Bei der ersten Lektüre kämpften zwei Empfindungen gegeneinander: ein leichter Unwille ob der Idealisierung des Cyborg Jod auf der einen, Bewunderung für die innovativen Ansätze zur Genderproblematik im gesamten Buch auf der anderen Seite. Denn der entscheidende Punkt ist: Gender, nicht Sex. Das Deutsche entbehrt eine Unterscheidung dieser Art, deshalb mag der Text im Original auf Anhieb überzeugender sein.
Eine weitere Lektüre zeigte die differenzierte Methode, mittels derer Piercy nicht nur die Reflexionen Jods zu seiner Existenz, sondern auch die Genderzuschreibung seiner Person im Kontext seines Umfeldes. Auch der Mißmut wegen der Über-Mann-Allüren schwand, denn dies ist er nur für Shira, deren Vergangenheit und Prägung schnell als Ursache gefunden sind.
Eingebunden ist die Geschichte um Jod in eine modifizierte Version der alten Volkssage über den Golem von Prag. Interessant in den Text integriert ist diese Sage sowohl Folie als auch Binnengeschichte; ein intelligentes Erzählen und viel Geschick sind notwendig, eine solche Verbindung zweier Handlungsstränge ohne allzu große Brüche zu meistern.
Auch der Golem durchläuft seine eigene Ontogenese, im Geistigen wie im Sozialen, und ebenso wie Jod muß der Golem Josef seine Position im Gendergerüst finden, ungeachtet der Tatsache, daß er kein natürliches Wesen ist. Dies eröffnet den Blick auf ein wichtiges Prinzip im Genderdiskurs: Geschlecht als soziale Konstruktion.
Doch nicht nur Jod ist für eine Genderdiskussion ein dankbares Objekt. Die zweite Person mit unkonventioneller Genderrolle, Nili, ist qua ihrer Herkunft aus einer reinen Frauengemeinschaft im zerstörten Israel eine fiktive Versuchsperson für die radikalste aller Lösungen, die allerdings nicht unkritisch dargestellt wird: der Ausschluß eines ganzen Geschlechts.
Fernab von Klischees über die angenommenen Eigenschaften der Geschlechter zeigt Piercy in diesem zudem noch äußerst unterhaltsamen S(ocial)F(antasy)-Roman, daß nichts so ist, wie wir glauben, daß es sein muß oder sollte - zwei Mal lesen und als Bereicherung für die eigene Reflexion empfinden.