Die Überschrift spricht bereits den Knackpunkt an, der mich als großen Anhänger der Fantasy-Literatur am größten irritierte: Als ich das Buch nach gut drei Wochen endlich zuschlug und damit den Zyklus Eragon beendete, empfand ich Sympathie für Galbatorix. Und ich werde auch noch darlegen, warum.
Zunächst aber ein Rundumschlag, da es sich hier um Teil vier einer ganzen Reihe handelt: Den ersten Teil las ich mit Genuss! Mir gefiel die einfache, aber doch plastische Welt, die mir da präsentiert wurde. Der Vergleich zu Herr der Ringe, vom Plot her auch Star Wars, lag nah; ebenso das Prinzip der wahren Sprache, welches in 'Erdsee' schon seine Anwendung fand. Dennoch gefiel, was der werte Herr Paolini da zu Papier brachte.
Meine Verbeugung vor diesem 'Wunderkind', auch dafür, dass er es schaffte, eine solch imposante Masse an Schreibwerk zu verfassen.
Doch, soviel sei auch gesagt: Ist es eine Ehrung für einen mittlerweile wohl auf die 28 zugehenden Herren, als 'Wunderkind' angehimmelt zu werden? Nur ein kleiner Hinweis für die Fans, die manchen Logik-Fehler und flache Charaktere mit Alter entschuldigen wollen.
Jedenfalls: Der erste Band hatte seine Reize, auch wenn beim zweiten Durchlesen hier und dort kleine Stolpersteine aufkamen (als einziges Beispiel sei hier genannt, dass Eragon nebst Magie und Schwertkampf Lesen und Schreiben innerhalb weniger Wochen lernt).
Band zwei und drei brachten den Knick. Plötzlich hatte unser kleiner Drachenreiter also seinen Platz gefunden, bei den ehrenwerten Varden. Und von da an wurde es seltsam zäh; Roran als zweiter Protagonist half im zweiten Teil noch ein wenig aus, wurde im dritten Band jedoch geradezu abstoßend brutal - doch dazu später, vorerst kein zu großes Spoilern.
Band vier dann der größte Absturz. Denn Eragon hat noch immer keine Entwicklung durchgemacht. Er soll der große Drachenreiter sein, und doch kommt er mir noch immer wie ein Bauerntrottel vor; ein kleiner Junge, dem man den Mantel eines Kriegsherrn übergestreift und einen satten Stoß gegeben hat: 'Und nun geh und mach!' Und Eragon watschelt los, in zu großen Klamotten. Ernsthaft: Kann sich selbst der glühendste Fan Eragon mittlerweile als gereiften, erwachsenen Krieger vorstellen? Beschwört er etwa das Bild von Aragorn, Arathons Sohn herauf, der stolz und grimmig durch die Pforte Helms Klamms marschiert? Oder sieht man nicht doch noch immer den fünfzehnjährigen Jungen, der seiner Arya hinterherschmachtet und sich von allen das Okay abholen muss, ehe er in den Hof darf zum Spielen?
Auch die Magie, plötzlich inflationär vorhanden, wird fade. Nicht mehr magisch. Sie ist ein schlichtes, effektloses Werkzeug ohne Glanz. Keine göttliche Gabe, sondern fast schon Wissenschaft, nach den Maßstäben eines Physikers berechnet. Magie wird nicht geheimnisvoll eingesetzt und fantasievoll vom Autor beschrieben. Magie wird gewirkt, Magie verschließt die Wunde oder macht Feuer oder einfach Bumm.
Und für alle, die sich Spoiler ersparen möchten, sage ich kurz und knapp, warum mir Galbatorix sympathischer ist als die Varden-Partei: Weil er nichts Böses tut! Er hat hin und wieder Wutausbrüche und erschlägt einige seiner Diener, wie gern hervorgehoben wird. Ein Choleriker, schön und gut. Und den Thron hat er sich durch scheußlichsten Verrat erschlichen, ja. Das reichte in Band eins für den bösen Bösen. Doch nun? Seiner Bevölkerung geht es gut! Die Städte, welche die Varden schleifen, sind prunkvoll und die Einwohner leiden nicht unter IRGENDWAS, was ihnen der König auferlegte, es gibt keine große Schicht der Armut oder Unterdrückung. Im Gegenteil. Stets brechen Eragon und seine heldenhaften Horden - unter ihnen auch die Urgals, die von der Bevölkerung als Plage empfunden werden und anfangs zur Stilisierung Galbas zum Bösen beitrugen - in eine schöne Welt des Wohlstands ein, wann immer sie die Schutzmauern einreißen und die Straßen stürmen. Keine Armenviertel, die es unter normalen Umständen nicht auch gäbe. Keine für mich als Leser sichtbare Gewaltherrschaft.
Der Autor behauptet, Galbatorix ist unfassbar böse und muss vom Thron herunter. Doch eine Grundregel des Schreibens ist nunmal: Behaupten reicht nicht. Zeig es mir. Sag nicht, er ist böse, sondern zeig mir das Elend, das er hervorrief, zeig mir die Unterdrückten und so weiter und sofort. Stattdessen bekomme ich feindliche Soldaten, die ehrenmütig vor ihren durch Eid gebundenen Herren stehen und anschließend vom Bauernlümmel im Feldherrenmantel halbiert werden. Feinde mit guten, ehrenwerten Zügen sind gut, ja, doch da Galbatorix als wirklich Böser nicht rüber kommt, entzieht sich die Geschichte allem Sinne.
Keine Tiefe der Charaktere. Sie sind gut, denn sie sind gut. Der Böse ist böse. Muss er sein. Wäre er nicht böse, wäre die ganze Geschichte bloß eine Eroberungskampagne und ein Rachefeldzug für das Auslöschen der Drachenreiter, die jedoch unter der normalen Bevölkerung nur noch eine Legende sind.
Ab hier SPOILER -
Hier die größten Knackpunkte, die mir sauer aufstoßen:
Eragon: Wie gesagt, nach wie vor ein tumber Bauernjunge. Er soll der Mächtigste der ganzen Truppe sein, stolpert jedoch eigentlich nur durch die Gegend - meiner Empfindung nach. Er muss geschützt werden, regelrecht betüddelt von seiner Elfengarde, muss sich bei Nasuada abmelden und gute Gründe vorbringen, warum er sich von der Truppe zu entfernen hat - wie bei der Reise in die Ruinenstadt der Drachenreiter. Er will einen Schlüssel zur Vernichtung von Galbatorix finden, einem Hinweis nachgehen - und muss lang und breit überreden. Jeder hat Zweifel an ihm, jeder fürchtet, der glorreiche Held der Truppe könnte ohne die Unterstützung seiner Freunde stolpern und ins nächstbeste Kaninchenloch fallen. Er wird beschützt, wo es geht. Und soll doch letzten Endes mit den Fähigkeiten, die er bereits hat und die offenbar kaum für die Alltagsabenteuer genügen, gegen den finstersten Fiesling der Welt antreten. Lieber nichts riskieren bei der Suche nach neuer Stärke - lieber den Spatz in der Hand als die Taube auf dem Dach. Mal ganz platt: Moral muss doch am Boden sein, wenn man ständig heraufbeschwört, wie übermächtig Galbatorix doch ist und von allen Seiten wird nur bestätigt: 'Ja, er ist ein harter Brocken, eigentlich haben wir keine Chance. Wenn er wollte, könnte er kommen und uns ausradieren.'
Faktor Glück: Schließt sich gerade einmal ganz kurz an im Zuge des letzten Satzes: Ist doch so, oder? Galbatorix wird hochstilisiert zum Gott, und offenbar ist er auch so mächtig; allein sein Drache Shruikan müsste eine Herausforderung darstellen. Bloß gut, dass Galbatorix keine Lust hat, selbst etwas zu tun. Er hockt in seinem Thron, und sein Drache gibt den Wandvorhang. Er hat kurz einen starken Auftritt mit donnerndem Brüllen und Kettenrasseln, doch dann geht er wieder zurück an die Leine. Ein Glück, ist der Obermotz zu faul, selbst mal richtig loszulegen. Hätte ers getan, wäre ja noch eingetroffen, was alle befürchtet hatten!
Ein übler Beigeschmack. Die Story hat meiner Meinung einfach nicht die schlimmste Wendung, die größte Herausforderung erreicht. Über Galbas schwachen Kampf hätte ich hinwegsehen können, wäre er nicht in allen drei Bänden vorher zum Non-Plus-Ultra geworden. Es war, als halte mir der Autor den fetten Braten hin, fächelte mir den Duft zu und sagt: 'Er ist zart und saftig', Galbatorix wird die ultimative Herausforderung. 'Freu dich auf den Geschmack', freu dich auf diesen Kampf.
Doch es wird bloß drüber geredet. Der Braten verschmorrt dann doch im Ofen.
Der Feind selbst: Eigentlich hat Galba doch hehre Ziele, oder? Einschränkung von Magie und dergleichen wird später sogar von Nasuada aufgegriffen - aha? Eigentlich keine Veränderung, nur der übliche Wechsel, wenn ein Usurpator den Thron erobert.
Lediglich die Varden als Opposition sind gegen Galbatorix. Und sonst? Steht die Bevölkerung auf ihrer Seite? Nein, denn die Truppen der Städte stehen da nicht als Besatzungsmacht oder unterdrücken irgendwen. Alles läuft ganz normal, wie es sollte. Nirgendwo andere Aufständische, alle glücklich und zufrieden.
Und die Varden fallen in diese Idylle, sorry wenn ichs so sage, aber bestreitet es jemand? Sie selbst überziehen das Land mit Krieg und Verheerung, und am Ende sind Varden und Elfen und Zwerge und Werkatzen zufrieden, doch die Unschuldigen leiden.
Moral und Mordlust: Stößt mir sauer auf. Ab dem zweiten Band sind es immerhin Menschen, die auf beiden Seiten dem Schwert übergeben werden. Ich lese auch Historische Romane wie Bernard Cornwells 'Das letzte Königreich', und auch dort ist der Protagonist ein 'echter' Krieger, der den Kampfrausch liebt und seine Feinde wild schreiend erschlägt. Dort wird dies auch offen zugegeben - so war es eben zu jener Zeit, und der Leser versteht.
Und bei Eragon? Roran zählt im zweiten Band, wieviele Menschen (zehn bis zwanzig) er nun auf dem Gewissen hat, und verspürt tiefste Scham, weil sein Gewissen pocht. Im dritten Band zählt er nicht selbst, sondern einer seiner Kameraden die bereits dreistellige Summe von 186 Mann (soweit ich mich richtig entsinne, vielleicht war die Zahl auch gering anders).
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