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Er oder Ich
 
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Er oder Ich [Gebundene Ausgabe]

Sten Nadolny
3.4 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (14 Kundenrezensionen)

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Produktbeschreibungen

Kurzbeschreibung

Ole Reuter, alt gewordener Stratege, Humorist und Melancholiker, nimmt sich einen Monat Auszeit: Er reist erneut mit einer Netzkarte per Bahn durchs Land, um zum früheren Lebensgefühl zurückzufinden. Das Ergebnis sieht eher nach einem Teufelspakt aus. Denn diesmal begleitet ihn auf Schritt und Tritt – irgendwann merkt er es – ein kühl analysierendes Alter ego. Wird dieser Beobachter ihn ins Verderben bringen? – »Zwischen dem Schreiben über einen einzelnen und dem Schreiben über eine Generation, zwischen Schrift, Ironie, Scherz, Trauer und Ernst läßt Sten Nadolnys Buch eine wunderbare Balance.« (Bernhard Schlink in der »Welt«) -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.

carpe.com

Ole Reuter ist alt geworden. Es hat sich einiges getan, seit er 1976 per Netzkarte im damals noch kleineren Deutschland unterwegs war -- er hat Judith, die Schülerin, die er damals kennengelernt hatte, geheiratet, sie haben eine gemeinsame Tochter, er ist angesehener Consultant und Sachbuchautor -- und er steckt tief in einer Krise. Deshalb will er es nochmals wagen, nochmals einen Monat lang per Netzkarte durch Deutschland reisen.

Sein Gepäck ist diesmal um einiges umfangreicher; Handy, Laptop, alles muß mit -- und natürlich auch sein Hörgerät, Anzüge, Hemden -- er ist eben keine 20 mehr.

Wie damals hat er vor, alles, was er so erlebt, aufzuschreiben. Und er fängt auch an, aufzuschreiben -- er schreibt auch immer wieder aus der Sicht eines Fremden, beschreibt sich selbst als "er".

Die Reise entwickelt sich diesmal auch ganz anders als damals -- er findet keine Gesprächspartner. Er reist aber schließlich auch erster Klasse, steigt in teuren Hotels ab, die er sich damals einfach nicht hätte leisten können.

Schon bei seiner ersten Station, Frankfurt / Oder, passiert ihm ein Missgeschick: seine Uhr, das Erbstück seines Vaters, ist verschwunden. Verloren! Noch dazu peinigen ihn Albträume. Er kauft sich eine neue Uhr, wieder eine Automatik -- eine Uhr, die ihm immer wieder seltsame Streiche spielt. Er erfindet Gespräche, weiß manchmal selber nicht mehr so genau, was davon nun wirklich passiert ist.

Dazwischen meldet sich auch sein Engel mit Mails an andere Engelkollegen zu Wort; er beschreibt Reuters Zustand, schildert seine anhaltende Unfähigkeit, sich mit dem Tod der Tochter auseinander zu setzen.

Schuldgefühle plagen ihn, und auch Versagensängste: er hört schlechter, ist beruflich nicht mehr auf voller Höhe, und sein Gedächtnis lässt nach. Und er möchte sich von Judith trennen, will aber, dass sie den ersten Schritt dazu tut. Außerdem befürchtet er, sich mit HIV angesteckt zu haben -- gibt es noch Gründe für ihn, weiterzuleben?

Eigentlich nicht, und so beschließt er, sich umzubringen..... .

18 Jahre nach Erscheinen der Netzkarte kommt nun deren Fortsetzung. Ole Reuter ist wieder unterwegs -- merklich älter. Das Unvermögen, jetzt noch mit leichtem Gepäck zu reisen, die kleinen Wehwehchen, wo überall es zwickt und zwackt -- all das ist wunderbar komisch zu lesen.

Ole Reuter hat sich auch in seinen Ansichten merklich verändert -- er ist nun eben ein gefragter (oder nicht mehr ganz so gefragter) Wirtschaftsmann, er kann es sich leisten, Freundschaften nicht mehr zu pflegen. Und eines möchte er immer noch gerne: bei den Frauen gut ankommen. Auch das war vor 20 Jahren einfacher als heute.

Sten Nadolnys Fortsetzung liest sich streckenweise wirklich herrlich komisch, überspitzt und mit kleinen Sticheleien hier und dort. Auch die Tatsache, dass er den Erzähler in "Ich und Er" aufspaltet, ist ganz reizvoll. Aber die persönlichen Schutzengel, die teuflischen Versucher -- alle natürlich bei der Firma angestellt, nur in verschiedenen Abteilungen, und ausgerüstet mit den modernsten Kommunikationsmitteln -- ja, die empfand ich hin und wieder als etwas störend. Zwar kommt dadurch noch ein ironisches Zwinkern mehr in das Buch, aber es nimmt der Identitätskrise Ole Reuters auch einiges an Glaubwürdigkeit.

Während die Götter in Ein Gott der Frechheit als Hauptthema noch ausgesprochen unterhaltsam waren, fand ich die Vermischung nun in "Er oder Ich" nicht ganz so gelungen. Aber eines kann Sten Nadolny zweifelsohne immer noch: Geschichten erzählen. Das merkt man vor allem, wenn er seine Figuren sprechen lässt, da möchte man nicht mehr aufhören zu lesen. --Daniela Ecker

Autorenportrait

Sten Nadolny, geboren 1942 in Zehdenick an der Havel, lebt in Berlin. Ingeborg-Bachmann-Preis 1980, Hans-Fallada-Preis 1985, Premio Vallombrosa 1986, Ernst-Hoferichter-Preis 1995. Nach seinem ersten Roman "Netzkarte" erschien 1983 "Die Entdeckung der Langsamkeit", in alle Weltsprachen übersetzt, danach "Selim oder Die Gabe der Rede", "Ein Gott der Frechheit" und "Er oder Ich".
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