Das Ungewöhnliche an Mia Bernsteins Kurzgeschichten ist die Art, in der sie erzählt werden: in kurzen, knackigen Sätzen, von denen manche schon als Aphorismen durchgehen können. Es wird auch nicht rein linear ein Handlungsablauf wiedergegeben, die Autorin bildet Assoziationsketten, macht Gedankensprünge. Es ist, als würde man der Autorin live beim Denken zuhören.
Gedichte, oft mit versteckten Reimen, sind den Geschichten vorangestellt, rahmen sie ein oder unterbrechen sie optisch. Inhaltlich bringen sie die Gedanken und Gefühle der jeweiligen Protagonistin auf den Punkt.
Manche der Geschichten haben verschiedene Ebenen. Die eine beschreibt den äußeren Ablauf des Geschehens, die andere das, was sich im Kopf der erzählenden Person abspielt. Dadurch bekommen die Texte einen ungeheuer persönlichen Charakter. In manchen der Gedankengänge erkennt man sich wieder und denkt sich: "Endlich sagt's mal jemand!"
Zu gerne würde man ja wissen, was in dem Buch wirklich autobiographisch ist uns was erfunden. Das ist natürlich die pure Neugier, denn für das Verständnis der Geschichten hat es keine Bedeutung. Vielleicht ist es eine Nebenwirkung derart intim wirkender Texte, dass sie beim Leser eine geradezu ungehörige Wissbegier in Bezug auf den Autor hervorrufen.
Die Geschichten handeln von Beziehungen und Verlusten, vom Leben und vom Sterben, von Träumen und dem Sinn des Lebens. Es empfiehlt sich nicht, das Buch flüchtig nebenher zu konsumieren, ein bisschen Zeit und Konzentration erfordern die Texte schon. Manches erschließt sich erst beim zweiten Lesen. Aber es lohnt sich, sich darauf einzulassen.
Wer sich nach dieser Beschreibung noch kein so rechtes Bild von dem Buch machen kann, dem hilft vielleicht eine Kurzvorstellung ein paar ausgewählter Storys:
ROTE WAND: Von der Wandfarbe bis zum Sinn des Lebens wandern die Gedanken der Erzählerin. Wird sie sich aufraffen können, die Schlafzimmerwand knallrot zu streichen, ehe sie aus der Wohnung wieder auszieht? Und warum ist man eigentlich zu Fremden netter als zu den Menschen, zu denen man 'ich liebe dich' sagt?
ERDBEERFLECKEN: Beziehungen sterben am Frühstückstisch, da ist sie sich sicher. Früher wollte sie so gewöhnlich sein wie Erdbeermarmelade, denn als sie noch ungewöhnlich war, war sie unglücklich. Aber ist der Umkehrschluss zulässig?
SPIEL.ER.EI: Sie ist 18 und hat eine Affäre mit einer Diskobekanntschaft, bei der sie eigentümlich distanziert bleibt. Ein Spiel der Körper, das die Seele nicht berührt.
VORHANG ZU! Bei der Beerdigung der Mutter denkt sie über deren Leben nach: "Mit sechsundfünfzig Jahren war sie in der Mitte ihre Lebens, das aufregender, trauriger und anstrengender war als viele andere Leben zusammen. (...). Und ich war mir nicht sicher, ob sie sich selbst das Leben nicht am schwersten machte." (S. 66)
LILIEN. WEISS. Was geht einer Frau durch den Kopf, die gerade vom Lebensgefährten nach Strich und Faden verprügelt wird? Verblüffendes!
SCHULDIG! Sofie Heinen verklagt das Leben wegen entgangener Chancen, fehlender Liebe, ausgebliebenem Erfolg und enttäuschter Träume. Und was hat es zu seiner Verteidigung zu vorzubringen? Zehn Minuten unverständliches Genuschel! Das Urteil ist eine Überraschung für alle ...
Minimalistisch und manchmal rätselhaft sind die dreifarbigen Illustrationen, die die Grafik-Designerin und Künstlerin Michaela von Aichberger für dieses Buch angefertigt hat. Das passt zu den Geschichten und rundet das Buch zu einem Gesamtkunstwerk ab.
"Erdbeerflecken" ist sicher keine einfache Kost. Es ist ein außergewöhnliches, emotionales, sehr persönliches und berührendes Buch. Wer sich darauf einlassen kann und mag und wer Freude an einer pointierten Sprache hat, wird sicher Gefallen daran finden.
DIE AUTORIN: Mia Bernstein, Jahrgang 1970, lebt und arbeitet in Hamburg. »Gedankenscrabble« nennt sie selbst ihre Art zu schreiben.
DIE ILLUSTRATORIN: Michaela von Aichberger, Jahrgang 1967, lebt und arbeitet in Erlangen als freie Grafik-Designerin und Künstlerin.