Aus der Amazon.de-Redaktion
Der Jahrhunderte währende Vorsprung des Westens, das heißt der frühindustrialisierten Länder vor allem Europas und Nordamerikas schrumpft in immer schnellerem Tempo. Eine neue, bis dahin unbekannte Wettbewerbssituation ist entstanden, in der die über die Zeit müde gewordenen westlichen Gesellschaften zunehmend Mühe haben, sich zu behaupten. Ermüdungserscheinungen sind unübersehbar: Der gesellschaftliche Zusammenhalt erodiert, man sucht Ruhe und Zerstreuung und ist immer weniger bereit Mühen auf sich zu nehmen. Unsere Gesellschaften insgesamt sind träge geworden -- auch was die Fortpflanzung betrifft: Bestandserhaltende Geburtenraten weist mittlerweile keines der westlichen Völker mehr auf. Noch versuche die Politik, so der Autor, "das alles zu übertünchen". Sie dope Wirtschaft und Gesellschaft mit immer höheren öffentlichen Schulden und versuche so, "eine Dynamik vorzugaukeln, die es schon längst nicht mehr gibt".
Miegels Analyse unserer gesellschaftlichen Gegenwart ist schonungslos. Und das ist auch nötig. Nur wer der Wirklichkeit ungeschminkt ins Auge sieht, wird sich von rückwärtsgewandten Handlungsrezepten nicht mehr blenden lassen und bereit sein, das die Not wendende zu tun, um einer Zukunft willen, die wir ansonsten schon verloren haben. Und das heißt für Miegel: Abschied nehmen von Wachstumsmythen und Wohlstandswahn -- bescheiden werden! -- Hasso Greb
Pressestimmen
DER SPIEGEL,17.10.05
FRANKFURTER NEUE PRESSE, Norbert Walter, 18.10.05
DEUTSCHLANDRADIO KULTUR, Peter Merseburger, 14.10.05
DIE WELT, Andrea Seibel, 02.09.05
Kurzbeschreibung
Über den Autor
Auszug aus Epochenwende von Meinhard Miegel. Copyright © 2005. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
Alle reden vom Wetter und vom Wechsel der Jahreszeiten.
Der Wandel des Klimas beschäftigt hingegen nur wenige.
Das ist verständlich. Denn während sich die Menschen ständig
an Wetter und Jahreszeiten anpassen müssen, werden sie
nur selten von einem Klimawandel gefordert. Doch irgendwann
kommt er und verändert ihre Lebensbedingungen von
Grund auf.
Ähnliches gilt für Wirtschaft und Gesellschaft. Alle reden
von Wachstumsraten und Beschäftigtenzahlen, von
Strukturmaßnahmen und Parlamentswahlen, und nur gelegentlich
richtet eine Minderheit ihren Blick auf die fundamentalen
Verschiebungen im globalen Gefüge von Völkern, Volkswirtschaften,
Handelsströmen und anderem mehr. Doch es sind diese Verschiebungen,
die wie der Wandel des Klimas irgendwann
alle und alles erfassen. Dann wird Altes durch Neues,
Vertrautes durch Fremdes verdrängt. Eine Epoche wird
durch eine andere abgelöst. Eine solche Epochenwende ist
jetzt.
In der nunmehr zu Ende gehenden Epoche hatte der
Westen einen weiten Vorsprung vor der übrigen Welt.
Jahrhundertelang war er ihr technisch-industriell überlegen.
Seine Bevölkerungen waren weithin besser gebildet und ausgebildet.
Der materielle Wohlstand stieg schneller als anderswo,
und zugleich nahm die Zahl der Menschen rascher zu.
Dadurch erlangte der Westen weltweite Vorherrschaft.
Nun aber sind immer mehr Länder dabei, diesen Vorsprung
aufzuholen. Der Abstand wird von Jahr zu Jahr kleiner.
Binnen weniger Jahrzehnte dürften Länder wie Deutschland,
Frankreich oder Großbritannien, aber auch Japan und
selbst die USA ihre derzeit noch hochprivilegierte Stellung
weitgehend eingebüßt haben.
Sie werden von allen Seiten hart bedrängt. Das zeigt nicht
zuletzt ihr hoher und immer noch steigender Aufwand für
militärische Rüstung, Terror- und Drogenbekämpfung oder
die Verteidigung ihrer Eigentumsrechte. Besonders bedrängt
werden sie jedoch durch die zunehmende Wirtschaftskraft
der Aufsteiger. Deren Erwerbsbevölkerungen sind heute oft
genauso qualifiziert und motiviert wie diejenigen des Westens,
und darüber hinaus sind sie jung, unverbraucht und vor
allem genügsam. Mit ihren Leistungen können sie sich überall
sehen lassen. In gewisser Weise befinden sich die Aufsteiger
jetzt da, wo sich die Völker des Westens befanden, als sie
aufbrachen, die Welt nach ihren Vorstellungen zu gestalten.
In diesem Wettbewerb auf Dauer mitzuhalten fällt dem
Westen umso schwerer, als ihn der über Generationen gehaltene
Vorsprung müde und mürbe gemacht hat. Die Ermüdungserscheinungen
sind unübersehbar. Der gesellschaftliche
Zusammenhalt zerfällt. Die Sozialverbände, an ihrer
Spitze die Familie, befinden sich in Auflösung. Die abträglichen
Nebenwirkungen des westlichen Lebensstils drängen
immer stärker an die Oberfläche. Breite Bevölkerungsschichten
suchen vor allem Ruhe und Zerstreuung. Mühen scheuen
sie, zum Beispiel die Mühen, die mit dem Aufziehen von Kindern
verbunden sind. Die Völker des Westens weisen nirgendwo
mehr bestandserhaltende Geburtenraten auf. Vor
allem aber plagen sie Zweifel an ihrer Zukunft. Oft handeln
sie, als hätten sie keine.
Noch versucht die Politik, das alles zu übertünchen. Sie tut
so, als könne der schwindende Vorsprung des Westens schon
bald wieder ausgebaut und dann bis in alle Zukunft erhalten
werden. Um ihrem Handeln mehr Glaubwürdigkeit zu
verleihen, dopt sie Wirtschaft und Gesellschaft mit immer
höheren Dosen öffentlicher Schulden und versucht so, eine
Dynamik vorzugaukeln, die es schon längst nicht mehr gibt.
Verantwortungsbewusstes Handeln sieht anders aus. Die
Völker des Westens müssen lernen, sich in einem veränderten
globalen Gefüge einzurichten. Sie müssen hinnehmen,
dass sie die Welt nicht länger dominieren, sondern von nun
an mit anderen zu teilen haben. Das bedeutet Verzicht. Zu
glauben, die Habenichtse würden wie bisher tatenlos zusehen,
wenn sich die Völker des Westens die Teller voll häufen,
ist wirklichkeitsfremd.
Das heißt nicht, dass der Westen künftig Not leiden muss.
Seine Völker können durchaus ein hohes Wohlstandsniveau
halten - unter der Voraussetzung, dass sie mit ihren Mitteln
und Möglichkeiten haushälterischer umgehen sowie ihre
Wirtschaft und Gesellschaft klüger gestalten als in den zurückliegenden
Jahrzehnten der Vergeudung und des Überflusses.
Doch eines müssen sie wissen: Mit ihren bisherigen
Sicht- und Verhaltensweisen, mit ihren Attitüden sich selbst
und der Welt gegenüber und mit ihrer Hoffnung, fast alle
Probleme durch ein nie versagendes Wirtschaftswachstum
zudecken zu können, werden sie nicht mehr erfolgreich sein.
Für den Westen geht ein goldenes Zeitalter zu Ende. Jetzt
tritt er ein in ein eisernes, das allerdings ehrlicher, belastbarer
und dauerhafter sein könnte als jenes goldene, das so golden
oft gar nicht war. Und lebenswert ist auch die kommende
Epoche! Allerdings verlangt sie stärker als die jetzt zu Ende
gehende die Anspannung aller geistig-sittlichen Kräfte. Der
überbordende materielle Wohlstand hat diese Kräfte erschlaffen
lassen. Gelingt jedoch diese Anspannung, kann der
Westen der Welt vorleben, wie an Zahl abnehmende und
stark alternde Gesellschaften mit begrenzten Mitteln und
Möglichkeiten ein hohes materielles und immaterielles
Wohlstandsniveau aufrechterhalten können. Andere Völker
werden dem mit großer Aufmerksamkeit folgen. Denn sie
werden in wenigen Jahrzehnten dort sein, wo sich der Westen
heute befindet.