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4.0 von 5 Sternen
Es liest!, 12. April 2000
Von Ein Kunde
Rezension bezieht sich auf: Er oder Ich (Gebundene Ausgabe)
"Er oder Ich" ist anfangs gekonnter Katzenjammer. Katzenjammer über die barocken 80er, in denen man konsumiert und genossen und bei aller Völlerei vergessen hat, den Kopf zu versorgen.
Damals genügte es, sich bestimmte Bücher zu kaufen und mehr oder weniger dezent herumliegen zu lassen anstatt sie zu lesen. Es genügte, vielleicht mal eine Rezension zu lesen und dann so zu tun als ob. Die 90er, blitzschnell vorbei, brachten nicht nur abgebrannte Konten sondern auch wüstenleere Köpfe und es gerät auf sämtlichen Gebieten zu elender Quälerei, auf dieser Brache etwas anderes als Unkraut gedeihen zu lassen. So ähnlich bewegt sich der multiple "Held" durch den Roman und der Leser quält sich desorientiert wie er durch eine Welt, in der man sämtliche Dörfer auf Mallorca kennt, aber nicht weiß, wieviele Bundesländer das eigene Land jetzt hat.
Manche Orte sind real erlebt, andere im vorbeihuschenden Abteilblick eher virtuell gesehen. Diese schwankende Authentizität schafft eine gewisse Leere und Oberflächlichkeit beim Lesen, die jedoch vom Autor durchaus beabsichtigt wirkt. Die Engel tauchen wie aus anderen Büchern (Petrolio, Die Entdeckung des Himmels) eingeflogen auf und vermitteln ein gewisses déjà vu. Und dieses Buch fließt nicht. Als Leser fühlt man sich dazu verdammt, dem Rinnsal einen Graben schaufeln zu müssen, damit es denn fließe.
Und damit ist es ein treffend ehrliches Buch über unsere Zeit und uns selbst. Mehr als einmal stellt es unsere Bildung und deren Gewichtung in Frage. Haben wir gerecht verteilt? Kopf? Herz? Oder gar nur auf gewisse Schwimmreifen, mit denen es sich gemütlich dahindümpeln lässt?
Irgendwann fängt das Buch an, uns zu lesen. Und damit beweist es, dass es noch vortreffliche Handwerker unter den deutschen Autoren gibt. Nadolny modelliert seine Figuren und ihre Sätze und hebt sich damit wohltuend vom Mainstream der ichbezogenen Nabelschau ab. Vielleicht haben wir ja nach all dem Tagebuchbrei des neuen Nachwuchses das anspruchsvolle Lesen verlernt.
Es war höchste Eisenbahn für dieses Buch.
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2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Zweimal hab ich's gelesen, 25. Mai 2004
Von Ein Kunde
und ehrlich geb ich zu: beim Ersten Mal hab ich einiges verpasst. Doch das unbedingt lesenswerte an Nadolny's Buch, abgesehen von seiner form- u. fabulierenden Stärke ist eindeutig gerade das Verwirrende. Nach dem zweiten Mal durchschaut man die Tagebuchstruktur, dann erst kommt die (Er-)Lösung und man wird als Reziepent durch ein herrlich groteske, dennoch wahrhaftige, triviale Lebenssituation des Protagonisten geschleust, im vorbeischauen erkennend, das Abgründe gar nicht weit weg von der Normalität sind.
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2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
2.0 von 5 Sternen
Mühsame Fortsetzung der "Netzkarte", 10. November 1999
Von Ein Kunde
Rezension bezieht sich auf: Er oder Ich (Gebundene Ausgabe)
Als Sten Nadolny 1981 in seinem ersten Roman „Netzkarte" seinen Helden Ole Reuter einen Monat lang kreuz und quer durch Deutschland reisen ließ, gelang ihm eine erfrischende Hommage an das Bahnfahren. Reuter, gescheiterte Lehrer auf der Suche nach einer Zukunftsperspektive, nimmt lebensgierig Landschaft, Erlebnisse und Bekanntschaften auf. Leider hat Nadolny, der vor allem durch den Beststeller „Die Entdeckung der Langsamkeit" bekannt wurde, seinen Helden nach 20 Jahren für einen Fortsetzungsroman wiederbelebt. Gealtert und erneut in einer Lebenskrise steckend, versucht Reuter eine Wiederholung der Therapie per Netzkarte. Doch der Reisende nimmt nichts mehr wahr von den Strecken, die er bereist. Je weiter er sich im Eisenbahnnetz verfängt, desto mehr verfällt er psychisch. Nadolny braucht um die Geschichte zu erzählen einen großen Aufwand, muss zum Beispiel sogar Engel eingreifen lassen. Das macht das Buch mühsam zu lesen und das Unhappy-End unmotiviert.
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