Einstimmig und unter tosendem Applaus geht der Preis für die hohlste Nuss im gesamten Fantasy-Genre an:
- ERAGON, den jungen Drachenhüpfling. - Gratulation.
Um Eragon II adäquat würdigen zu können, bedarf es allerdings eines kurzes Eingehens auf den Vorband, denn Eragon Band I hat mir tatsächlich gefallen. Der Autor hat hierbei ein anspruchsloses und harmloses Fantasywerk aus dem Erbe vieler, vieler und noch mehr Autoren kreiert und damit fast durchweg solide Unterhaltung erschaffen. Eine einfache schnörkellose Handlung, handwerklich solide Ausführung, erstklassige Nebenfiguren und ein Hauptheld, der erst in der zweiten Hälfte den ganz großen Fauxpas des Autors zeigte: Charakterentwicklung.
Band II weiß nun zwei Helden aufzubieten, die in zwei parallelen Handlungsfäden münden. Da ist einerseits Eragon, der auf den Spuren von Luke Skywalker zu seinem künftigen Lehrmeister bei den Elfen aufbricht, und anderseits sein Cousin Roran, der ebenso wie Han Solo vom Imperium gejagt wird.
Bedauerlicherweise versucht sich Paolini an beiden Charakteren mit der Charakterentwicklung und zeigt sich in jeglicher Hinsicht als begnadeter Dilettant und unfähiger Anfänger.
In noch keinem Werk des nicht gerade für anspruchsvolle Charakterzeichnungen bekannten Fantasygenres ist mir so ein grenzenlos naiver, kindischer und dummer Heldenbub wie Eragon begegnet. Was sich bereits ab der zweiten Hälfte des Erstwerks abzeichnete, läuft in der Fortsetzung im Seitentakt nach dem gleichen Schema ab:
1. Eragon wird darauf hingewiesen, bloß nur keinen Mist zu bauen.
2. Eragon baut Mist oder redet groben Unsinn.
3. Eragon wird von einem anderen klipp und klar darauf hingewiesen, dass er fürchterlichen Mist gebaut hat.
4. Eragon schämt sich ganz doll und jammert entsetzlich über seine eigene Dummheit.
5. Eragon geht sich entschuldigen und bezeichnet sich als den größten Esel des Universums.
Exakt dieses Schema findet immer und immer und immer wieder Platz. Ich habe alle Augen zugedrückt und um Gelassenheit gefleht, aber dieser selbstmitleidige Knilch ist so unfähig und handelt nicht ein einziges Mal mit ein bißchen Reife oder Entschiedenheit. Selten ist mir ein jämmerlicherer und kindischerer Charakter begegnet. Wäre es bei Eragon nur die Pubertät. Aber die erfordert Entwicklung. Die existiert bei Eragon einfach nicht. Es ist mir ein Rätsel, wie Paolini seinen Charakter dermaßen entmündigen konnte. Beim gelungenen Erstband war er immerhin erst 15, bei der Fortsetzung schon ca. 22 Jahre alt. Ergo hat er die Entwicklung vom Jugendlichen zum Erwachsenen hautnah miterlebt - und doch liefert er so einen jämmerlichen Waschlappen an Helden ab, der nichts auf die Reihe bekommt und nicht EIN einziges Mal auf den Tisch haut und sich durchsetzt. Das kann weder sein Mangel an Lebenserfahrung entschuldigen, noch die Einordnung des Buches als Kinder- bzw. Jugendfantasy. Das ist einfach nur hundsmiserabel.
Wenn ich micht recht erinnere, dann soll Paolini auch heute noch bei seinen Eltern wohnen. Da ist was dran.
Auch Roran macht sich nicht besser, als er von den Ra'zak und königlichen Soldaten bedrängt wird. Die Ra'zak entpuppen sich als die gleichen jämmerlichen Versager wie im Band I und lassen sich von Roran und einem Haufen von Bauerntrotteln nach Lust und Laune verprügeln. Kein Wunder, dass sich Roran zum gnadenlosen Berserker wandelt, an dessen Entwicklungssprünge jedesmal die Phrase steht: "Jetzt habe ich 2 (4, 6,8, nicht mehr zählbare) Soldaten getötet." Guter Junge.
Paolini spreche ich jegliche Fähigkeit in Sachen Charakterentwicklung rundweg ab. Ihm fehlt jegliche Empathie und Nachvollziehbarkeit bei den Handlungen seiner Helden, die fürchterlich an den Haaren herbeigezogen werden, mal gnadenlos meuchern, um zwei Seiten später fürchterlich gegen das Böse zu jammern und sich in Selbstmitleid zu suhlen. Keine Authentizität, keine echten Emotionen, nur banales dummes Geplänkel und hohles Geschwätz.
Ansonsten ist auch das Werk sehr mittelmäßig. Keine große Spannung, viele gruselige Plotlöcher, keine Dramatik, nur der lang ausgewalzte Pfad zweier dummer Jungen, die nicht erwachsen werden können und dürfen.
Der eine große Pluspunkt ist und bleibt Paolinis Nebenfiguren, die nevertheless erstklassig gelungen sind. Allein Arya und der alte Meister sind ein Fest. Sicher sind die Charaktere fertig aus dem Supermarktregal geordert, und wer Arwen und Galadriel kennt, weiß, woher die Züge der Elfen kommen. Aber trotzdem sind sämtliche Nebenfiguren hochsympathisch, werden konsequent fortgeführt und sind unheimlich interessant. Umso rätselhafter, wie Paolini seine Hauptcharaktere so verpfuschen konnte. Ohne Saphira, Arya und all die anderen wäre ich schon längst am Wegesrand von Alagäisia kollabiert.
Fazit:
Ebenso, wie sich Eragon keinen Deut weiterentwickelt hat, hat sich auch ein erwachsener Paolini schriftstellerisch über alle Maßen nicht- bzw. rückentwickelt. Offenbar scheint die jugendliche Intensität verloren gegangen und von dem Streben nach profitabler Seitenkleckserei ersetzt worden zu sein. Schade.
1,5 Sterne für die Nebenfiguren und einige gute wenn auch sehr rare Ideen.