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Er liebt mich...: Roman [Taschenbuch]

Jana Voosen
4.3 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (49 Kundenrezensionen)
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Produktbeschreibungen

Pressestimmen

"...witzig, chaotisch und voll Gefühl..." (Brigitte Young Miss )

Kurzbeschreibung

Eigentlich ist Mona mit ihrem Leben zufrieden. Obwohl sie gerne ein wenig schlagfertiger, spontaner, und auch ein bisschen schlanker wäre. Doch als sie zum Geburtstag statt des langersehnten Heiratsantrags einen Gratisblick auf Olaf im Bett mit ihrer besten Freundin bekommt, beschließt sie: Höchste Zeit, das Leben ganz neu anzupacken! Mona verlässt ihr Heimatdorf, heuert in Hamburg bei einer Treue-Test-Agentur an und widmet sich fortan ihrer Mission, untreue Männer ans Messer zu liefern, betrogene Ehefrauen zu rächen und sich nie, nie wieder zu verlieben. Oder doch?


Klappentext

»Don't miss!«
Brigitte Young Miss

"...witzig, chaotisch und voll Gefühl..."
Brigitte Young Miss

Über den Autor

Jana Voosen, Jahrgang 1976, studierte Schauspiel in Hamburg und New York. Es folgten Engagements an Hamburger Theatern. Seitdem war sie in zahlreichen TV-Produktionen („Tatort“, „Marienhof“, „Hochzeitsreise zu viert“ u.a.) zu sehen. Jana Voosen lebt und arbeitet in Hamburg.

Leseprobe. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.

1.
Ein zierlicher Frauenfuß erscheint in meinem Blickfeld, bekleidet mit einem edlen Brautschuh aus cremefarbenem, feinstem Satin. Mein Schuh. Mein Fuß! Merkwürdig! Habe ich nicht normalerweise ziemlich breite Plattfüße? Habe ich mir möglicherweise einige Zehen oder ein Stück von der Ferse abgehackt, um in dieses zarte Schuhwerk zu passen? Ruckedigu, Blut ist im Schuh. Na, und wenn, dann war es das wert! Ich habe jetzt auch gar keine Zeit, darüber nachzudenken. Stattdessen sehe ich verzückt an mir herunter. Dieses Kleid ist märchenhaft, der weite Rock bauscht sich um meine Oberschenkel, die sich auf magische Weise plötzlich lang und schlank anfühlen, die Korsage schmiegt sich an meinen Körper und drückt meine Brüste zu einem beachtlichen Dekolleté zusammen. Ich bin begeistert. Mit den Augen folge ich der Spur aus weißen Rosenblättern, die sich über den weinroten Teppich schlängelt, der durch die voll besetzten Bankreihen der Kirche hindurch bis zum Altar führt. Gemessenen Schrittes schreite ich über die Blüten hinweg, begleitet von den »Ooohs« und »Aaahs« der Kirchengemeinde. Vereinzelt erkenne ich Gesichter in der Menge: Dort sitzt meine beste Freundin Viola, die langen schwarzen Haare zu einer extravaganten Frisur hochgesteckt, und dort meine Mutter mit bereits verschmierter Wimperntusche. Auch mir treten jetzt die Tränen in die Augen, als ich Olaf vorne am Altar stehen sehe. Er sieht einfach fabelhaft aus in seinem nigelnagelneuen Smoking, wie er augenscheinlich nervös von einem Bein aufs andere tritt und mich erwartet. Mit schimmernden Augen und einem leichten Lächeln auf den Lippen gehe ich auf ihn zu. Ich scheine eine Augenweide zu sein, denn Olaf bleibt im wahrsten Sinne der Mund offen stehen. Dann tritt der bärtige alte Pfarrer in seiner festlichen weißen Robe mit rotgoldener Borte an uns heran, bedeutet der Gemeinde mit einer Handbewegung, wieder Platz zu nehmen und wendet sich mit einem gütigen Ausdruck in den Augen nun uns, dem Brautpaar, zu. Mein Herz beginnt vor lauter Vorfreude und Aufregung ein wenig heftiger zu schlagen, als er den Mund öffnet und sagt:

»Sie haben Post.« Wie bitte?

Und dann verschwimmt alles vor meinen Augen, der Pfarrer, Olaf und die flackernden Kerzen auf dem Altar. Die Zierleiste auf dem Gewand des Priesters wird blasser, verliert ihre Farbe und Leuchtkraft und ist schließlich nur noch eine merkwürdig beige-rosafarbene Fläche. Simone Behrens (das bin ich) erwacht aus ihrem Tagtraum und landet wieder unsanft in Langenweiler (das ist ein 6000-Seelen-Kaff bei Essen). Ich blicke genau auf Balduin Dröses kahlen Schädel. Ein paar mickrige Strähnen hat er von links nach rechts über die speckig glänzende Haut gekämmt. Glaubt er wirklich, dass er dadurch irgendjemandem weismachen kann, er hätte noch Haare auf dem Kopf? Herr Dröse, von mir insgeheim Baldi getauft, ist mein direkter Vorgesetzter und sitzt mir im Großraumbüro der Datenverarbeitungsabteilung der Vereinsbank Langenweiler gegenüber, und das seit nunmehr fast fünf Jahren. Jeden Tag, Montag bis Freitag von neun bis siebzehn Uhr. Jetzt hebt er seinen Kopf und guckt mich misstrauisch an. Immer wieder erwischt er mich dabei, wie ich auf seine Platte starre und meinen Gedanken nachhänge. Er mustert mich mit seinen kleinen grauen Schweinsäuglein und verzieht die schmalen Lippen zu einem Grinsen, das seine nikotinverfärbten Zähne entblößt. O Gott, hoffentlich denkt der nicht, ich würde mich nun doch für ihn interessieren. Auf der letzten Betriebsfeier habe ich seine Hand auf meinem Hintern zwar mit einem halben Liter Bier über seinen kahlen Schädel quittiert, aber solche Kerle können da ja unglaublich ignorant sein. Ich muss echt darauf achten, ihn nicht ständig anzugucken.
»Sie haben Post«, hallt die erstaunlich hohe, ja weibliche Stimme des Pfarrers in meinem Kopf nach. Ach, natürlich. Seufzend wende ich mich meinem Computer zu und checke meinen E-Mail-Briefkasten. Eine Nachricht von Olaf. Wenn man vom Teufel träumt, kriegt man ’ne E-Mail.
»Ach ja, so eine junge Liebe is doch watt Schönes«, ertönt es anzüglich hinter meiner Schulter. Ertappt drehe ich mich um. Da steht Gerda Ulbrich, eine fünfzigjährige rundliche Person mit grauem Haar und gutmütigem Charakter, die hier seit über zwanzig Jahren zum Inventar gehört. Junge Liebe ist gut, Olaf war mein erster und gleichzeitig letzter Freund. Wir sind ein Langenweiler Vorzeige-Pärchen, haben uns quasi mit der Geschlechtsreife in der Tanzschule kennen gelernt. An meinem sechzehnten Geburtstag fragte mich Olaf dann, ob ich mit ihm »gehen« würde, und von da an gingen wir miteinander. Zur Tanzstunde, ins Kino, zum Schüler-Rock-Festival, drei Monate später das erste Mal ins Bett und so ist das jetzt seit zehn langen und manchmal auch -weiligen Jahren. Alle Welt, einschließlich meiner Wenigkeit, fragt sich allmählich, wann Olaf denn nun endlich mit mir zum Traualtar gehen wollen wird. Ja doch, ich habe solche Tagträume nicht ohne Grund!
»Wann wird denn nun endlich geheiratet«, fragt Gerda auch prompt zum etwa hundertfünfzigsten Mal und beginnt interessiert, meine E-Mail zu lesen. Schnell wechsle ich das aktive Fenster auf meinem Bildschirm und mache Gerda grinsend auf das Postgeheimnis aufmerksam. Baldis Kopf schnellt hoch und er schaut mich eifersüchtig an. Gerda hält mir eine Schachtel mit Nougatkonfekt hin.
»Willste?« Eine der zahlreichen Unsitten in unserer Abteilung ist, dass ständig Süßigkeiten gefuttert werden. Ich habe jedes Jahr ein Kilo zugenommen und noch ist kein Ende in Sicht. Ergeben seufzend nehme ich eine Praline und stecke sie in den Mund.
»Danke«, sage ich zu Gerda und greife, bevor sie weitergeht, schnell noch mal zu. Dann wende ich mich wieder meinem Bildschirm zu.
»Hi Moni! Wolltest Du Jever oder Köpi für die Party? Fahre nach der Arbeit zum Getränkemarkt und müsste das wissen. Olaf.«
Ich schmelze ob dieser unromantischen E-Mail nicht gerade dahin, ganz im Gegensatz zu der Nougatpraline auf meiner Zunge. Irgendwie hat unsere Beziehung reichlich an Romantik verloren.
»Hi Olaf! Köpi. Bis heute Abend dann«, haue ich lieblos in die Tasten, will gerade auf Senden klicken, als ich es mir noch mal anders überlege. Wenn das so weitergeht, unterhalten wir uns bald nur noch in Steno-Manier:
»Wie geht’s?«
»Gut.«
»Essen?«
»Ja.«
»Sex?«
»Migräne.«
»Oh.«
Nein, danke. Entschlossen lösche ich die E-Mail und fange noch mal von vorne an. Wie man in den Wald reinruft, so schallt es heraus und die Wetten stehen eins zu sieben, dass Olaf mir morgen, am fünfzehnten Oktober, meinem sechsundzwanzigsten Geburtstag, die entscheidende Frage stellen wird!
»Du Frau, ich Mann?«
»Okay.« Nochmals: Nein danke. Also: »Hallo, mein Süßer! Ich finde Köpi am besten. Lieb, dass Du für mich die Party schmeißt. Ich vermisse Dich …«
Hier halte ich kurz inne. Vor neun Stunden habe ich ihn das letzte Mal gesehen, mit einer Zahnbürste im und Schaum vor dem Mund. Ist also vielleicht etwas zu dick aufgetragen. Also schreibe ich stattdessen:
»Freu mich auf heute Abend. Ich liebe Dich. Küsse von Deiner Moni.«
Senden und ab die Post!
Ich beobachte den Dröse, wie er die heute siebzehnte Rot-Händle (heute war mal wieder nicht viel zu tun, was mir die Zeit zum Zählen gab) mit seinen gelben Wurstfingern in den überquellenden, gläsernen Aschenbecher drückt, der, egal wie voll, höchstens zweimal in der Woche von ihm geleert wird. Und zwar dienstags und freitags, also heute. Unser Büro stinkt dementsprechend.
Ich schaue ein wenig aus dem Fenster, aber draußen ist es fast so grau und nebelig wie hier drinnen. Trostlos. Baldi steckt sich immer abwechselnd Zigarette Nummer achtzehn und ein klebriges Erfrischungsstäbchen in den Mund und schmatzt dabei leise. Ich assoziiere mit den Dingern ja ehrlich gesagt Pflichtbesuche bei der Oma, wo es außerdem noch ebenso ungenießbare Sachertorte und Caro-Kaffee gibt, aber Baldi ist...

Auszug aus Er liebt mich... von Jana Voosen. Copyright © 2005. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.

1.
Ein zierlicher Frauenfuß erscheint in meinem Blickfeld, bekleidet mit einem edlen Brautschuh aus cremefarbenem, feinstem Satin. Mein Schuh. Mein Fuß! Merkwürdig! Habe ich nicht normalerweise ziemlich breite Plattfüße? Habe ich mir möglicherweise einige Zehen oder ein Stück von der Ferse abgehackt, um in dieses zarte Schuhwerk zu passen? Ruckedigu, Blut ist im Schuh. Na, und wenn, dann war es das wert! Ich habe jetzt auch gar keine Zeit, darüber nachzudenken. Stattdessen sehe ich verzückt an mir herunter. Dieses Kleid ist märchenhaft, der weite Rock bauscht sich um meine Oberschenkel, die sich auf magische Weise plötzlich lang und schlank anfühlen, die Korsage schmiegt sich an meinen Körper und drückt meine Brüste zu einem beachtlichen Dekolleté zusammen. Ich bin begeistert. Mit den Augen folge ich der Spur aus weißen Rosenblättern, die sich über den weinroten Teppich schlängelt, der durch die voll besetzten Bankreihen der Kirche hindurch bis zum Altar führt. Gemessenen Schrittes schreite ich über die Blüten hinweg, begleitet von den »Ooohs« und »Aaahs« der Kirchengemeinde. Vereinzelt erkenne ich Gesichter in der Menge: Dort sitzt meine beste Freundin Viola, die langen schwarzen Haare zu einer extravaganten Frisur hochgesteckt, und dort meine Mutter mit bereits verschmierter Wimperntusche. Auch mir treten jetzt die Tränen in die Augen, als ich Olaf vorne am Altar stehen sehe. Er sieht einfach fabelhaft aus in seinem nigelnagelneuen Smoking, wie er augenscheinlich nervös von einem Bein aufs andere tritt und mich erwartet. Mit schimmernden Augen und einem leichten Lächeln auf den Lippen gehe ich auf ihn zu. Ich scheine eine Augenweide zu sein, denn Olaf bleibt im wahrsten Sinne der Mund offen stehen. Dann tritt der bärtige alte Pfarrer in seiner festlichen weißen Robe mit rotgoldener Borte an uns heran, bedeutet der Gemeinde mit einer Handbewegung, wieder Platz zu nehmen und wendet sich mit einem gütigen Ausdruck in den Augen nun uns, dem Brautpaar, zu. Mein Herz beginnt vor lauter Vorfreude und Aufregung ein wenig heftiger zu schlagen, als er den Mund öffnet und sagt:

»Sie haben Post.« Wie bitte?

Und dann verschwimmt alles vor meinen Augen, der Pfarrer, Olaf und die flackernden Kerzen auf dem Altar. Die Zierleiste auf dem Gewand des Priesters wird blasser, verliert ihre Farbe und Leuchtkraft und ist schließlich nur noch eine merkwürdig beige-rosafarbene Fläche. Simone Behrens (das bin ich) erwacht aus ihrem Tagtraum und landet wieder unsanft in Langenweiler (das ist ein 6000-Seelen-Kaff bei Essen). Ich blicke genau auf Balduin Dröses kahlen Schädel. Ein paar mickrige Strähnen hat er von links nach rechts über die speckig glänzende Haut gekämmt. Glaubt er wirklich, dass er dadurch irgendjemandem weismachen kann, er hätte noch Haare auf dem Kopf? Herr Dröse, von mir insgeheim Baldi getauft, ist mein direkter Vorgesetzter und sitzt mir im Großraumbüro der Datenverarbeitungsabteilung der Vereinsbank Langenweiler gegenüber, und das seit nunmehr fast fünf Jahren. Jeden Tag, Montag bis Freitag von neun bis siebzehn Uhr. Jetzt hebt er seinen Kopf und guckt mich misstrauisch an. Immer wieder erwischt er mich dabei, wie ich auf seine Platte starre und meinen Gedanken nachhänge. Er mustert mich mit seinen kleinen grauen Schweinsäuglein und verzieht die schmalen Lippen zu einem Grinsen, das seine nikotinverfärbten Zähne entblößt. O Gott, hoffentlich denkt der nicht, ich würde mich nun doch für ihn interessieren. Auf der letzten Betriebsfeier habe ich seine Hand auf meinem Hintern zwar mit einem halben Liter Bier über seinen kahlen Schädel quittiert, aber solche Kerle können da ja unglaublich ignorant sein. Ich muss echt darauf achten, ihn nicht ständig anzugucken.
»Sie haben Post«, hallt die erstaunlich hohe, ja weibliche Stimme des Pfarrers in meinem Kopf nach. Ach, natürlich. Seufzend wende ich mich meinem Computer zu und checke meinen E-Mail-Briefkasten. Eine Nachricht von Olaf. Wenn man vom Teufel träumt, kriegt man ’ne E-Mail.
»Ach ja, so eine junge Liebe is doch watt Schönes«, ertönt es anzüglich hinter meiner Schulter. Ertappt drehe ich mich um. Da steht Gerda Ulbrich, eine fünfzigjährige rundliche Person mit grauem Haar und gutmütigem Charakter, die hier seit über zwanzig Jahren zum Inventar gehört. Junge Liebe ist gut, Olaf war mein erster und gleichzeitig letzter Freund. Wir sind ein Langenweiler Vorzeige-Pärchen, haben uns quasi mit der Geschlechtsreife in der Tanzschule kennen gelernt. An meinem sechzehnten Geburtstag fragte mich Olaf dann, ob ich mit ihm »gehen« würde, und von da an gingen wir miteinander. Zur Tanzstunde, ins Kino, zum Schüler-Rock-Festival, drei Monate später das erste Mal ins Bett und so ist das jetzt seit zehn langen und manchmal auch -weiligen Jahren. Alle Welt, einschließlich meiner Wenigkeit, fragt sich allmählich, wann Olaf denn nun endlich mit mir zum Traualtar gehen wollen wird. Ja doch, ich habe solche Tagträume nicht ohne Grund!
»Wann wird denn nun endlich geheiratet«, fragt Gerda auch prompt zum etwa hundertfünfzigsten Mal und beginnt interessiert, meine E-Mail zu lesen. Schnell wechsle ich das aktive Fenster auf meinem Bildschirm und mache Gerda grinsend auf das Postgeheimnis aufmerksam. Baldis Kopf schnellt hoch und er schaut mich eifersüchtig an. Gerda hält mir eine Schachtel mit Nougatkonfekt hin.
»Willste?« Eine der zahlreichen Unsitten in unserer Abteilung ist, dass ständig Süßigkeiten gefuttert werden. Ich habe jedes Jahr ein Kilo zugenommen und noch ist kein Ende in Sicht. Ergeben seufzend nehme ich eine Praline und stecke sie in den Mund.
»Danke«, sage ich zu Gerda und greife, bevor sie weitergeht, schnell noch mal zu. Dann wende ich mich wieder meinem Bildschirm zu.
»Hi Moni! Wolltest Du Jever oder Köpi für die Party? Fahre nach der Arbeit zum Getränkemarkt und müsste das wissen. Olaf.«
Ich schmelze ob dieser unromantischen E-Mail nicht gerade dahin, ganz im Gegensatz zu der Nougatpraline auf meiner Zunge. Irgendwie hat unsere Beziehung reichlich an Romantik verloren.
»Hi Olaf! Köpi. Bis heute Abend dann«, haue ich lieblos in die Tasten, will gerade auf Senden klicken, als ich es mir noch mal anders überlege. Wenn das so weitergeht, unterhalten wir uns bald nur noch in Steno-Manier:
»Wie geht’s?«
»Gut.«
»Essen?«
»Ja.«
»Sex?«
»Migräne.«
»Oh.«
Nein, danke. Entschlossen lösche ich die E-Mail und fange noch mal von vorne an. Wie man in den Wald reinruft, so schallt es heraus und die Wetten stehen eins zu sieben, dass Olaf mir morgen, am fünfzehnten Oktober, meinem sechsundzwanzigsten Geburtstag, die entscheidende Frage stellen wird!
»Du Frau, ich Mann?«
»Okay.« Nochmals: Nein danke. Also: »Hallo, mein Süßer! Ich finde Köpi am besten. Lieb, dass Du für mich die Party schmeißt. Ich vermisse Dich …«
Hier halte ich kurz inne. Vor neun Stunden habe ich ihn das letzte Mal gesehen, mit einer Zahnbürste im und Schaum vor dem Mund. Ist also vielleicht etwas zu dick aufgetragen. Also schreibe ich stattdessen:
»Freu mich auf heute Abend. Ich liebe Dich. Küsse von Deiner Moni.«
Senden und ab die Post!
Ich beobachte den Dröse, wie er die heute siebzehnte Rot-Händle (heute war mal wieder nicht viel zu tun, was mir die Zeit zum Zählen gab) mit seinen gelben Wurstfingern in den überquellenden, gläsernen Aschenbecher drückt, der, egal wie voll, höchstens zweimal in der Woche von ihm geleert wird. Und zwar dienstags und freitags, also heute. Unser Büro stinkt dementsprechend.
Ich schaue ein wenig aus dem Fenster, aber draußen ist es fast so grau und nebelig wie hier drinnen. Trostlos. Baldi steckt sich immer abwechselnd Zigarette Nummer achtzehn und ein klebriges Erfrischungsstäbchen in den Mund und schmatzt dabei leise. Ich assoziiere mit den Dingern ja ehrlich gesagt Pflichtbesuche bei der Oma, wo es außerdem noch ebenso ungenießbare Sachertorte und Caro-Kaffee gibt, aber Baldi ist ganz wild drauf. Ich verbringe die restlichen zehn Minuten bis zum Feierabend damit, darauf zu warten, dass er durcheinander kommt und an einem Erfrischungsstäbchen zieht, oder (noch besser) seine Zigarette aufisst. Schließlich gebe ich die Hoffnung auf, dass er mir diesen Gefallen tun wird und fahre meinen Computer herunter. Es ist genau 16.59 Uhr.
Baldi zieht im Schneckentempo seinen ewig gleichen kackbraunen Mantel an, klemmt die Tasche unter den Arm und schleicht zur Stechuhr. Umständlich kramt er nach seiner Karte, pling, das altbekannte Geräusch, und plötzlich hat Baldi einen Zahn drauf, den man ihm gar nicht zutrauen würde, wenn man das Schauspiel nicht schon seit Jahren verfolgen würde. In null Komma nix ist er meinem Blickfeld entschwunden. Kopfschüttelnd blicken Gerda und ich ihm hinterher, während wir unsererseits ausstechen.
»Hast du nicht morgen Geburtstag, Kind«, erkundigt sie sich.
»Ja, wir feiern rein heute Abend«, entgegne ich unvorsichtigerweise und fürchte im gleichen Augenblick, dass sie sich jetzt möglicherweise selber einlädt.
»Ach, wie schade, ich hab heute Theaterkarten«, bedauert sie und ich atme erleichtert auf.»Sag mir Bescheid, ob er dich endlich gefragt hat, ich habe ein Vermögen gewettet.«
Jetzt fühle ich mich doch irgendwie unter Druck gesetzt, aber Gerda guckt mich so hoffnungsvoll an, dass ich ermutigend nicke und geheimnisvoll sage:
»Da hast du dich bestimmt nicht vertippt. Ich hatte heute eine Vision, dass sich etwas in meinem Leben ändern wird.«
Gerda lächelt glücklich.
»Wirklich?«
»Wirklich!«
Natürlich hatte ich keine Vision, ich bin kein besonders medialer Typ. Trotzdem sollten sich meine Worte als wahr herausstellen. Nur irgendwie anders.

2.
Eine junge schlanke Frau wendet mir den Rücken zu, sie macht eine ausholende Bewegung und gleich darauf fliegt ein großer Strauß aus bunten Herbstblumen durch die Luft und mir genau in die Arme …
Nein, kein Tagtraum dieses Mal, sondern Realität. Gleich darauf dreht sich Olafs Schwester Lena, der ich gerade die Haustüre geöffnet habe, wieder um und gibt mir einen dicken Begrüßungsschmatzer auf die Wange.
»Haha«, mache ich grinsend.
»Und wo ist mein missratener Bruder?«, fragt sie aufgekratzt. »Für den war die Show doch bestimmt.«
»Keine Ahnung, der schwirrt hier irgendwo rum. Willst du was trinken?«
Die Party ist in vollem Gange, in Olafs (ausnahmsweise mal aufgeräumter) Wohnung tummeln sich meine Freunde und Bekannten, und ich bin schon ziemlich angeduselt, als ich mir mit Lena einen Weg in die Küche bahne, um ihr ein Glas Rotwein einzuschenken.
»Jedenfalls habe ich ihm letzte Woche den Ring gezeigt, der dir so gefallen hat, den weißgoldenen«, raunt sie mir verschwörerisch zu.
»Gott sei Dank«, kichere ich, »denn Gelbgold steht mir überhaupt nicht!«
»Er wird es schon kapiert haben«, beruhigt sie mich.
»Na ja, wenn nicht, ist es auch nicht so schlimm«, befinde ich großzügig, denn daran soll es nun wirklich nicht scheitern.
»Ey, Moni, Lena, kommt mit, das müsst ihr sehen«, grölt mir irgendein Bekannter von Olaf ins Ohr, »da treiben es zwei im Schlafzimmer.«
»Heute Nacht schlafen wir wohl in meiner Wohnung«, sage ich zu Lena, während wir uns mit den anderen zusammen in Richtung Schlafzimmer bewegen. Tatsächlich, der Berg von Mänteln scheint ein Eigenleben zu besitzen.
»Ist das zu fassen«, flüstere ich gespielt empört, »weißt du was? Denen gebe ich nachher gleich das Bettzeug zum Wasch…« Mir bleibt das Wort im Halse stecken, denn etwas dort auf dem Bett hat meine Aufmerksamkeit erregt. Es ist nicht größer als ein Centstück und fast ebenso kupferrot. Es ist das Muttermal auf der linken Hinterbacke des Mannes. Und es kommt mir verdammt bekannt vor. Inzwischen haben die beiden durch ihre amouröse Aktivität den Jackenberg zur Seite geschoben, so dass ich jetzt auch Olafs Gespielin erkennen kann. Und die muss ausgerechnet meine bis zu diesem Zeitpunkt beste Freundin Viola sein. Bezeichnenderweise ertönt aus der Stereoanlage just in diesem Moment der Song:
It’s my party, and I cry if I want to. – Nummer eins auf dem Soundtrack meines Lebens. Nobody knew, where my Olaf had gone – now I do. Ich habe schon eineinhalb Flaschen Prosecco intus, doch angesichts von Olaf und Viola, die es vor meinen Augen treiben, als hinge ihr Leben davon ab, sinkt der Alkoholpegel in meinem Blut schlagartig. Mir wird sehr schwindelig. Ich sehe nackte Haut, ich sehe Schweiß, Schenkel, die aneinander klatschen, höre keuchenden Atem, unterdrücktes Stöhnen. Violas hüftlange schwarze Locken, die an seinem Körper kleben. Blutrote Fingernägel, die sich in seinen dunkelblonden Haarschopf krallen. Üppige Brüste, in die er sein Gesicht versenkt. Ich bin wie erstarrt. Glatte straßenköterblonde Haare. Mickrige Brüste, die Beine ein bisschen zu kurz, die Nase zu groß und der Hintern zu breit. All das wird mir in diesem Moment schrecklich bewusst. Ich krame in meinem Gedächtnis. Jede Frau hat sich doch schon einmal ausgemalt, wie es wäre, den eigenen Freund in flagranti zu erwischen. Das sieht man schließlich in jedem zweiten Film, und auch wenn man es sich nicht wünscht, so möchte man doch vorbereitet sein. Gewappnet, um einen coolen Spruch auf den Lippen zu haben. Ich kann nur raten: Mädels, spart es euch oder tätowiert euch die besten Reaktionen auf den Oberschenkel, denn ansonsten stehen die Chancen, sich zu erinnern, etwa eins zu dreihunderttausend. Ich jedenfalls bin sprachlos. Mir schießen nur ganz leise die Tränen in die Augen. Hey, you would cry too, if it happened to you. Die beiden sind so mit sich beschäftigt, dass sie nicht mal merken, dass ihnen die halbe Partygesellschaft zuschaut. Ich hole mehrmals tief Luft, um irgendetwas zu sagen, aber es kommt kein Ton heraus. Der süßliche Geruch von Sex steigt mir in die Nase, Olaf gibt grunzende Geräusche von sich, Viola stöhnt, als wolle ihr einer ans Leben, und in diesem Moment zieht Lena plötzlich scharf die Luft ein und greift nach meiner Hand. Jetzt hat sie die beiden erkannt. Mir dreht sich der Magen um und sein Inhalt landet auf dem Laminatfußboden von Olafs Schlafzimmer. Ein guter Liter Prosecco, in dem halb verdaute Lachsschnittchen, Hackbällchen und Kartoffelchips schwimmen. Ich hebe den Kopf und sehe, dass ich nun endlich die Aufmerksamkeit des reizenden Pärchens erregt habe. Erschrocken starren sie mich an. Niemand bewegt sich. Mein Magen rumort noch etwas, im Wohnzimmer erklingen die letzten Takte von It’s my party. Die Tränen laufen mir die Wangen herunter. Olaf löst sich aus seiner Starre und von Viola. Das dabei entstehende schmatzende Geräusch wird sich wohl für die Ewigkeit in mein Gedächtnis einbrennen.
Viola zieht sich die Decke über den Kopf.
»Moni«, sagt Olaf und bedeckt sich mit einem Kissen. Als ob ich ihn noch nie nackt gesehen hätte. Ach ja, natürlich. Ich schon, aber die zehn Personen hinter mir nicht. Ich beginne zu zittern. Am liebsten würde ich schreien, aber was? Einen Mord im Affekt verüben, aber womit? Stattdessen blicke ich verzweifelt in Olafs graue Augen, gebe ein jaulendes Geräusch von mir und verlasse fluchtartig das Schlafzimmer und die Party, während meine Gäste mir betreten hinterher gucken.
Ich schlage die Wohnungstür hinter mir zu und laufe die achtundvierzig Stufen hinunter auf die Straße. Hilflos sehe ich mich um. Wo soll ich denn jetzt bloß hin? Meine Wohnung liegt im zweiten Stockwerk desselben Hauses, direkt unter der von Olaf, das heißt, um dorthin zu flüchten, müsste ich wieder ins Haus. Und noch schlimmer, zurück in seine Wohnung, denn natürlich hängt da meine Jeansjacke, und in deren Brusttasche befindet sich mein Wohnungsschlüssel. Verdammter Mist. Jetzt bemerke ich, dass mir meine rote Chiffonbluse und die schwarze Stoffhose feucht am Körper kleben. In Stresssituationen tritt mir der Schweiß immer sofort aus allen Poren. So hole ich mir hier bestimmt den Tod. Fröstelnd ziehe ich die Schultern hoch und trete unschlüssig von einem Fuß auf den anderen. Mir bleibt wohl nichts anderes übrig, als noch mal reinzugehen. Ich hole einmal tief Luft, wische mir die Tränen aus dem Gesicht und drücke widerwillig auf den Klingelknopf neben dem Namen Berger. Berger. Simone Berger. Ich habe mir allen Ernstes eingebildet, dass ich bald so heißen würde. Der nächste Heulkrampf bahnt sich an, doch ich dränge ihn tapfer zurück. Behrens, Berger, ist doch sowieso fast das Gleiche. Wer will schon Berger heißen? Ich drücke die Türe auf und gehe die achtundvierzig Stufen wieder hoch. Mit jeder einzelnen scheinen meine Füße schwerer und schwerer zu werden. Oben am Treppenansatz fühlen sie sich wie zentnerschwere Bleiklumpen an. Die Tür steht einen Spalt offen und mir schallt nach wie vor laute Musik entgegen. Ich lege meine Hand auf die Klinke. Plötzlich frage ich mich, warum mir eigentlich keiner meiner Gäste besorgt hinterher stürmt, wenn ich tränenüberströmt und nach frischer Kotze riechend das Weite suche, nachdem ich meinen Freund und meine beste Freundin miteinander im Bett erwischt habe – vor aller Augen. It’s my party, aber niemand kümmert sich um mich. Maja zum Beispiel, die ich seit der Grundschule kenne. Und was ist mit Lena? Sonja, mit der ich meinen ersten Vollrausch hatte, damals, mit fünfzehn. Überhaupt, wer oder was sind die gut zwanzig Personen, die sich hinter dieser Türe auf meine Kosten besaufen, wenn nicht meine Freunde?
Wütend auf jeden Einzelnen, stoße ich die Tür auf. Alle sehen peinlich berührt zu Boden, als ich eintrete. Olaf und Viola sind nirgends zu sehen. Ich schnappe mir meine Jeansjacke, die an der Garderobe hängt, schubse Lena weg, die ihren Arm um mich legen will und renne aus der Wohnung. Sechzehn Treppenstufen abwärts in weniger als zwei Sekunden. Ich stürze in meine Zwei-Zimmer-Wohnung, durch den Flur ins Schlafzimmer, wo ich mich bäuchlings auf mein Bett werfe und zu schluchzen anfange. Mit einem Ohr lausche ich, ob mir jemand gefolgt ist. Noch mehr hoffe ich, dass Olaf gleich reumütig an meiner Tür kratzen und mich auf Knien um Vergebung und meine Hand bitten wird. O komm schon, Moni, wach auf! Etliche Stunden später kitzelt mich ein Sonnenstrahl, der durch meine Jalousie ins Zimmer fällt, an der Nase. Vorsichtig öffne ich ein Auge und bemerke erfreut, dass das erste Mal nach über zwei Wochen Dauernebel wieder die Sonne scheint. Das Lächeln auf meinem Gesicht gefriert nur den Bruchteil einer Sekunde später, als mich die Erinnerung an den gestrigen Abend wieder einholt. Ich habe keinen Grund mehr zu lachen.
Mit Schrecken fällt mir ein, dass ich gestern auf den Schlafzimmerboden gekotzt habe und frage mich kurz, ob das alles noch schlimmer oder vielleicht doch ein klitzekleines bisschen besser macht.

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