Jonas Ammann
Der Kreislauf des Lebens
Fanrir schnaubte beunruhigt dunkelrote Feuerfunken aus seinen Nüstern und beschleunigte seinen halsbrecherischen Flug noch mehr, als der Donnerschlag in ein markerschütterndes Vibrieren überging. Ehrfürchtig, aber doch fasziniert von diesem imposanten Schauspiel der Natur, schlang ich mich noch enger an den Hals des schneeweißen Drachen und wurde sofort ruhiger, als ich die angenehme Wärme seines Körpers spürte. »Es ist nicht mehr weit! Halt durch! Elroit kann nicht mehr fern sein!«, schrie ich ihm durch den mir ins Gesicht prasselnden Regen zu, bemerkte aber sofort das verräterische Schwanken meiner Stimme, die von panischem Entsetzen befallen war. Auch Fanrir schien es zu spüren, denn zum Trotz sah ich in seinen Augen eher noch mehr Angst aufglühen, die das sonst so ruhige Wesen seit einiger Zeit ausstrahlte, und sein Blick strafte meine Lüge, denn er wusste genau wie ich, seit ungefähr einer Stunde, weder Richtung noch Weg, was bei solch einem Sturm nicht weiter verwunderlich war. Ein blendender Lichtstrahl hüllte mich plötzlich ein. Der geästelte peitschende Blitz, der sich durch seine gleißende Helligkeit meiner Wahrnehmung entzog und dessen gespaltene Arme wie zwei Schlangen vom Himmel herabzuckten, schlug in Fanrirs Hinterleib und verbrannte die weißen Schuppen in schwarze Asche. Er hinterließ zwei tiefe schwarze Löcher.
Im selben Augenblick explodierte der Himmel über mir und die gesamte Materie, die mich umgab. Dann begann der Sturz. Die Finsternis hüllte mich ein und nach diesem einen gleißend hellen Moment wurde alles um mich schwarz – ein Schwarz von solcher Intensität, dass es unmöglich schien, dass dieses überhaupt existieren konnte. Fanrirs klägliche Schreie drangen an mein betäubtes Ohr, aber ich hörte diesen mitleiderweckenden Klang wie durch einen hohlen langen Tunnel.
Erst jetzt bemerkte ich, dass ich immer noch auf dem Rücken des Drachen saß, eng an seinen Körper gepresst. Nicht ich fiel, sondern Fanrir und ich mit ihm! Und er fiel schnell! Zu schnell, ich konnte die enorme Geschwindigkeit des Falles durch den an mir reißenden Wind spüren.
Wieder zuckte ein Blitz am Himmel auf und gab der Silhouette der Landschaft unter uns eine unwirklich scharfe Konsistenz. Das erschreckende war aber nicht die Schärfe dieses Bildes, das mir in die Augen eingebrannt wurde, sondern wie nahe der Boden jetzt schon war. »Fanrir!«, schrie ich verzweifelt, doch der brüllende Wind, der an uns vorbeisauste, riss alle Worte mit sich. »Bitte Fanrir! Bitte!«, und diesmal, allen Regeln des Möglichen trotzend, hörte der Drache mich und öffnete seine sonst strahlend blauen Augen, die wie reine, geschliffene Aquamarine funkelten. Sie hatten allen Glanz verloren und schimmerten nur noch matt. Fanrir versuchte zu brüllen, brachte diesmal aber nur ein klägliches Fauchen heraus. Dann spannte er mit seiner letzten verbliebenen Kraft seine Flügel, und es sah aus, als wäre diese Bewegung anstrengender als der ganze Flug hierher. Das Wunder geschah, der Sturz schien sich zu verlangsamen, der vorbeifliegende Wind schwächte sich langsam, aber trotzdem bemerkbar ab. Es würde trotzdem nicht reichen!
Im nächsten Moment wurde ich von einem heftigen seitlichen Windstoß erfasst, welcher mich, trotz meiner Kraft, die mir die Todesangst verlieh, vom Körper des Giganten riss. Der Sturz dauerte nicht lange, der Wind ließ mich seitlich abdriften und schon nach wenigen Augenblicken wurde mein Kopf mit gewaltiger Wucht gegen etwas Hartes geschlagen. Die Dunkelheit in ihrer festen Masse, die mich umhüllte, schien plötzlich nicht nur außerhalb meines Körpers zu sein, sondern sog sich gierig auch in mich hinein, denn ich fiel, trotz der Tatsache, dass ich bereits den Boden erreicht hatte, immer weiter ins unendliche Schwarz hinein.
Die Finsternis wich, und als ich die Augen aufschlug, erkannte ich sofort, dass ich mich in einem Wald befinden musste, denn um mich herum standen dicke, große Eichenbäume, die aussahen, als hätten sie bereits die gesamte Zeit dieses Universums überdauert. Obwohl diese imposanten Riesen nur indirekt lebten, strahlten sie trotzdem eine ungeheuere Kraft aus, keine Kraft der Zerstörung, sondern eine Kraft der Ruhe und Geduld. Ein Staunen breitete sich über mein Gesicht aus, und irgendetwas in mir sagte, dass ich an diesem – man könnte sagen: magischen Ort – schon einmal gewesen war. »So hat alles begonnen…« hörte ich eine tiefe und doch liebevolle Stimme sagen, welche ich jedoch vorher noch nie sprechen gehört hatte, wobei der Grund dafür war ganz einfach: Drachen können nicht sprechen, jedenfalls in der Realität nicht! Diese raue und doch warme Stimme gehörte Fanrir, meinem Begleiter und Freund. »… sieh und du wirst verstehen.«
Ein dumpfes Grollen erscholl in der Ferne, irgendwo über meinem Kopf, und kam näher. Es klang bedrohlich und doch unheimlicherweise auch bekannt. Ich versuchte, durch die Baumwipfel zu spähen, doch der Blick blieb mir verwehrt, da sich über mir ein dichtes Geflecht aus Ästen und Blättern erstreckte und nur an sehr wenigen Stellen das trübe Tageslicht hindurchsickern ließ.
Das Grollen kam näher und nahm ein bedrohliches Maß an Lautstärke an. Es klang, als würde etwas fallen, etwas, das sehr groß war. Dann ging alles sehr schnell. Das Grollen verwandelte sich in ein ohrenbetäubendes Brausen und direkt vor mir brach ein schneeweißes Etwas durch das scheinbar undurchdringbare Geäst. Im nächsten Augenblick erschütterte ein Beben das gesamte Waldgebiet, als das weiße Etwas, das von einer hellroten Flammensphäre umhüllt war wie ein riesiger Meteorit, in den mit Eichenblättern überdeckten Waldboden einschlug. Dreck und Gestein flog zu allen Seiten auf. Ein glühender, etwa faustgroßer Brocken wurde in meine Richtung geschleudert. Ich reagierte zu spät und das glühende Geschoss durchschlug mich etwa auf Nabelhöhe. Doch der erwartete Schmerz blieb aus, denn der Brocken setzte seinen Weg hinter mir ungehindert fort. »Keine Angst! Dir kann nichts geschehen. Was du siehst, ist vergangen und kann dir nichts anhaben, so wenig wie du etwas daran ändern kannst«, sagte die Stimme Fanrirs.
Der durch den Aufprall aufgewirbelte Staub legte sich langsam und gab den Blick auf die Einschlagstelle preis. Meine Augen weiteten sich entsetzt, als ich das Etwas erkannte. »Fanrir«, krächzte ich erstickt, bemerkte jedoch noch im selben Augenblick meinen Irrtum, denn der im Sterben liegende Drache öffnete seine Augen, welche in einem matten und scheinbar immer schwächer werdenden Grün strahlten.
Wenige Augenblicke später hörte ich, immer noch tief betroffen den Drachen betrachtend, ein Rascheln der Blätter hinter mir. Ich drehte mich langsam um und erblickte einen schwarzhaarigen, hageren Jungen mit Sommersprossen im Gesicht. Er trat mit schreckgeweiteten und doch faszinierten Augen aus einem Haselnussstrauch und betrachtete das sterbende Tier mit einem Staunen, das nur Kinder zustande brachten. Erinnerungen fluteten plötzlich auf mich ein, als wäre ein Staudamm in meinem Inneren gebrochen. Der kleine Junge mit den schwarzen Haaren und der hageren Statur war ich!
Langsam näherte sich mein Ich in Gestalt des kleinen Jungen, dem inzwischen stoßweise atmenden Drachen. Der Junge schien, wie ich, alle Angst vor dem gigantischen Lebewesen verloren zu haben, denn der Drache, so imposant und für einen Jungen auch furchterregend, strahlte eine Aura der Güte und Wärme aus, die jeden Betrachter sofort in seinen Bann gezogen hätte.
Mich in meiner jetzigen Form schien der Junge nicht zu bemerken, obwohl er bei seinem Annäherungsversuch so nahe an mich herangekommen war, dass ich ihn hätte berühren können. Der Junge gewann sichtlich an Mut, stieg flink in den entstandenen Krater, in dem der Drache immer noch mühselig nach Atem rang und dabei nicht mehr als ein schwaches Hecheln zustande brachte. Als er es etwa bis zur Mitte des Abstieges geschafft hatte,...