv", war ihre Vernichtung ein "Gesetz der Natur" - waren die Indianer hingegen stark, übten Geschlossenheit, und wussten, hilfreiche Einrichtungen der europäischen Kultur zu übernehmen, so war ihre Vernichtung ein "Gesetz der Notwendigkeit"...
Es ist nicht leicht, sich durch all diese Ungerechtigkeiten und Selbstgerechtigkeiten hindurchzulesen. Dicke historische Werke mögen ansonsten angenehme "Schmöker" für lange, verregnete Nachmittage sein. Das ist bei Wilsons Text so nicht der Fall, aus den genannten Gründen. Aber gewiss gibt es für sein Buch, wenn man sich für die Geschichte der nordamerikanischen Ureinwohner interessiert, auch keine bessere Alternative.