Kurzbeschreibung
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Sein Gepäck ist diesmal um einiges umfangreicher; Handy, Laptop, alles muß mit -- und natürlich auch sein Hörgerät, Anzüge, Hemden -- er ist eben keine 20 mehr.
Wie damals hat er vor, alles, was er so erlebt, aufzuschreiben. Und er fängt auch an, aufzuschreiben -- er schreibt auch immer wieder aus der Sicht eines Fremden, beschreibt sich selbst als "er".
Die Reise entwickelt sich diesmal auch ganz anders als damals -- er findet keine Gesprächspartner. Er reist aber schließlich auch erster Klasse, steigt in teuren Hotels ab, die er sich damals einfach nicht hätte leisten können.
Schon bei seiner ersten Station, Frankfurt / Oder, passiert ihm ein Missgeschick: seine Uhr, das Erbstück seines Vaters, ist verschwunden. Verloren! Noch dazu peinigen ihn Albträume. Er kauft sich eine neue Uhr, wieder eine Automatik -- eine Uhr, die ihm immer wieder seltsame Streiche spielt. Er erfindet Gespräche, weiß manchmal selber nicht mehr so genau, was davon nun wirklich passiert ist.
Dazwischen meldet sich auch sein Engel mit Mails an andere Engelkollegen zu Wort; er beschreibt Reuters Zustand, schildert seine anhaltende Unfähigkeit, sich mit dem Tod der Tochter auseinander zu setzen.
Schuldgefühle plagen ihn, und auch Versagensängste: er hört schlechter, ist beruflich nicht mehr auf voller Höhe, und sein Gedächtnis lässt nach. Und er möchte sich von Judith trennen, will aber, dass sie den ersten Schritt dazu tut. Außerdem befürchtet er, sich mit HIV angesteckt zu haben -- gibt es noch Gründe für ihn, weiterzuleben?
Eigentlich nicht, und so beschließt er, sich umzubringen..... .
18 Jahre nach Erscheinen der Netzkarte kommt nun deren Fortsetzung. Ole Reuter ist wieder unterwegs -- merklich älter. Das Unvermögen, jetzt noch mit leichtem Gepäck zu reisen, die kleinen Wehwehchen, wo überall es zwickt und zwackt -- all das ist wunderbar komisch zu lesen.
Ole Reuter hat sich auch in seinen Ansichten merklich verändert -- er ist nun eben ein gefragter (oder nicht mehr ganz so gefragter) Wirtschaftsmann, er kann es sich leisten, Freundschaften nicht mehr zu pflegen. Und eines möchte er immer noch gerne: bei den Frauen gut ankommen. Auch das war vor 20 Jahren einfacher als heute.
Sten Nadolnys Fortsetzung liest sich streckenweise wirklich herrlich komisch, überspitzt und mit kleinen Sticheleien hier und dort. Auch die Tatsache, dass er den Erzähler in "Ich und Er" aufspaltet, ist ganz reizvoll. Aber die persönlichen Schutzengel, die teuflischen Versucher -- alle natürlich bei der Firma angestellt, nur in verschiedenen Abteilungen, und ausgerüstet mit den modernsten Kommunikationsmitteln -- ja, die empfand ich hin und wieder als etwas störend. Zwar kommt dadurch noch ein ironisches Zwinkern mehr in das Buch, aber es nimmt der Identitätskrise Ole Reuters auch einiges an Glaubwürdigkeit.
Während die Götter in Ein Gott der Frechheit als Hauptthema noch ausgesprochen unterhaltsam waren, fand ich die Vermischung nun in "Er oder Ich" nicht ganz so gelungen. Aber eines kann Sten Nadolny zweifelsohne immer noch: Geschichten erzählen. Das merkt man vor allem, wenn er seine Figuren sprechen lässt, da möchte man nicht mehr aufhören zu lesen. --Daniela Ecker